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Eine Frau klagt an Ein Ehrenmord

Nourig Apfeld musste dabei zusehen, wie ihre Schwester vom Vater getötet wurde. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben – und beklagt darin auch deutsche Multikulti-Romantik und Vorurteile .

20.09.2010 09:10
Cigdem Akyol
Nourig Apfeld, geb. 1972 in Syrien, lebt seit 1979 in Deutschland. „Ich bin Zeugin des Ehrenmordes an meiner Schwester“ ist im Wunderlich Verlag Reinbek erschienen, 288 S., 19,95 Euro. Foto: dapd

Waffa liegt auf dem Sofa, leblos und um den Hals ein Seil, ihre Zunge quillt aus ihrem Mund hervor. Es ist der 29. August 1993, frühmorgens um halb sechs. Waffas Schwester Nourig wird von ihrem Vater geweckt und ins Wohnzimmer gezogen. Hinter dem Sofa stehen zwei Cousins, der eine, Kaan, zwingt sie, an der Schlinge zu ziehen. „Damit du weißt, wie es dir ergeht, wenn du nicht nach unseren islamischen Regeln lebst“, sagt er. Als sie Waffa versehentlich berührt, spürt sie ihre noch warme Haut.

Waffa, 1976 im syrischen Aleppo geboren, wurde siebzehn Jahre alt. Sie starb 1993 in Bonn-Bad Godesberg. Waffa wollte so leben wie die anderen Mädchen ihres Alters. Sie war eine Provokation für ihre Familie. Deswegen wurde sie ermordet und anschließend verbuddelt, irgendwo im Westerwald. Bis heute ist ihre Leiche nicht gefunden worden.

Wer Waffas Schwester Nourig Apfeld heute trifft, begegnet einer zierlichen Frau mit langen schwarzen Haaren. Nourig Apfeld ist ganz in Schwarz gekleidet, sie trägt eine elegante Brille und Perlenohrringe. Sie ist eine stolze Frau, die erhobenen Hauptes durch die Straßen geht. Wo man sich mit ihr trifft, in welcher Stadt, in welchem Café, das muss geheimbleiben. Nourig Apfeld ist untergetaucht, sie versteckt sich vor ihren Verwandten. Was immer noch mit dem Tod der Schwester vor siebzehn Jahren zu tun hat. Und mit Nourig Apfelds Buch, das am Freitag erscheint. Es heißt „Ich bin Zeugin des Ehrenmords an meiner Schwester“.

Nourig Apfeld hat sich in diesem Buch ihre Geschichte von der Seele geschrieben; es ist eine nüchterne und zutiefst persönliche Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Sterben. Auf dem Buchcover ist ein Foto von ihr zu sehen, sie schaut skeptisch, sie wirkt nicht wie jemand, der Angst hat. Nourig Apfeld will sich nicht mehr verstecken, auch wenn sie nun wieder um ihr Leben fürchten muss. Dennoch geht es darum, zu verzeihen, um weitermachen zu können, nach vorn zu schauen statt immer zurück. „Ich will nicht am Leben vorbeileben wie meine Eltern“, sagt sie. „Die Flucht hat ein Ende.“

Familie als Fluchtpunkt

Nourig Apfeld ist aufmerksam, fröhlich sogar, sie hat ein weich geschwungenes Gesicht. Wie geht es einem Menschen, dessen Familie die Schwester umbrachte und einen zum Mitwisser machte? Wie viele Jahre dauert es, bis man über diese Bilder von gestern reden kann, ohne immer wieder in einen emotionalen Abgrund zu fallen? „Ich habe meine Vergangenheit hinter mir gelassen“, sagt die 38-Jährige. Ihr Schicksal hat sie stark werden lassen, aber auch vorsichtig. Wer Nourig Apfeld näherkommen möchte, muss sich ihr Vertrauen erarbeiten.

Auf der Suche nach einem Warum muss man sehr weit zurückgehen, ins Jahr 1979. Damals flieht der kurdische Regimegegner Ali aus Syrien nach Bonn, ein Jahr später kommen seine Frau Khadija, die dreijährige Tochter Waffa und die siebenjährige Nourig nach. Alis Familie wächst, es folgen noch ein Sohn und eine Tochter. Sie leben zunächst in einem Dachzimmer, ohne Dusche und mit einer Toilette im Erdgeschoss. Erst vier Jahre später kann die Familie in eine größere Wohnung ziehen. Der Vater arbeitet in einer Metallfabrik und einem landwirtschaftlichen Betrieb zugleich.

