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Ecuador Mit Wille zum Wissen

Ecuador will in Yachay mit aller Macht eine Elite-Uni auf Weltniveau aufbauen. Die Idee ist, das Geld aus den Öl-Einkünften vernünftig und zukunftsorientiert zu verwenden.

Yachay, das bedeutet Wissen, Kenntnis in der Indianersprache Quechua, und dass diese Vokabel zusammen mit der englisch-internationalen Silbe Tech den Namen der Uni ergibt, das ist natürlich Programm. Foto: AFP

Es ist phantastisch, es ist ein Traum“, sagt Daniel Larson, „aber ohne Träume gibt es keine Realität“. Auf so einen Satz wäre man vielleicht in einer Strandbar voller altgewordener Hippies gefasst. Aber Larson hat bis vor kurzem die Pennsylvania State University mit fast 100.000 Studenten und vier Milliarden Dollar Jahresetat geleitet. Jetzt sitzt er in seinem großen, nüchternen Büro, und das einzige, was man als traumhaft bezeichnen könnte, ist der Ausblick aus seinem Fenster: Auf einen lichten tropischen Park, hinter dem die Höhen der Anden in den Himmel ragen, gekrönt vom Schneegipfel des 5790 Meter hohen Vulkans Cayambe.

Aber die Landschaft meint Larson nicht. „Als ich zum ersten Mal mit denen von der Regierung zusammensaß“, erzählt Larson, „da hieß es, hören Sie, es geht nicht nur darum, eine neue Universität zu gründen, sondern darum, ein Land zu verändern!“ Und diesen Traum von der Veränderung des Andenlandes Ecuador hält der hagere Amerikaner für machbar, denn: „Wir werden eine Weltklasse-Universität aufbauen. Davon bin ich überzeugt.“ In den letzten Jahren stellte Erdöl in Ecuador knapp die Hälfte der Exporte, gefolgt von Bananen und Garnelen (14 und 5 Prozent). Also die klassische rohstoffabhängige Volkswirtschaft. Deshalb hat Präsident Rafael Correa, ein linker, in Belgien und den USA ausgebildeter Ökonom, die Devise ausgegeben, das Land müsse seine „Produktionsmatrix verändern“ – und so kommt es, dass die Regierung für die Gründung einer auf naturwissenschaftliche Spitzen-Forschung ausgerichteten Elite-Universität eine Milliarde Dollar zur Verfügung stellt.

Yachay, das bedeutet Wissen, Kenntnis in der Indianersprache Quechua, und dass diese Vokabel zusammen mit der englisch-internationalen Silbe Tech den Namen der Uni ergibt, das ist natürlich Programm. Denn was sonst sollte Ecuador den Übergang zu einer Wissensgesellschaft eröffnen, wenn nicht die Rückbesinnung auf eigene geistige Kräfte und ihre Anwendung in den Sphären globalisierter Wissenschaft und Technologie.

Von Ecuadors Hauptstadt Quito fährt man keine zwei Stunden in die Provinzstadt Ibarra, dann windet sich ein Landsträßchen nochmal 23 Kilometer den Hang hoch. Wiesen, Felder, Obstgärten – es ist ländlich. Die ehemalige Zucker-Hacienda San José samt Herrenhaus und Wirtschaftsgebäuden ist der Kern von Yachay. Hier stehen die ersten Labore, die modernen Dozenten-Häuser, die Bibliothek, der piekfein renovierte Verwaltungstrakt, in dem Kanzler Larson arbeitet. Weiter unten, zu Fuß eine Viertelstunde entfernt, ist das erste Studentenwohnheim fertig, über dem Rohbau des Audimax und anderer Gebäude ragen noch die Kräne in den Himmel.

Aber die 280 Hektar, auf denen sich die Hochschule ausbreiten soll, sind nur ein kleiner Teil der „Wissensstadt Yachay“, die vorerst weitgehend nur auf dem Papier steht. Denn was die Forscher an der Uni austüfteln, soll sich mit den Arbeitsergebnissen von verschiedenen privaten und staatlichen Forschungs- und Entwicklungslaboren verflechten. Also mit der Privatwirtschaft, die mit Yachay Tech erste Kooperationsverträge abgeschlossen hat.

Eine neue Stadt entsteht

Für die nagelneue Stadt, in dem all das zuhause sein soll, hat ein südkoreanisches Architekturbüro 2013 einen Masterplan ausgearbeitet. Wie alle geplanten Städte will auch Yachay die Fehler ungeplant gewachsener Städte vermeiden. Die Unbehaglichkeit, die solche Visionen aufrufen, wurzelt wohl in der stets etwas totalitären Perfektion. Und natürlich in der historischen Erfahrung, dass geplante Städte sich am Ende ja doch erstaunlich ungeplant entwickeln.

„Ich finde den Fokus auf Forschung und Anwendung gut“, sagt Jorge Vega, 18, der im ersten Semester Mathematik studiert. Wie alle seine Kommilitonen in Yachay hat er die Schule mit Spitzennoten abgeschlossen. Wie alle anderen Anfänger macht er vier Semester Grundstudium, unter anderem auch, um die Uni-Sprache Englisch richtig zu lernen. Erst dann verzweigen sich die Karrieren an fünf naturwissenschaftliche Fakultäten Mathematik, Biologie, Chemie, Physik und Geologie; hinzu kommt noch ein betriebswirtschaftlich ausgerichteter Fachbereich. Was Yachay Tech von anderen Unis unterscheidet? „Dass hier die Ausbildung nicht Berufsausbildung ist, sondern auf den Wandel der Produktionsmatrix zugeschnitten ist“, antwortet Jorge.

