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Ein Tatortreiniger im Interview Aufwischen und fertig

Er wird gerufen, wenn jemand die Spuren einer Leiche beseitigen muss - weil es sonst schrecklich stinkt: Tatortreiniger Peter Anders kämpft gegen den Geruch des Todes – mit allen Mitteln.

08.05.2011 12:37
Kreidespuren zeigen den Umriss eines Toten. Foto: dpa

Er wird gerufen, wenn jemand die Spuren einer Leiche beseitigen muss - weil es sonst schrecklich stinkt: Tatortreiniger Peter Anders kämpft gegen den Geruch des Todes – mit allen Mitteln.

Herr Anders, wie erklären Sie Freunden und Bekannten Ihren Beruf?

Ich erzähle denen, dass ich mit meinem Reinigungsteam an Tatorte fahre – oder wie ich es lieber bezeichne: an Leichenfundorte – und dass wir die säubern. Damit helfen wir auch den Hinterbliebenen, das Trauma schnell zu vergessen und in den normalen Alltag zurückzufinden.

Der Reiniger als Seelsorger?

Natürlich, das spielt da mit hinein. Sie müssen sich vorstellen: Der Ehemann erschießt sich im Gang. Wenn die Polizei und der Bestatter ihre Arbeit getan haben, bleiben da immer noch Flecken und Gerüche, die alle im Haus an dieses Szenario erinnern würden. Dann werden wir gerufen. Ich glaube nicht, dass viele Leute die Körperreste ihrer Angehörigen selbst aufwischen wollen.

Eine heikle Aufgabe. Zu welchen Mitteln greifen Sie da?

Vieles ist aus der Not entstanden. Um den Todesgeruch zu bekämpfen, haben wir früher Maskomal genommen. Eine Sprühflüssigkeit, die in Kläranlagen und Schlachtereien hergenommen wird, überall, wo es nach Tod und Kot riecht. Nachher duftet es dann so in etwa nach süßem englischen Kaugummi.

Auch nicht angenehm.

Aber besser als Leichengeruch. Nur: Wir hatten hartnäckige Fälle, wo wir das auch mit Maskomal nicht wegbekommen haben. Jetzt benutzen wir Flüssigkeiten, die wir selbst entwickelt haben, die die Kette der Geruchsmoleküle unterbrechen.

Klingt kompliziert. Was ist das für einen Mischung?

Berufsgeheimnis. Bitte nicht aufschreiben.

Gab es Flecken, die auch Sie nicht wegputzen konnten?

Nein. Wenn’s mit chemischen Mitteln nicht geht, musst du am Ende halt den Estrich wegmeißeln.

Leichenflüssigkeit scheint ein aggressives Zeug zu sein.

Das kann man sagen. In einem Fall lag die Leiche vorher auf einem Sofa, und zwar schon sehr lange. Da war die Flüssigkeit durch das Sofa gesickert, dann durch den Teppich und in den Estrich hinein. Manchmal kommt es mir vor, als sei das Zeug flüssiger als Wasser. Es kommt wirklich überall hin.

Und wenn alle Flecken weg sind, rufen die Bewohner an, dass das Zimmer trotzdem noch nach Leiche riecht. Einbildung?

Nein. Das Problem bei lang liegenden Leichen ist, dass auch Kunststoffe und Plastik den Geruch annehmen. In einem Fall haben sogar die Plastiksteckdosen gestunken. Das mussten wir am Ende die Wand aufstemmen und die Stromleitungen rausnehmen.

Welches Rüstzeug muss ein guter Tatortreiniger mitbringen?

Er muss handwerkliches Geschick mitbringen, körperlich fit sein, seelisch belastbar. Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Angehörigen ist sehr wichtig. Und er muss reinlich sein. Da bin ich selbst Perfektionist. Wenn Sie nur ein Teilchen übersehen, dann stinkt die ganze Wohnung morgen wieder.

Ein stabiler Magen ist bestimmt auch von Vorteil?

Sicher, wobei man sagen muss: Wir sind auch nur normale Menschen. Je nach Tagesform hab’ ich auch schon mal einen Würgereiz.

Was ekelt Sie besonders?

Fäkalien. Sie können sich das vielleicht nicht vorstellen, aber da kommt man manchmal in Messie-Wohnungen, in denen das Klo randvoll mit Fäkalien ist. Da wird mir dann schon mal schwummrig.

Ihre Tätigkeit härtet Sie nicht ab?

Ich reagiere sogar eher empfindlicher auf Gerüche als früher. Vielleicht ist es wie mit dem Maßkrug. Jeder Mensch hat eine Seele, und wenn die voll ist, ist sie voll.

Versuchen Sie deshalb, die einzelnen Schicksale hinter Ihren Aufträgen bei der Arbeit möglichst wegzuschieben?

Nein, im Gegenteil. Ich will erfahren: Was war das für ein Mensch, wie ist er zu Tode gekommen? Bei manchen Einsätzen rede ich erst ein, zwei Stunden lang mit den Angehörigen, bevor ich mit dem Putzen anfange.

Was geht Ihnen dann beim Säubern durch den Kopf?

Ich denke oft: Hoffentlich passiert mir das nie. Oder meinen Kindern. Einmal gab es den Fall eines 15-jährigen Jungen, der sich mit der Schrotflinte den Kopf weggeschossen hat. Wegen einer Lappalie eigentlich, die Mutter hatte mit ihm wegen schlechter Noten geschimpft. Da hat er sich umgebracht. Ich komme dann nach Hause und denke: Musste ich mit meiner Tochter jetzt wirklich so schimpfen, nur weil sie das Zimmer nicht aufgeräumt hat?

Im Buch beschreiben Sie die von Schädlingen befallenen Reste eines Körpers als „übel riechenden Risotto“, ein anderes Mal sprechen Sie von „Himbeerquark“. Schwarzer Humor hilft, um die Tragödien zu verarbeiten?

Unbedingt. Das ist ein wichtiger Schutz, dieses ein bisschen Flapsige beim Erzählen. Das nimmt den Stress aus der Sache. Sonst lässt sich das nicht ertragen.

„Was vom Tode übrig bleibt“ lautet der Titel Ihres Buches. Es bleibt nichts als tote Materie, die man wegputzen muss?

An das Leben nach dem Tod glaube ich nicht. Man lebt nur in den Gedanken der Angehörigen weiter.

Die Metaphysik bleibt bei der Arbeit draußen.

Ja, die bleibt draußen. Wir gehen zu den Leichenfundorten hin und sagen uns: Das ist jetzt da und wir machen es weg. Fertig.

Interview: Elisabeth Scharfenberg und Thomas Wolff

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