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Eckart von Hirschhausen „Alle haben Angst, verrückt zu werden“

Der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen spricht im Interview über das Älterwerden und wie wir uns in der Mitte des Lebens vor der Psychiatrie bewahren.

Eckart von Hirschhausen
Für seine neue Sendung hat Eckart von Hirschhausen auch mit Senioren im Altersheim getanzt. Foto: Bilderfest/Guidon Lasch

Herr von Hirschhausen, drei ganze Sendungen über die großen Fragen des Lebens am Beginn, in der Mitte und am Ende. Machen Sie jetzt endgültig auf Gesundheitsapostel?

Ich hoffe, dass ich gar nicht missionieren muss, indem ich eine Kinderintensivstation, eine psychiatrische Klinik und ein Altenpflegeheim besuche. Das Neue an „Hirschhausens Check Up“ ist, dass ich nicht als Moderator, Autor oder gar Kabarettist unterwegs bin. Ich darf mich sehr viel persönlicher den Themen und Menschen nähern, auf Augenhöhe. Ohne feste Vorstellungen und ohne Textbuch begebe ich mich in Situationen, nehme teil, höre zu. Ich wünsche mir, dass schon das Zuschauen Angst und Scheu vor dem nimmt, wo wir sonst gern wegschauen. Wegschauen führt nämlich zu den oft irrigen Vorstellungen davon, wie es in solchen verräterisch als „Einrichtungen“ bezeichneten Häusern zugeht.

 

Was für irrige Vorstellungen?
Eine psychiatrische Klinik malen sich immer noch viele aus wie im 50 Jahre alten Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ – mit Leuten in der Zwangsjacke, die ständig Ausbruchsfantasien hegen. Die Patienten, die ich in der Klinik getroffen habe, waren alle freiwillig da – und heilfroh, dass sie einen sicheren Ort mit Menschen gefunden hatten, die sich mit ihren Problemen auskennen.

Kinderintensivstation oder Pflegeheim als Symbolorte für Beginn und Ende des Lebens – das leuchtet ein. Aber warum steht für die Lebensmitte bei Ihnen die Psychiatrie?
Die Stressforschung spricht von der Lebensmitte als „Rushhour des Lebens“. Da kommt einfach sehr viel zusammen: Familienplanung, Karriere, Hausbau, bei manchen schon die Sorge um die Eltern – aber auch schon die Ahnung, dass die Wünsche aus der Jugendzeit nicht mehr alle erfüllbar sein werden. Und dass der Satz „alles wird gut“ von der schönen Verheißung zur falschen Floskel mutiert.

Man nennt es Midlife-Crisis.
Ja, aber ich will mich dieser Phase nicht nur im landläufigen Sinn nähern und fragen: Was muten wir uns „auf der Höhe unserer Schaffenskraft“ nicht alles zu? Wie vielen Belastungen setzen wir uns aus? Und wer wird durch unseren gesellschaftlichen Modus der Dauerüberdrehtheit – immer alles schneller, komplexer, kommunikativer – abgehängt?

Die Psychiatrie als Auffangbecken für die Modernitätsverlierer?
Seelische Erkrankungen haben viele Ursachen. Ein wichtiger Punkt: Niemand ist an seiner Depression, Psychose oder Suchterkrankung „schuld“. Auch nicht „die Gesellschaft“ oder „der Stress“. Aber klar ist, dass Stress, Drogen, Alkohol bei einer erblichen Veranlagung Auslöser sein können – und dass wir mit guter „Seelenhygiene“ auch den Ausbruch vieler Erkrankungen verhindern oder verzögern können. Dazu muss man aber mehr darüber wissen, wie wir ticken und austicken. Warum ist das kein Schulfach? Ein Aha-Erlebnis ist mir aus dem Studium bis heute im Gedächtnis. Als Pflegepraktikant musste ich in der Patientenaufnahme einer psychiatrischen Klinik in Berlin-Zehlendorf, einem gutbürgerlichen Stadtteil, immer die Aufnahmegespräche führen und die Adressen erfassen. Plötzlich fiel mir auf: Das war alles Nachbarschaft. Ich kannte teils sogar die Familiennamen. Seitdem ist mir klar, wie verbreitet seelische Erkrankungen sind. Jeder hat es doch in seinem Umfeld mit Süchtigen zu tun – Zigaretten, Alkohol, alles Mögliche. Jeder kennt einen, der mal einen „Nervenzusammenbruch“ hatte. Und alle haben Angst davor, depressiv, dement oder verrückt zu werden. Ich auch.

