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Erotik Fifty Shades of Grey - das geheime Buch

Großstädterinnen in New York beim Lesen über die Schulter zu schauen, kann recht prickelnd sein. Die gebildeten Leserinnen begeistern sich derzeit für erotische Lektüre auf elektronischen Geräten - und stillen so vielleicht eine geheime Lust.

22.06.2012 17:08
Sebastian Moll
Cover des Bestsellers "Fifty Shades of Grey". Foto: dapd

Elektronische Lesegeräte gehören schon lange zur Standardausrüstung der modernen Großstädterin. Wenn in der New Yorker U-Bahn eine elegant gekleidete Frau auf dem Weg zur Arbeit ihr iPad oder ihren Kindle zückt, dann erregt das heute weniger Aufmerksamkeit, als wenn sie die unterschätzte Kunst beherrscht, die New York Times einhändig für den Bahngebrauch in Zweispaltenbreite zu falten.

Seit Wochen ist es dennoch schwierig, die Neugierde zu unterdrücken, wenn Frauen in der Öffentlichkeit den Tablet-Rechner aus der Handtasche zücken. Seit Beginn dieses Frühjahrs ist es nämlich hochwahrscheinlich, dass auf dem Kleinbildschirm weniger Erbauliches aufgerufen wird, als etwa ein Klassiker, der für den Buchclub studiert wird oder auch nur die neueste Ausgabe der Vogue. Denn seitdem wird die Bestsellerliste der New York Times mit riesigem Abstand von „Fifty Shades of Grey“ angeführt – einem Buch, das man nicht anders charakterisieren kann, denn als Soft-Porno für eine weibliche Zielgruppe im Alter zwischen 30 und 50.

Erotik diskret beim Frühstück

Der Begriff Blockbuster ist für die „Fünfzig Schattierungen“ noch zurückhaltend gewählt. In den vergangenen sechs Wochen wurde das Buch zehn Millionen Mal verkauft. Die Mehrzahl der Exemplare ging dabei selbstredend elektronisch an die Leserinnen. Schließlich möchten die Käuferinnen bei ihrem erotischen Lesevergnügen wohl kaum einen verräterischen Schutzumschlag vor der Nase tragen, wenn sie beim Zahnarzt im Wartezimmer sitzen oder die Schulaufgaben der Tochter beaufsichtigen.

Eines ist jedoch trotz allem unübersehbar: Amerikas Frauen können von dem Werk der Londoner Hausfrau und Mutter E. L. James nicht lassen. Laut einer Umfrage der New York Post haben die Leserinnen mehrheitlich mindestens eine der drei folgenden Dinge getan: 1. Die gesamten 1200 Seiten in weniger als zehn Tagen gelesen: 2. Das Buch einfach nicht weglegen können; 3. Es beim Frühstück in Beisein der Familie diskret auf einem elektronischen Gerät gelesen. Unter New Yorker Müttern heißt „Fifty Shades“ mittlerweile einfach nur „The Book“. Von welchem Buch bei dieser Code-Bezeichnung die Rede ist, muss nicht weiter ausgeführt werden.

Nun fragt sich Amerika, warum das Werk für Frauen so unwiderstehlich ist, obwohl man sich über die eher mittelmäßige literarische Qualität einig ist. „Ich kapiere das nicht“, sagte eine New Yorker Rechtsanwältin im Gespräch mit der New York Times. „Alle meine Freundinnen verschlingen es, und das sind hochgebildete, selbstbewusste, professionelle Frauen.“

Sado-Maso für die Karrierefrau

Der Hype ist angesichts dieses demografischen Leserinnen-Querschnitts tatsächlich schwer nachvollziehbar. Denn „Fifty Shades“ ist eine Sado-Maso-Geschichte, bei der sich eine gebildete junge Frau willentlich der Gewalt eines reichen, herrschsüchtigen Mannes ausliefert. Es ist eine Art abgemilderte „Geschichte der O“ für das 21. Jahrhundert – nicht gerade Literatur, von der man glauben würde, sie übe auf die moderne Karrierefrau eine besondere Anziehung aus.

Doch vielleicht lehrt ja der Erfolg von „Fifty Shades“, dass es ein Fehler ist, einen Widerspruch zwischen Emanzipation einerseits und dem Verlangen zur Unterwerfung andererseits zu sehen. Das glaubt jedenfalls die Kulturwissenschaftlerin Katie Roiphe, die im Nachrichtenmagazin Newsweek einen viel diskutierten Essay zu „Fifty Shades“ verfasst hat. „Frauen haben mehr Macht und mehr sexuelle Freiheiten, als je zuvor“, schrieb Roiphe. „Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht weiterhin komplizierte Gefühle von Scham und Wertlosigkeit haben.“

Laut Roiphe besteht ein klarer Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen. In einer Zeit, in der 40 Prozent der arbeitenden Frauen mehr verdienen als ihre Männer und die Mehrheit der unter 30 Jahre alten Frauen ihre Kinder alleine großzieht und ernährt, schreibt die Professorin der New York University, wachse das Bedürfnis, im Schlafzimmer die Kontrolle abzugeben. Das Verlangen zur Unterwerfung ist gemäß dieser Logik nichts weiter als eine Art Ermattung vom anstrengenden Geschäft der Gleichberechtigung: „Wir wollen Gleichstellung und Macht“, sagt Roiphe, „aber nicht immer und überall.“

Kaum Kritik von Feministinnen

Der Erfolg von „Fifty Shades“ ist das deutlichste Symptom dieses Phänomens unserer Zeit aber bei weitem nicht das einzige. Andere sind etwa die TV-Serie „Girls“ in der eine junge Karriere-Frau masochistische Fantasien artikuliert oder etwa der Oscar-nominierte Film „Eine dunkle Begierde“, über die Frühzeit der Psychoanalyse, in der eine sehr explizite SM-Szene eine zentrale Rolle spielt. Die Zeitschrift Psychology Today bestätigte jüngst mit einer Studie den Trend: 31 Prozent der befragten Frauen hatten regelmäßig Vergewaltigungs-Fantasien.

All das müsste Feministinnen und Feministen eigentlich Unbehagen bereiten. Doch die Kritik ist weitgehend ausgeblieben. Stattdessen freut man sich darüber, dass sich Frauen zu Millionen mittels „Fifty Shades“ offen und ohne Scham ihren sexuellen Wünschen hingeben. Relativ offen jedenfalls, denn die Verkaufszahlen der gedruckten Ausgabe liegen weit hinter denen der elektronischen Bücher.

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