Lade Inhalte...

Ein Jahr nach dem Beben in Haiti Leben auf Trümmern

Vor einem Jahr legte ein Erdbeben Haiti in Schutt und Asche. Viele Menschen starben und die Überlebenden verloren ihr Hab und Gut. Die bitterarme Karibikinsel versank im Elend. Daran hat sich kaum etwas geändert. Der Aufbau geht nicht voran.

Saintrose Avril träumt von einem Zimmer für sich. Foto: Ehringfeld

Vor einem Jahr legte ein Erdbeben Haiti in Schutt und Asche. Viele Menschen starben und die Überlebenden verloren ihr Hab und Gut. Die bitterarme Karibikinsel versank im Elend. Daran hat sich kaum etwas geändert. Der Aufbau geht nicht voran.

Nachts ist kein Platz für Träume, nachts ist nicht mal genug Platz zum Schlafen. Saintrose Avril schiebt die Plastikplane beiseite, und der Blick fällt auf Holzlatten und Pappen, die auf Steinen liegen. Kaum einen Meter breit ist das harte Lager und dient doch als Ruheplatz für drei. „Hier schlafe ich mit zweien meiner Kinder“, sagt die schmale Frau mit dem grünen Kopftuch. „Wenn ich mich umdrehe, müssen sie das auch tun.“ Manche Hunde haben in ihren Hütten mehr Platz.

Seit über einem Jahr harren die 33-Jährige und ihre drei Kinder in dem primitiven Zelt aus Planen und Stofffetzen aus. Die Notunterkunft war als Provisorium gedacht und ist Dauerlösung geworden. Wie für so viele in Haiti nach dem Jahrhundertbeben vor einem Jahr. Saintrose träumt tagsüber von mehr Platz und festen Wänden, von Licht und Luft und dem Leben, wie es vor dem 12. Januar 2010 war. Und dass endlich etwas passiert, dass jemand kommt und ihr eine Perspektive bietet oder das zurückgibt, was sie hatte, bevor sich die Erde unter Haitis Hauptstadt Port-au-Prince auftat. 37 zerstörerische Sekunden genügten, um große Teile der Millionenstadt in Schutt und Asche zu legen. Damals sackte auch das Haus im Stadtteil Bel Air ein, wo Saintrose und ihr Mann Claude für sich und ihre Kinder ein Zimmer gemietet hatten.

Saintrose überlebte, weil sie an diesem Tag nicht in Port-au-Prince war, sondern in Papatam, ihrem Geburtsort, drei Autostunden entfernt. Hier hatten ihre Kinder die Weihnachtsferien bei den Großeltern verbracht. Um 16.53 Uhr, als die Erde bebte, wollten Mutter und Kinder gerade den Bus nach Port-au-Prince besteigen. Sie fuhren damals nicht und sind bis heute nicht in die Todesstadt zurückgekehrt: „Port-au-Prince hat mir meinen Mann Claude genommen“, sagt sie leise. Ihn begruben die Trümmer des einstürzenden Hauses in Bel Air. 250?000 Menschen kamen ums Leben.

Die Familie Avril hatte auch vor der Katastrophe nicht viel, Saintrose verkaufte im Zentrum von Port-au-Prince Gemüse. Claude arbeitete, wenn es die Gelegenheit dazu gab. An manchen Tagen verkaufte er Wasserbeutel, an anderen half er auf dem Bau. Wenn sie abends gemeinsam zehn Euro nach Hause brachten, war es ein guter Tag. Die Familie lebte von der Hand in den Mund – so wie die Mehrheit der Haitianer. 70 Prozent haben keinen festen Job. Aber die Avrils hatten ein Leben, eine feste Unterkunft und manchmal auch genügend zu essen. All das fehlt jetzt. Heute bringt der Pastor von Papatam einmal in der Woche ein paar Säcke mit Reis und Bohnen für die 180 Familien, die sich in einem Zeltlager eingerichtet haben. Orte wie Papatam gibt es viele in Haiti. Wer konnte, floh aus der Hauptstadt aufs Land zu Verwandten. In Papatam hat Saintrose Avril zumindest ihre Familie, die sie unterstützt. Der Ort liegt oberhalb der Stadt Grand Goâve, eingebettet in sanfte grüne Hügel, der Blick öffnet sich auf das blaue Meer. Es gibt in Haiti schlimmere Orte.

Zum Beispiel Port-au-Prince. Wer die Stadt ein Jahr nach dem Beben besucht, hat den Eindruck, das Unglück liege erst kurz zurück. Im Zentrum steht die Ruine des weißen Präsidentenpalastes als Mahnmal des Stillstands. Das vormals prachtvollste Gebäude der Stadt wirkt so, als sei gerade erst eine Bombe darauf gefallen. So wie eigentlich ganz Port-au-Prince.