Was tun gegen diese Angst?
Sie zunächst einmal als das nehmen, was sie ist: Teil unseres Menschseins. Die Angst vor lebensbedrohlichen Krankheiten, vor dem Verlust von Selbstbestimmung, gehört zu uns. Aber ich möchte mit meinen Filmen auch das Zeichen setzen, dass wir die Angst durch Ausgrenzung und Perfektionswahn nur noch vergrößern. Und wie so oft gilt auch hier das Prinzip vom Scheinriesen Turtur aus Michael Endes „Jim Knopf“: Je näher man einem scheinbar so ungeheuren, gewaltigen Problem kommt, desto kleiner wird es. Und schließlich fragt man sich, wieso laufen alle Leute entsetzt davor weg ? Warum suchen sich die Meisten viel zu spät professionelle Hilfe und Unterstützung? Gehen Sie mal in ein Altenheim um die Ecke! Besuchen Sie jemanden, der gerade in einer seelischen Krise steckt! Das gibt beiden Seiten etwas.

Was hat es Ihnen gegeben?
Mein Respekt vor allen, die sich in der Pflege selbstlos um alte, kranke, demente Menschen ohne „produktiven Nutzen“ kümmern, ist noch einmal gewachsen. Ihr Zukunftsbeitrag für diese Gesellschaft ist im Wortsinn unermesslich für alle, die den „Pflegenotstand“ als betriebs- und volkswirtschaftliches Phänomen betrachten. In Wahrheit geht es um unseren Begriff vom guten Leben und den Kern unserer Humanität.

Was ist eigentlich gutes Leben?
Gutes Leben heißt, mit Brüchen leben. Mir ist sehr unter die Haut gegangen, was eine Hebamme mir darüber erzählte, wie noch vor einer Generation mit Frühgeborenen ohne Überlebenschance umgegangen wurde. Sie wurden ihren Müttern von den Ärzten mehr oder minder weggerissen, und alle taten so, als wäre nichts passiert.

Nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.
Das war die Denke dahinter. Heute gibt es in der Berliner Charité eine der ersten Palliativstationen für Frühgeborene. Dort helfen die Pflegekräfte den Eltern, von einem Kind Abschied zu nehmen. Sie vermitteln den Eltern: Der Wert eines Lebens wird nicht in Zeitspannen gemessen. Und: Man kann nur etwas betrauern, wozu man vorher eine Beziehung aufgebaut hatte. Das hat mich sehr beeindruckt und mir sehr zu denken gegeben. Es ist langfristig besser, den Brüchen und Einbrüchen Raum zu geben, als sie möglichst schnell mit den Alltagsroutinen zu kitten und zu verkleistern.

Der Standardwunsch zum Geburtstag „Hauptsache, gesund“ stimmt also nicht?
Klar wünsche ich jedem Gesundheit. Aber Gesundheit wofür? Mein großes Learning in der Psychiatrie war das Erleben, wie sehr die Patienten eine Hilfe füreinander waren. Eine depressive Erkrankung zum Beispiel lässt den Patienten ja denken, sein Leben sei nichts wert ist und dass es keine Zukunft für ihn gibt. Da ist es schon mal sehr hilfreich, von anderen Patienten zu hören: „So, wie es dir heute geht, ging es mir vor drei Wochen auch. Aber schau mich an, das geht vorbei! Bei dir auch!“ Wenn der Arzt so etwas sagt, tun Patienten das gern ab: „Ja, ja, red du mal!“ Aber aus dem Mund eines Betroffenen ist es überzeugend. Das finde ich hochinteressant. Was in Psychiatrie in der Raucherecke, bei der Essenausgabe, auf dem Sofa sozusagen als informelle Therapie passiert, das hat auch einen großen Einfluss auf die Genesung. Mein Lieblingssatz dazu stammt von einer kernigen Berlinerin mitten aus dem Kiez: „Wir sind hier drin mindestens so Multikulti wie da draußen. Aber wir vertragen uns besser.“ Ist das nicht eine geradezu philosophische Erkenntnis?

Interview: Joachim Frank

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