Die Familie ist der Fluchtpunkt, das, was es in Deutschland zu verteidigen gilt. Die Eltern beginnen sich an syrischen Traditionen festzuhalten, die sie vor dem Ertrinken in der sittenlosen Fremde retten könnten. Zu Hause trug die Mutter selten ein Kopftuch, in Deutschland geht sie anfangs nicht mehr ohne raus. „Sie hasste uns Mädchen, vermutlich weil sie die ihr damit auferlegte Verantwortung hasste, uns in einer verdorbenen Gesellschaft zu guten Muslimas erziehen zu müssen“, sagt Nourig Apfeld über ihre Mutter. Als Älteste hat sie viel Verantwortung getragen, sie musste im Haushalt helfen, für die Eltern dolmetschen, sich um die Geschwister kümmern.

Wenn man sich Fotos von der Familie aus jenen Tagen anschaut, sieht man einen liebevollen Vater. Waffa sitzt auf seinem Schoß, mit ihren wilden, braunen Locken grinst sie frech in die Kamera. Nourig Apfeld muss aber auch mit ansehen, wie verzweifelt ihre Eltern hier sind. Einmal, schreibt sie in ihrem Buch, wird sie wach von einem Streit der beiden. Sie zerren an einer Flasche, deren Etikett einen Totenkopf trug. Der Vater hatte sich Gift gekauft, um sich umzubringen. Die Mutter fand das Mittel, wollte sich selbst damit das Leben nehmen.

Weil die Verführungen des freien Europas die Töchter in unwägbare Gefahren bringen könnten, entschieden sich ihre Eltern zu noch mehr Strenge. Als die Älteste ihre erste Periode bekommt, glaubt die Mutter, das Blut sei ein Zeichen für die Entjungferung. Deswegen zwingt sie ihre Tochter, sich auszuziehen und untersucht mit ihren Fingern Nourigs Jungfräulichkeit. Wenn eine der Töchter es wagt zu protestieren, stopft die Mutter ihr aufgeschnittene Chilischoten in den Mund.

Die Art, in der Nourig Apfeld über ihre Kindheit spricht, irritiert zunächst. Ihr Ton ist unbeteiligt, als habe das Ganze ohne sie stattgefunden. Es ist so, als müsse sie Distanz herstellen, um das Erlebte schildern zu können. Sie redet schnell, manchmal überschlägt sich ihre Stimme.

Anders als ihre ältere Schwester war Waffa widerspenstig. Sie begann, den Anweisungen der Eltern nicht mehr bedingungslos nachzukommen. Sie wollte nicht nach den alten syrischen Regeln leben, die ihr in Bonn sinnlos erschienen. Sie stritten um ihr Äußeres. Um ihre offenen Haare, die engen Jeans, Zigaretten, Alkohol. Sie stritten um ihre Freunde und Bekannten, es ging um das Ansehen der Familie. Waffa wird, erst vierzehn Jahre alt, in die Türkei geschickt. Nach einer Zwangsverheiratung kehrt sie 1992 schwanger nach Deutschland zurück und bringt einen Jungen zur Welt, um den sie sich nicht kümmert. Sie flüchtet, gibt das Baby in ein Heim und verfügt, dass niemand aus ihrer Familie Zugriff auf das Kind haben darf.

Waffas Cousin Ramadan macht ihrem Vater Vorwürfe, sagt, dass seine Töchter ehrlos seien. Der Vater ist zermürbt – die Ehefrau kurz vorher verstorben, die Tochter weg, der Enkelsohn verschwunden. Ehrlos will er nicht vor der syrischen Gemeinde stehen, deshalb plant der Vater gemeinsam mit den zwei Neffen den Mord. Um das Verschwinden seiner Tochter zu vertuschen, sagt der Vater dem Jugendamt, das Mädchen sei unbekannt verzogen. Waffa gilt als eine, die es nirgendwo lange hält, deswegen finden die Behörden das nicht weiter auffällig. Auch die anderen Geschwister glauben dies, niemand sucht nach Waffa.

Nourig Apfelds Buch ist keine Abrechnung, sie richtet nicht über ihre Familie. Ihr geht es um die Gesellschaft. Sie klagt diejenigen an, die den Islam benutzen, und die, die wegsehen. „Gewalt im Namen der Ehre ist keine exotische Geschichte aus dem Nahen Osten“, kritisiert sie. Sie mahnt, dass Familienverbrechen keine Frage der Ehre sind, die innerhalb der Familie geklärt werden können, sondern etwas, „womit sich die ganze Gesellschaft beschäftigen muss“. Das klarzumachen sei ihre Aufgabe. „Deswegen schreibe ich“, sagt sie.