Nur wenige Ruinen sind vollständig abgetragen. Noch immer häufen sich Steine und Streben zusammengefallener Häuser, Schulen und Bürogebäude an zahllosen Ecken der Stadt zu Halden. Darüber hat sich längst wieder die urbane Anarchie der Hauptstadt gelegt: Neben den Schutthaufen türmen sich an den Straßenecken die Müllberge, die nach Einbruch der Dunkelheit abgefackelt werden, Frauen hocken auf Trümmern und verkaufen alles von Apfelsinen bis Zahnbürsten, gleich daneben verrichten die Menschen ihre Notdurft. Aus einer Stadt in Trümmern ist eine Stadt auf Trümmern geworden.

Fast vollständige Abwesenheit eines funktionierenden Staates

Es gab schon vor dem Beben Ecken in Port-au-Prince, die wirkten, als habe Gott sie verlassen. Orte, die das Wort Slum nur unzureichend beschreibt; Ansammlungen von Hütten aus rostigem Wellblech, Planen und Platten, hingestellt dahin, wo andere Unrat und Exkremente verbuddelt hatten. Unterkünfte, in denen in der Regenzeit schwarz schimmernd das Brackwasser knöcheltief steht. Orte, wo sich zwischen Pfützen und Abfall die Probleme ballen, die Haiti zum Armenhaus machen: Dreck, Hunger, Gewalt und die fast vollständige Abwesenheit eines funktionierenden Staates. Diese Orte tragen Namen wie Sonnenstadt (Cité Soleil), Gottesstadt (Cité de Dieu) oder Ewige Stadt (Cité Eternel) und sind doch Plätze, die dem Schatten, der Hölle oder der Vergänglichkeit nahe sind.

Orte, die kein frisches Wasser oder keine Toiletten haben und wo sich die Cholera in den vergangenen Monaten rasend schnell ausgebreitet hat. Orte, an denen wieder Gangs herrschen, nachdem ihre Chefs aus dem eingestürzten Knast türmen konnten. In diesem ewigen Chaos wirken die knapp 500 Zeltstädte, denen man in Port-au-Prince an jeder Ecke begegnet, beinahe wie sozialer Wohnungsbau. Die Plastik-Unterkünfte stehen gegenüber dem Präsidentenpalast, in Maisfeldern, auf Bürgersteigen oder in Hinterhöfen, selbst mitten in den Ruinen sind die Planen der Hilfsorganisationen zu sehen. Findige haben auf die Dächer ihrer beschädigten Häuser einfach ein Zelt gestellt und so Wohnraum geschaffen.

Zwischen einer und 1,5 Millionen Menschen leben in diesen Camps. Hilfsorganisationen versorgen die Menschen mit Trinkwasser, Lebensmitteln, Latrinen und seit der Cholera auch mit Chlor und Seife. Viele Menschen finden hier trotz der Enge bessere Bedingungen vor, als sie sie vorher hatten. Manche Zeltlager bestehen aus vier Unterkünften, andere beherbergen Zehntausende von Menschen. So wie der Pétionville Club. Hier spielte Haitis Elite vor dem 12. Januar Golf. Nun steht hier die vielleicht größte Zeltstadt der Welt. Im Golfclub leben 45.000 oder 50.000 oder 60.000 Menschen, so genau weiß das niemand.

Das Schild, „The Pétionville Club, nur für Mitglieder“ wirkt wie ein Relikt aus anderer Zeit. Vor dem Unglück passierten nur die Reichen und Schönen nach Gesichtskontrolle das gusseiserne Eingangstor, nun steht es immer offen. Vor dem 12. Januar 2010 glitten klimatisierte Jeeps durch die Einfahrt, seit dem Beben sind es Transporter und Wasser-LKW der Hilfsorganisationen.

Im Lager gibt es ein Internet-Café, ein Kino, in dem auf Flachbildschirmen Action-Filme gezeigt werden, eine evangelikale Kirche verspricht unter dem Zeltdach Heilung von allem irdischen Leid. Dutzende von Krämerläden, Frisöre und Maniküre-Shops bieten ihre Waren und Dienste an. Selbst Polizei patrouilliert durch das Lager. Der Golfclub wirkt wie die Miniatur-Abbildung von Port-au-Prince. Nur irgendwie geordneter.

Julie Schindall arbeitet für die britische Hilfsorganisation Oxfam, die das Golfclub-Lager mit Frischwasser versorgt. Schindall ist seit dem Beben in Haiti, und sie ist sichtlich bemüht, die Fortschritte zu benennen: „Wenn wir keine Besserung in der Zukunft sähen, könnten wir gleich gehen.“ Aber es fehle der große Wurf der Regierung zum Wiederaufbau, kritisiert Schindall. „Wir hören, es soll einen Master-Plan geben, aber was wir in den Straßen sehen ist etwas anderes“.

Und die Zeit drängt. Die Menschen in den Camps werden ungeduldiger und verlieren ihre Hoffnungen: „Vergewaltigung und Gewalt in den Lagern nehmen zu“, sagt die Oxfam-Sprecherin. Und wer im bürgerlichen Vorort Pétionville abends an einem der Obdachlosenlager vorbeigeht, hört immer aus einer Ecke das leise Rufen junger Mädchen: „Ey Blanc, viens avec moi“, „Weißer, komm mit mir“.

