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Ein Jahr nach dem Missbrauchsskandal „Die Täter reiben sich die Hände“

Vor einem Jahr machte die Frankfurter Rundschau den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule bundesweit bekannt. Jürgen Dehmers, so sein Pseudonym, war eines der Opfer. Er hoffte, endlich Genugtuung für sein Leid zu bekommen. Er hat sich getäuscht. Seine bittere Bilanz.

04.03.2011 16:28
Ein Blick auf die Häuser der Odenwaldschule in Heppenheim. Foto: dpa

Vor einem Jahr begann mit dem Artikel der FR „Missbrauch an Elite-Schule“ die nun seither Jahr konstante Berichterstattung über diesen Skandal. Als Untertitel stand dort in Anlehnung an die Ereignisse in den katholischen Einrichtungen: „Ein Skandal um den Missbrauch an Schülern bahnt sich nun auch an einer Reformschule im Odenwald an.“ „Bahnt sich an“ ist gut, dachte ich damals. Bereits 1998 hatten mein Schulfreund Thorsten Wiest und ich die Schule davon in Kenntnis gesetzt, dass sie über ein Jahrzehnt mit Gerold Becker einen pädokriminellen Schulleiter hatte, wir seine Opfer waren und hinzugefügt: „Und wir sind nicht die Einzigen.“ Das hat die Odenwaldschule (OSO) nicht besonders interessiert.

1999 leisteten wir unseren Beitrag dazu, dass in der FR der Artikel „Der Lack ist ab“ erschien, welcher über die wesentlichen Informationen des sexuellen Missbrauchs und dessen Vertuschung und Bagatellisierung durch die Schule berichtete. Das hat die Bundesrepublik nicht besonders interessiert.

Seit 2008 forderten wir von der OSO, dass sie auf ihrer 100-Jahr-Feier 2010 das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte thematisiert. Das hat die Vertreter der Odenwaldschule nicht besonders interessiert.

„Ich sehe mich in einer Erpressungssituation“, sagte ein Vorstandsmitglied zu mir, als ich mein Anliegen vortrug. Manchmal höre ich die Hypothese, dass der Skandal in der OSO im Fahrwasser der aufgedeckten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche öffentlich werden konnte. Das ist Geschichtsfälschung. Auch Missbrauchsopfer der katholischen Kirche versuchten bereits vor Jahren, für ihre Geschichte Gehör zu finden. Es hat niemanden besonders interessiert.

Ich war froh, dass es uns gelungen war, 2010 noch einmal die FR dafür zu gewinnen, sich des Themas vor dem großen Fest in Ober-Hambach anzunehmen. Ich wollte den Verantwortlichen zumindest in die Suppe spucken. „Wenn der Artikel am Samstag erscheint, stehen die Ü-Wagen im Hambacher Tal“, habe ich noch die Stimme meiner Mitstreiterin Kathrin Heres im Ohr, als wäre es gestern gewesen, inzwischen war unser Duo zu einem Team aus drei Ex-OSOs angewachsen. „Ach Quatsch“, erwiderte ich damals, die Erfahrung von 1999 noch in den Knochen. „Wer interessiert sich denn schon für missbrauchte Kinder“, ergänzte ich. Für mich begann das Jahr der Überraschungen. Die Zeit war reif.

Zeit ständiger Retraumatisierung

„Mach die Nachrichten an, die OSO ist drin“, bekam ich am Abend des 6. März letzten Jahres einen aufgeregten Anruf. Ich machte die Tageschau an und sah die Häuser der Odenwaldschule, untertitelt mit: „Missbrauchsfälle an hessischem Internat“. Der Sprecher Jens Riewa listete die Fakten auf. Mit wurde klar, diesmal ist es anders als vor elf Jahren. Die Medien hatten angebissen und mit ihnen ehemalige Schüler der Odenwaldschule, die nun anfingen über ihre Erlebnisse in Ober-Hambach zu sprechen.

Mein Internetblog „Misalla“, von mir am Abend des 5. März freigeschaltet, um denjenigen eine Plattform zu bieten, die etwas zum Thema sagen wollten, lief heiß. Ich verstand die Welt nicht mehr. Innerhalb einer Woche verzeichneten wir über 1000 Einträge, Kathrin, Thorsten und ich schalteten die Beiträge im Schichtbetrieb frei. Für mich folgte eine Zeit, in der ich mich permanent mit meiner eigenen Geschichte befasste, in der ich unzählige grauenvolle Leidensgeschichten von Mitschülern hörte, eine Zeit ständiger Retraumatisierung und Aktivierung der alten Zorn- und Ohnmachtsgefühle.

Denn die Schule dachte nicht daran, die Opfer des Jahrzehnte andauernden sexuellen Missbrauchs finanziell zu entschädigen und ihnen auf der 100-Jahr-Feier einen angemessenen Platz einzuräumen. Die OSO beschädigte die Opfer ein weiteres Mal durch diese Unterlassungen. Die für die Opfer wirkungsvollen Veranstaltungen, wie das öffentliche Hearing, die Errichtung einer Gedenk-Skulptur und eine Ausstellung mit Original-Dokumenten, wurden von Ex-Schülern realisiert. Immer wieder hörte ich von Mitschülern, die auch Opfer von Übergriffen geworden waren und um deren Gesundheit es aus diesem Grund nicht gut bestellt war. Die Gespräche mit ihnen gehören zu meinen schmerzhaftesten Erfahrungen.

Seit einem Jahr bin ich froh darüber, dass die Mauern des Schweigens zwischen den Ex-Schülern eingerissen sind, dass wir miteinander reden, dass wir dem Grauen einen Namen geben konnten. Seit einem Jahr bin ich fassungslos und zornig darüber, wie die Schule versucht, die Situation auszusitzen. Und alle schauen zu.

Das Land blickt nach Ober-Hambach, auf die OSO, auf ein Internat mit etwa 200 Schülern. Eine Handvoll, verglichen mit den Schülerzahlen der Republik. Was ist interessant an einer Schule, die ihre besten Zeiten schon Jahrzehnte hinter sich gelassen hat und die heute Synonym ist für die sexuelle Ausbeutung von mehreren Generationen von Schülern und für ein System des Schweigens, des Bagatellisierens und für ein organisiertes Netzwerk von Pädokriminellen?

Die OSO ist Modellschule, und zwar inzwischen Modell dafür, ob es für eine Institution möglich ist, sich der Verantwortung zu entziehen und die eigene Zukunft über die Entschädigung von über hundert beschädigten Biografien zu stellen. Kommt die Schule damit durch, hat das Signalwirkung für alle anderen Organisationen, können alle sehen: Wir können so weiter machen wie bisher. Das sehen die Täter, die sich die Hände reiben, das sehen die Schulleiter, die wegsehen, die Lehrer, die vertuschen, die Eltern, die sich nicht auseinander setzen wollen oder können. Das sehen auch die Politik und die Schulverwaltung.

Vertuschen muss genauso Konsequenzen haben wie selbst Täter zu sein. Die Kinder zu schützen muss gesellschaftliche Aufgabe werden. Versagen muss regresspflichtig werden. Ich möchte das Schulgeld für drei Jahre in der Heimfamilie eines Täters zurück. Dieses Programm hatten meine Eltern nicht gebucht. Das ist eine Berechnung exklusive Schadensersatz. Auf meinem Konto ist noch nichts eingegangen.

Mit welchen Tätern haben wir es denn zu tun? Mit Süchtigen. Mit Junkies, deren Stoff die Körper und Seelen der Kinder sind. Reichen Verführung und Manipulation nicht aus, wenden sie häufig blanke Gewalt an. Beschaffungskriminalität. Vor Einbruch und Diebstahl schützt dieser Staat, so gut er kann, warum nicht seine schwächsten Bürger vor der Gewalt von Kriminellen, die vor nichts zurückschrecken? „Nichts“ ist an dieser Stelle keine Floskel.

Verantwortung zu übernehmen würde für die OSO bedeuten, die juristischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, die Opfer angemessen zu entschädigen, auch wenn das dazu führen sollte, dass die OSO insolvent wird, einen Sozialplan für die Mitarbeiter zu entwerfen und Schulplätze für die Schüler in anderen Schulen zu suchen. In der gegenwärtigen Situation dürfte der Insolvenzverwalter keinen Euro an die Opfer auszahlen. Juristisch ist die OSO zu nichts verpflichtet. Moralisch allerdings absolut!