Aber läuft der derart politisch definierte Daseinszweck nicht auf ein bisschen viel Patriotismus hinaus? Und der Idee der Hochschulautonomie zuwider? „Nichts ändert das Leben der Menschen so einschneidend wie Wissenschaft und Technik“, antwortet Larson, „und ich bin hier, um Ecuador zu helfen“. Und auch Student Vega sieht kein Problem: „Was hier entsteht, dient doch der Entwicklung unseres Landes“.

„Die Formulierung von der Produktionsmatrix ist natürlich schon ziemlich hoch angebunden“, räumt Andreas Griewank ein, „für mich ist das primäre Ziel, erstmal eine gute Universität zu etablieren“. Griewank war Dekan der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin, die nächsten sechs bis zehn Jahre will er Yachay widmen, wiederum als Chef der Mathematik. Matrix hin, Matrix her, die möglichst vielseitigen Anwendbarkeit der Forschung sei immer erwünscht, sagt er, und deshalb sei in Yachay „eine enge Kooperation der Mathematik mit der Biologie, der Physik, der Chemie angedacht“.

Und wie stellt man sich als Laie die Forschungsinhalte vor? „Computer vision und Image recognition zum Beispiel“, antwortet Griewank. Also etwa die Entwicklung elektronischer Geräte, die Bilder aufnehmen und analysieren, „damit sich Roboter orientieren können. Oder das Management von großen Datenmengen, zum Beispiel zur Optimierung von Flugzeugtragflächen“.

Ecuador auf dem Vormarsch

Instabil, chaotisch und bettelarm – Ecuador entsprach ganz und gar dem Klischee von der Bananenrepublik, bevor der visionäre, durchaus autoritäre Correa 2007 als Staatschef antrat. Seitdem ist das Land mit Correas Mischung aus Linkspopulismus und technokratischer Modernisierung kräftig vorangekommen. Mit dem Geld aus dem Öl entstanden Kliniken, Sozialwohnungen. Der Bildungsetat verdreifachte sich, neben dem traditionellen Hochschulwesen wurden außer Yachay noch drei weitere, nicht naturwissenschaftliche Spitzen-Unis ins Leben gerufen.

„Die Ausstattung ist hier genauso gut wie in den USA oder in der EU“, sagt der spanische Biologe Santiago Ballaz zufrieden. Wenn die Labore fertig sind, will er einige Projekte, die er in Spanien nicht beenden konnte, in Yachay „auf demselben Niveau“ weiterführen. Was bewegt einen wie Ballaz, der vorher keinerlei Beziehung zu Südamerika hatte, zu diesem Sprung nach Ecuador? „Das Neue“, antwortet der 48-Jährige, „hier hat man freies Feld, hier kann man fern von etablierten Hierarchien Neues entwickeln“.

Der Zauber, der jedem Anfang innewohnt, wird allerdings vom ersten Krach gestört. Der spanische Gründungsrektor Federico Albericio überwarf sich mit den anderen drei Mitgliedern des Leitungsrates, sprach von Geldverschwendung und Ineffizienz und trat mit Pauken und Trompeten zurück. Sein Interims-Nachfolger José Andrade, einer der drei, warf ihm Inkompetenz vor und drohte ihn zu verklagen – ein mit harten Bandagen ausgetragener Skandal, der noch lange nicht beendet ist.

Wer auch immer welche Schuld hat – der Streit zerrt die problematischen Aspekte Yachays ans Tageslicht. Die drei Professoren des Leitungsrates arbeiteten fest an einer Uni in Kalifornien, dennoch bezogen sie von Yachay, genauso wie die dort arbeitenden Professoren, ein Salär von über 16 000 Dollar im Monat, und wenn sie mal einfliegen, dürfen sie einen Tagessatz von 300 Dollar kassieren. In Kalifornien sollten sie Geld und Talente auftreiben, aber das taten sie nicht, warf ihnen Albericio vor. Zumal Köpfe wie Larson und Griewank von einem Londoner Headhunter aufgetan wurden, der für 1,7 Millionen Dollar verpflichtet worden war und als Erfolgsprämie ein Jahresgehalt jedes Vermittelten kassiert.

2040 soll Yachay 10.000 Studenten haben, zurzeit studieren dort 615 Studenten, betreut von 185 Uni-Mitarbeitern – paradiesische Zustände. Mit einer Milliarde Dollar könnten die alten Hochschulen auch besser sein, wettern Correas Gegner, die Yachay als elitäre Farce verdammen.

Correa und seine Regierung präsentieren Yachay als Ort, an dem Wissen von Weltniveau ein öffentliches, der Allgemeinheit dienendes Gut sei. Aber in einem Land, in dem der Durchschnittslohn bei 370 Dollar liegt und ein Hochschullehrer 1400 Dollar verdient, klingt das Argument, Spitzenleute kriege man eben nur für Spitzengehälter, stets reichlich zwiespältig.

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