Aber wie soll man von einer Regierung die Bewältigung einer Jahrhundertkatastrophe erwarten, die schon vorher mit dem Stopfen der Schlaglöcher auf den Straßen überfordert war? Die staatlichen Strukturen Haitis lagen bereits lange vor dem Beben in Trümmern. Die Katastrophe habe die sozialen Probleme Haitis nicht hervorgerufen, sondern nur sichtbar gemacht, sagt Edmond Mulet, Chef der UN-Stabilisierungsmission Minustah. Die meisten Menschen in den Camps seien nicht Opfer des Bebens, sondern der sozialen und menschlichen Tragödie dieses Landes. Mulet ist Chef von fast 12.000 Blauhelmen und UN-Polizisten sowie 1200 zivilen Mitarbeitern. Keine UN-Mission ist größer gemessen an der Zahl der Einwohner des Landes. Und wohl keine ist schwieriger.

Aus keinem Land Lateinamerikas fliehen mehr Einwohner

In dem karibischen Armenhaus gibt es keinen Rechtsstaat, kein Grundbuchamt, kein Kataster, kaum geteerte Straßen und zu wenige Krankenhäuser, keine Müllabfuhr und nur sporadisch Strom. Das letzte Kino des Landes hat zwei Monate vor dem Beben den Betrieb eingestellt. Aus keinem Land Lateinamerikas fliehen mehr Einwohner: 86 Prozent der Haitianer, die Mittelschulabschuss haben, leben heute in New York, Miami, Paris oder Montréal. „Kollektiven Selbstmord einer Nation“, nennt das der Diplomat Mulet. Und deshalb mag er auch das Wort Wiederaufbau im Zusammenhang mit dem Beben nicht. Haiti müsse in Wahrheit von Grund auf saniert werden, und dabei müssten alle sozialen, menschlichen und wirtschaftlichen Aspekte berücksichtigt werden: „Wenn das nicht gelingt, ist alle Mühe vergeblich.“

Das sieht auch Arnold Antonin so. Der 68-jährige Filmemacher ist eine der nachdenklichsten Stimmen der haitianischen Zivilgesellschaft. Er hatte schon lange vor dem 12. Januar 2010 vor einem großen Beben in seiner Heimat gewarnt. Und bei aller Tragik hält er die Katastrophe für eine große Chance: „Entweder wir bauen alles schlimmer als zuvor auf oder wir nutzen die Gelegenheit und entwerfen ein neues Haiti, eine gerechtere Gesellschaft, dezentral, geordnet, mit Chancen für alle“, sagte Antonin kurz nach dem Beben. Er schrieb einen Brief an Haitis Präsidenten René Préval und entwarf eine Idee für den Wiederaufbau: Sie sah vor, neuen Wohnraum und viele Arbeitsplätze in den Provinzen zu schaffen, Landwirtschaft, Industrie und Tourismus zu stärken und so Alternativen für die Menschen außerhalb der überbevölkerten Hauptstadt zu schaffen.

Der Präsident antwortete nie, stattdessen hat die Realität Antonins Ideen überholt. Die Stadt macht auf den Trümmern einfach weiter wie zuvor. „Haiti bleibt das Land des permanenten Provisoriums, und die Zeltstädte sind zu den neuen Eldensvierteln von Port-au-Prince geworden“, ergänzt Antonin mit einem Anflug von Resignation. Der Notfall ist zur Normalität geworden.

Und nun warten die Haitianer und die internationale Gemeinschaft auf den neuen Präsidenten, der erstmal nicht kommt. Nach der chaotischen und von Betrug überschatteten Wahl vom 28. November hat der Wahlrat CEP die für den 16. Januar geplante zweite Runde auf unbestimmte Zeit verschoben. Das verzögert den Wiederaufbau weiter. Denn die internationale Gemeinschaft wartet auf eine handlungsfähige Regierung und hält viele Hilfsgelder solange zurück.

Der Nachfolger von Präsident René Préval wird mächtiger sein und mehr Verantwortung haben als jeder seiner demokratischen Vorgänger. Er muss die Sanierung von Port-au-Prince angehen und zugleich die knapp zehn Milliarden Dollar Hilfsgelder, die die internationale Gemeinschaft versprochen hat, verantwortungsbewusst verwalten.

Saintrose Avril, die Mutter in Papatam, setzt große Hoffnung auf einen neuen Präsidenten: „Préval hat uns alleine gelassen. Nach dem Beben und bei der Cholera“, sagt sie. Dann klemmt sie ihren großen Bastkorb unter den Arm und zieht barfuß in die nahen Felder, wo sie Hirse, Mais und Bohnen anbaut. Ihr Weg führt sie vorbei an Holzhäusern, die von der Bonner Welthungerhilfe für die 180 Familien von Papatam gebaut werden. Es sind einfache Ein-Zimmer-Hütten mit 20 Quadratmetern Wohnfläche.

Saintrose kommt das wie Luxus vor. Und so gibt sie sich auf dem täglichen Weg in die Felder der Tagträumerei hin – von einem eigenen Bett für sich und einem für ihre Kinder.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen