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EHEC-Folgen „Das ist alles für die Katz“

Bauer Neumann ist zur Gurken-Hochsaison wegen des EHEC-Keims in der Krise. Auf etwa 30.000 Gurken ist Neumann bis jetzt sitzen geblieben.

„Diese Gurken haben niemals Gülle gesehen“, verspricht Gemüsebauer Olaf Neumann. Foto: Sean Gallup/Getty

Morgens um Sieben wird es stiller im Hamburger Großmarkt. Die Geschäfte sind gelaufen, jetzt wird aufgeräumt. Gemüsebauer Olaf Neumann sammelt seine Paletten ein. „Kannst Du aufladen?“, fragt er einen jungen Blonden, der mit dem Gabelstapler durch die Halle kurvt. „Klar“, sagt der. Viel wird hier nicht geredet, man kennt sich auf dem Markt. Der Blonde weiß, zu welchem Lastwagen die Paletten gehören. Olaf Neumann zieht Bilanz: Zwei Kisten Gurken ist er heute losgeworden. „Sonst verkaufe ich 15“, sagt er. „Es ist Erntezeit. Der Freitag nach Vatertag ist einer der umsatzstärksten Tage. Eigentlich.“ Auf seinen Paletten liegen Blattsalat, Eichblatt, Frisee, Frühlingszwiebeln und: Gurken – Minigurken, Salatgurken, schöne, pralle, saftige Gurken. Die sind die Spezialität des 45-jährigen Gemüsebauern aus Ochsenwerder bei Hamburg. Das kommt ihn jetzt teuer zu stehen.

Üblicherweise sind die Gurken sind ein Verkaufsschlager um diese Jahreszeit. „Es wird ja viel gegrillt jetzt“, sagt er. „Da wollen die Leute was Frisches dazu.“ In diesem Jahr wollen sie es nicht. Seit die Hamburger Gesundheitsbehörde vor zwei Wochen vier Salatgurken auf dem Hamburger Großmarkt als vermeintliche Quelle des Ehec-Erregers ausmachte, sind Neumanns Gurken ein Ladenhüter. „Nix“, sagt er, „wir verkaufen so gut wie nichts mehr seitdem.“ Heute hat er ein paar Kisten seiner Kunden zurückgenommen und gegen frische Ware ausgetauscht. Unentgeltlich. „Ist ja schade drum“, sagt Neumann und versucht ein Grinsen. „Die alten kippe ich mit all dem anderen Liegengebliebenen auf’s Feld.“

Auf dem Parkplatz des Großmarkts stehen die Lastwagen der Gemüsebauern neben denen von Groß- und Zwischenhändler aus den Niederlanden, aus Belgien und Spanien. „Drei spanische Gurken und alles bricht zusammen“, sagt Neumann und schwingt sich auf den Fahrersitz seines LKW. „Du glaubst es nicht.“ – „An der Ostsee haben sie ’ne Bank überfallen“, ruft der blonde Gabelstapler-Fahrer Neumann zu. „Mit ’ner Gurke!“

Galgenhumor, sagt Neumann. „Es geht uns allen an den Kragen, erzählt er auf der Fahrt zurück nach Ochsenwerder, „den Großhändlern, den Restaurants, den Wochenmärkten und am Ende wird es auch den Großmarkt treffen. Manchen Gemüsebauern wird es erwischen. Kleinere Familienbetriebe, wie unserer, können das besser abfedern. Wir haben in der Saison nur drei Erntehelfer, die bezahlt werden müssen. Aber die großen, die müssen ihre Kredite bedienen, ihre Mitarbeiter bezahlen.“

Ochsenwerder liegt am Wasser. Manchmal auch im Wasser. Die Elbe ist hier überall, sie mäandert durch das Vieh- und Marschland, nur die Deiche trennen sie von den Äckern. Landwirtschaft sieht hier noch aus wie vor 100 Jahren. Auf den ersten Blick jedenfalls. Die Höfe sind alt, viele sind schön. Reetgedecktes Fachwerk und roter Ziegel zwischen Marschwiesen und Feldern. Mancher Hamburger hat hier sein Wochenendhaus.

„Gutes Land“, sagt Neumann, „Gemüse und Schnittblumen, das hat hier Tradition.“ Neumann hat den Betrieb von seinen Schwiegereltern übernommen. Gelernt hat er Kfz-Mechaniker. Auch seine Frau ist keine geborene Gemüsebäuerin. Sie hat in einer Apotheke gearbeitet, bevor sie den Betrieb übernahmen.

Susanne Neumann steht seit halb sechs im Gewächshaus und schneidet Gurken, zusammen mit Marek, dem Erntehelfer aus Polen, und einer Freundin. Es ist schwülwarm unter den Glasdächern, schweißtreibend. An Drahtseilen hangeln sich die Pflanzen empor. Zarte Stiele halten herzförmige, pelzige Blätter und schwere Früchte: Schlangengurken. „Das ist alles für die Katz“, sagt Susanne Neumann. Trotzdem kann die Arbeit auf dem Hof nicht einfach eingestellt werden. Die Gurken müssen vom Strauch, täglich wachsen neue nach.

Nur der Straßenverkauf läuft

„Es ist deprimierend“, sagt sie, zieht ihre Gummihandschuhe aus und wischt sich eine blonde Strähne aus der Stirn. „Man hält sich an alle Auflagen, hat das beste Wasser. Was sollen wir noch machen?“ Viele Proben hätten sie schon nehmen lassen, alle seien negativ ausgefallen.

„Diese Gurken haben niemals Gülle gesehen. Sie wachsen ja nicht einmal in der Erde“, erklärt Olaf Neumann. Hier werden sie auf Substrat gezogen, einer Mischung aus Kokos und Perlite, ein vulkanisches Mineral, das die Luftdurchlässigkeit der Erde verbessert. „Das Wasser kommt aus dem eigenen Brunnen und Dünger wird zugesetzt“, sagt er. „Mineraldünger, Kali, Magnesium, Kalisulfat. Wir produzieren keine Biogurken. Die müssen in der Erde gezogen werden. Aber Gülle? An Gewächshausgurken? Was für ein Quatsch.“

Zweieinhalb Hektar umfasst der Betrieb, davon 8500 Quadratmeter Fläche für Gurken. Schätzungsweise 30?000 Gurken sind es bis jetzt, auf denen die Neumanns sitzen blieben.

Was noch läuft, ist der Straßenverkauf. Die Marschländer wissen, in welchen Gewächshäusern Gurken und Tomaten wachsen. „Am Wochenende hat sich unsere ältere Tochter an die Straße gestellt. Sie hat ein Plakat gemalt und unsere Gurken verkauft.“

Susanne Neumann muss sich beherrschen. Die Kleine feiert heute Kindergeburtstag. „Und was setze ich den Kindern vor?“, fragt sie. „Pommes mit Würstchen. Ich kann den Kindern unsere eigenen Gurken nicht anbieten. Was würden die anderen Mütter sagen, wenn sie hören, bei Neumanns gab’s Gurken.“

Den Betrieb führen Neumanns in der vierten Generation. „Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben“, sagt Susanne und schiebt die Glastür des Gewächshauses auf. „Der würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was hier vor sich geht.“

Susannes Schwiegermutter hat inzwischen das Mittagessen vorbereitet. „Die Bank hat angerufen“, sagt sie. „Sie fragen, ob sie helfen können.“ – „Das fehlt noch“, sagt die Schwiegertochter, „so arm sind wir noch nicht.“

„Vor der Krise haben wir 50 Cent für die Salatgurke bekommen“, sagt Olaf Neumann, „jetzt sind es noch 35 Cent, wenn ich überhaupt welche loswerde. Das macht fünf Cent Reingewinn. Lange darf das so nicht mehr weiter gehen, sonst geht es auch uns an den Kragen.“

Auf zinsgünstige Kredite, wie sie Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner jetzt als Mittel in der Krise anpreist, will Neumann trotzdem verzichten. „Die wollten sie mir schon vor der Krise andrehen“, sagt er. Wer halbwegs erfolgreich wirtschaftet, soll expandieren. Dafür gibt es Fördergeld. Aber Bauer Neumann will seinen Betrieb nicht vergrößern. „Wir haben unser Auskommen“, sagt er. „Zinsvergünstigte Kredite helfen mir nicht aus der Krise.“

Keine Lobby für norddeutsche Gemüsebauern

Warum, fragt er, haben sie den Handel mit Gurken und Tomaten, mit Blattsalaten nicht verboten, wenn sie so fest daran glauben, dass Gemüse die Quelle des Ehec-Erreger ist? Dann wäre der Bund regresspflichtig gewesen. Dann würde es Entschädigungen geben für die Bauern. „Das wollten sie nicht“, sagt Neumann. „Und hätte man die verdächtigen Gurken in Bayern gefunden, wäre dann sofort vor bayerischem Gemüse gewarnt worden?“, fragt er. „Das hätte die Aigner nicht gewagt.“

Eine Lobby für die norddeutschen Gemüsebauern kann Neumann nicht erkennen. „Wir haben keine.“ Ja, der Gartenbauverband habe versucht, Einfluss zu nehmen. Ohne Erfolg. Die Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein und Niedersachsen machen betroffene Gesichter. „Die heben die Hände und sagen: Wir sind auch für die Verbraucher zuständig.“ Und Olaf Scholz, den sie hier mit mehr als 42 Prozent zum Hamburger Bürgermeister gewählt haben? „Der geht in die Krankenhäuser“, sagt Neumann.

Er will nicht falsch verstanden werden. „Natürlich geht der Verbraucherschutz vor, und die vielen Kranken, die Toten erschrecken uns auch“, sagt der Bauer. „Aber wer sagt denn jetzt laut und deutlich: Das norddeutsche Gemüse ist sauber, wir haben nichts gefunden?“ Niemand sage das.

Und je länger die Krise andauere desto länger werde man brauchen, um den Ruf und das Ansehen der Gemüsebauern wieder herzustellen. „Die werden uns noch zwingen, unsere Gurken auf den Sondermüll zu bringen“, sagt Neumann, „aber vorher kippe ich sie ihnen vor’s Hamburger Rathaus.“

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