Sie wird auch politisch in ihrem Buch und kritisiert die Integration als eine deutsche Kollektivlüge von links und rechts: Die einen seien entschlossen, auch noch den letzten archaischen Brauch als Bereicherung zu empfinden, die anderen seien froh, wenn man von den Fremden möglichst wenig sieht, findet sie und schildert die aggressive Ablehnung, die ihrer Familie einst von der Mehrheitsgesellschaft entgegenschlug. So erzählt Nourig Apfeld, wie der Rektor sie als einziges Migrantenkind auf ihrer Grundschule hänselte, etwa anderen Kindern davon abriet, mit ihr zu spielen – Ausländer würden doch in den Dschungel gehören.

Die Geschichte der Familie wird beherrscht von Angst und Verlust. „Wie konntest du das tun?“, fragte Nourig Apfeld ihren Vater nach dem Mord. „Ich konnte nicht anders“, antwortete er. Kurze Zeit später läuft sie aus ihrem Leben davon, heiratet einen Deutschen, fängt ein Medizinstudium an. Und irgendwann scheint es so, als hätte sich alles beruhigt.

Es ist ein Irrtum. Das Verbrechen lässt sich nicht aus ihrem Bewusstsein tilgen, sie wird krank und kann nicht weiterstudieren. Erst nach neun Jahren vertraut sie sich einem Therapeuten und ihrem Ehemann an – dann auch der Polizei.

Aus dem Zeugenschutzprogramm geflogen

Am 2. Juli 2004 zeigt sie ihren Cousin Kaan an, der für sie der Hauptverantwortliche an dem Mord ist. Sie will nur aussagen, wenn sie ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird. Als die Polizei ihr dies nicht garantieren kann, verweigert sie die Aussage. Die Beamten ermitteln verdeckt weiter. Ein V-Mann entlockt dem Vater das Geständnis, sein Kind erdrosselt zu haben. Es vergeht weitere Zeit, im Jahr 2007 wird Nourig Apfeld von der Polizei zu einer Aussage überredet. Dafür wird ihr jetzt die Aufnahme in das Zeugenschutzprogramm garantiert. Im März 2007 sagt sie bei einer Vernehmung aus, danach werden ihr Vater und ihr Cousin verhaftet. Der andere in der Mordnacht anwesende Cousin hatte sich schon Jahre zuvor ins Ausland abgesetzt.

Nourig Apfeld wird nach Augsburg umgesiedelt, aber von einem Identitätswechsel ist keine Rede mehr. Als immer mehr Zeit vergeht, schaltet sie einen Anwalt ein. Da fliegt sie aus dem Zeugenschutzprogramm. „Obwohl ich mich schutzlos fühlte, habe ich mich doch noch für eine Aussage vor Gericht entschieden“, sagt Nourig Apfeld. „Das war ich Waffa schuldig.“

Im März 2008 wird der geständige Vater zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt, der Mitangeklagte Kaan von dem Vorwurf der Beihilfe zum Mord freigesprochen. Die Beweise seien zu dürftig, weil die Kronzeugin ihn nicht bei der Tat sah und ihr Vater die alleinige Schuld auf sich nahm. Eine Entwicklung, die Nourig Apfeld vorausgesehen hat. „Nie wieder“ würde sie aussagen, denn keine der Zusagen seien eingehalten worden, der Cousin war wieder frei.

Zwar erhält sie Personenschutz und wechselt regelmäßig ihren Wohnort, aber im Zeugenschutzprogramm ist sie immer noch nicht, ihre „Kooperationsbereitschaft“ sei fraglich. Was das bedeutet? „Nicht aufgrund ihrer Unzuverlässigkeit, sondern aufgrund ihrer Angst vor den Beschuldigten“ sei sie nicht für die Aufnahme in das Zeugenschutzprogramm geeignet, heißt es in einem Schriftsatz der Staatsanwaltschaft. Dabei ist ihre Angst begründet. Denn aus Gesprächen, die die Beamten mitgeschnitten haben, geht hervor, dass Verwandte auf der Suche nach ihr sind. Die Kronzeugin hat Angst vor einem Racheakt, kann nicht arbeiten gehen und lebt von Hartz IV. Sie verklagte die Staatsmacht vor dem Kölner Verwaltungsgericht, der Prozess endete mit einem finanziellen Vergleich.

Nourig Apfeld lebt heute in einer Großstadt in Deutschland und studiert Psychologie. Sie ist inzwischen froh, nicht ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden zu sein. „Es wäre ein Leben mit einer Identitätslüge gewesen. Denn allein schon das Bewusstsein, mit einem fremden Namen und einer falschen Vita zu leben, erinnert jeden Tag an die Vergangenheit, die dann im Jetzt vorherrschen würde.“

Sie hat mit niemandem aus der Familie Kontakt. Sie ist verschwunden, wie ihre Schwester.

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