Ich fühle mich unverstanden

Im vergangenen Spätsommer fragte ich die Schulleiterin Margarita Kaufmann, was denn eigentlich noch passieren müsse, dass sie sich nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten an die Seite der Opfer stellen würde und sich öffentlich für die Entschädigung derer einsetzen würde? Mit welchem Ziel sie noch Leiterin der Odenwaldschule bliebe? „Darüber muss ich nachdenken“, antwortete sie mir. Ich hörte nichts mehr von ihr.

Stattdessen wirbt die OSO um neue Schüler und stellt neue Mitarbeiter ein. Um sie dann wieder als Geiseln gegen die Argumente der Schulschließung zu benutzen, wie im vergangenen Jahr? „140 Arbeitsplätze“ war die Begründung des Vorstandes der OSO, warum keine Entschädigung gezahlt werden könne. Wie verzweifelt muss man als Eltern sein, wenn man heute sein Kind auf die OSO gibt?

„Jürgen Dehmers will die OSO kaputt machen“, höre ich seit einem Jahr immer wieder, Mantra-artig herunter gebetet. Ich sitze dann da und schüttele den Kopf und fühle mich unverstanden. Ich möchte Anerkennung erreichen, Anerkennung für dieses große Leid, das meinen Schätzungen nach über 1000 jungen Menschen angetan wurde. Die Schule kaputt machen? Diese Menschen weigern sich beharrlich, meine Agenda auch nur ansatzweise nachzuvollziehen. So viel Kaltschnäuzigkeit macht mich wütend.

In der Presseerklärung der OSO vom 19.2.2011 wird die hässliche Fratze dieses Systems erneut sichtbar. Der Kommunikationsbeauftragte des Trägervereins, Philip von Gleichen, beschuldigt die Opfer: „In der jüngsten Vergangenheit war die Beschlussfindung und die Arbeit des Vorstandes zum Teil erheblich durch ungerechtfertigte Anwürfe und Anfeindungen von Seiten von Betroffenen erschwert. (...) Die Odenwaldschule zu schließen – wie es einige Betroffene gefordert haben – würde bedeuten, dass eine Aufarbeitung der Vergangenheit unmöglich wird.“

Ohrenpfeifen und zitternde Hände

„Blödsinn“, dachte ich, als ich das las. Der Täter wird zum Opfer, das Opfer wird zum Täter, so wie 1998, als uns der damalige Schulleiter Wolfgang Harder mitteilte: „Wenn ihr das öffentlich macht, schließt ihr die Schule.“ Wenn die Schule zu ist, gibt es keinen Grund mehr, sie zu schützen – ich weiß um die ambivalenten Gefühle vieler Ex-Schüler in Bezug auf „ihre“ OSO – dann kann auch der letzte sprechen, ohne das Gefühl zu haben, „seiner“ Schule den Todesstoß verpasst zu haben. Dann wird auch der letzte Betroffene aufhören können, Schönfärberei an seiner OSO-Biografie zu betreiben. Es wird dann sinnlos.

Dass die OSO gegenwärtig keine besseren Leute findet, die bereit sind, sich ehrenamtlich für dieses Totenschiff zu engagieren, wundert mich nicht. Wem sollte das nützen?

Ich kann heute sehen, was wir erreicht haben, aber auch, was wir nicht erreicht haben. Ich habe einen hohen Preis für mein Engagement gezahlt. Mein Körper signalisiert mir, dass meine Energie-Reserven aufgebraucht sind. Meine Ohren pfeifen, meine Hände zittern. Ich bin ausgebrannt. Ich wünsche mir für mich, einen guten Punkt machen zu können und meine zweite Lebenshälfte mit etwas weniger OSO zu füllen.

Die Schäden der Traumatisierung werden wohl nie ganz verschwinden, aber sie werden sich verändern. Ich wünsche mir, dass Becker aus meinen Träumen verschwindet und der Weg vor meinem inneren Auge frei wird für das Schöne auf der Welt. Ich ruhe heute etwas mehr in mir als noch vor einem Jahr. Ein seltenes Gefühl. Dann spüre ich, wie groß und unendlich das Leben ist und wie klein und kurzlebig ich bin. Dann bin ich achtsam und sage ganz leise zu mir selbst: „Ich tue, was ich kann“ und danke allen, die ihr Teilchen zum Puzzle beigetragen haben.

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