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Echte Profis Super-Nanny

Am englischen Norland College werden junge Frauen zu professionellen Kindermädchen ausgebildet. Die Schule gilt als die beste der Welt. Und das schon seit 119 Jahren.

23.07.2011 20:55
Serge Debrebant
Kindermädchen in Los Angeles. Foto: dapd

Beim ersten Mal, als Becca Plumley ihre Uniform getragen hat, haben sie die Blicke auf der Straße noch gestört. „Jeder hat mich angestarrt, das war nervenaufreibend“, sagt die zierliche Engländerin. Ihre Uniform besteht aus einem kamelfarbenen Rock, weißen Handschuhen und einem braunen Hut mit steifer, nach oben gerollter Krempe. Die blonden Haare hat sie zu einem strengen Dutt zusammengebunden.

Ihre Kleidung sieht aus wie eine Mischung aus Heilsarmee- und Safari-Kluft, so proper und steif wie aus dem 19. Jahrhundert. Dabei ist Becca Plumley erst 19 Jahre alt. Sie studiert am Norland College, der berühmtesten und besten Nanny-Schule der Welt. Prinz Charles ist von einem Norland-Kindermädchen erzogen worden. Russische Milliardäre, arabische Ölscheichs und Stars wie Mick Jagger greifen auf ihre Dienste zurück. Und selbst wenn die Arbeitgeber nicht zu den Superreichen gehören – Banker, Anwälte oder Ärzte sind sie allemal. Alle anderen können sich die Norland-Nannys nämlich gar nicht leisten. Die Absolventinnen verdienen jährlich mindestens 20?000 Euro. Nach fünfzehn Berufsjahren sind sogar sechsstellige Gehälter drin.

Das College befindet sich in einer altehrwürdigen, weißen Stadtvilla an einer lauten Ausfallstraße im südenglischen Bath. Rund einhundert Studentinnen absolvieren hier bis heute eine dreijährige Ausbildung. Anschließend vermittelt die College-Agentur sie an eine Familie. Arbeitslosigkeit kennen Norland-Nannys nicht.Am Nachmittag sitzt Becca Plumley mit anderen Studentinnen in einem hohen, hellen Saal auf Büro-Klappstühlen und lässt sich von einem Rettungssanitäter erklären wie man Babys rettet, deren Herz stehen geblieben ist. Auf einem Gemälde an der Wand thront die Gründerin Emily Ward. In den Schaukästen sind Devotionalien aus der Geschichte der Schule ausgestellt: ein Teddybär, selbstbestickte Tücher, Dankesbriefe.

Silberne Bürste auf der Kommode

Der Sanitäter spricht die Studentinnen altmodisch als „Ladies“ an. „Ladies, wie oft muss man einem Baby auf den Brustkorb drücken, um Sauerstoff ins Gehirn zu kriegen“, fragt er. „Dreißig“ antworten die Studentinnen im Chor. „Seid euch bewusst“, sagt der Sanitäter, „dass die Eltern von euch erwarten, dass ihr wisst, was im Ernstfall zu tun ist.“ Danach folgt eine praktische Übung. Becca Plumley legt eine Babypuppe auf ihren Oberschenkel, putzt den Plastikmund mit einem antibakteriellen Tuch ab und beginnt, die Puppe fünfmal zu beatmen. Danach drückt sie dreißigmal den Brustkorb ein. So geht das eine Viertelstunde lang.

Auf diese Weise lernen die Schülerinnen auch alle Fertigkeiten für den Alltag. Ihnen wird beigebracht, wie sie Babys wickeln, aus alten Strümpfen Handpuppen basteln oder einen Geburtstagskuchen backen. Sie erfahren, dass sie lieber klassische Kinderwagen als Buggys nutzen sollten, weil das Kind dann gegen die Fahrtrichtung liegt und die Nanny im Blick hat. Im Flugzeug sollten Kinder am Fenster sitzen, damit sie sich nicht verbrühen, falls die Stewardess versehentlich Kaffee verschüttet. Hunderte solcher Kniffe kriegen die Norland-Nannys beigebracht, um Kinder mit Fürsorge und Disziplin aufzuziehen.

Gegründet wurde das College vor 119 Jahren. Damals kümmerten sich noch gewöhnliche Hausangestellte um die Erziehung des Nachwuchses. Die englische Gouvernante Emily Ward, die bereits eine exklusive Grundschule in London gegründet hatte, wollte eine fundierte Ausbildung für Nannys aufbauen. Zum Einzug bei einer neuer Familie, riet Emily Ward, sollten Nannys immer eine silberne Bürste mitbringen und auf der Kommode liegen lassen – als Zeichen dafür, dass es sich bei Norland-Nannys nicht um arme Mädchen handelt, die sich alles gefallen lassen. Eine Norland-Nanny sollte sich nicht ums Aufräumen oder Kochen, sondern nur um die Kinder kümmern.

Schon bald hatte das College einen so guten Ruf, dass Königshäuser in ganz Europa Norland-Nannys einstellten. Der altertümlichen Uniform blieb die Schule bis heute treu – als Zeichen dafür, dass sich auch die neuen Nannys der Tradition verpflichtet fühlen.

Kaum männliche Bewerber

Später sitzt Becca Plumley mit zwei anderen Studentinnen auf der Gartenterrasse. In der Mitte des kurz geschnittenen Rasens plätschert ein Springbrunnen. Fast könnte man meinen, die Studentinnen seien bereits in dem reichen Haushalt angekommen, von dem einige vielleicht träumen. Becca Plumley erzählt, welche Reaktionen sie von ihren Freunden erhielt, als sie ihnen erzählte, dass sie ans Norland College gehen wird. „Ein paar haben mich spöttisch angeguckt“, sagt sie. „Aber wenn wir erklären, worum es bei uns in der Ausbildung geht, haben sie Respekt“, fügt eine andere Studentin hinzu. Dreimal pro Woche müssen alle die altmodische Uniform tragen. Öffentliches Knutschen, Besuche im Pub oder Fast Food sind dann nicht erlaubt.Becca Plumleys Vater hat eine Leitungsposition in der Stadtverwaltung inne. Eine andere Studentin ist im exklusiven Londoner Stadtteil Chelsea aufgewachsen. Die meisten Norland-Nannys stammen aus der Mittelschicht. Das liegt auch daran, dass das dreijährige Studium mehr als 40?000 Euro kostet. „Einige Familien sparen jahrelang, damit ihre Tochter auf unser College gehen kann“, sagt Liz Hunt, die blonde Leiterin der Schule, in ihrem Büro. Obwohl die Zahl der Bewerber in der Wirtschaftskrise zurückgegangen ist, muss Norland jedes Jahr Interessentinnen abweisen. Männer bewerben sich fast nie, was schade sei, meint Hunt.

Sie zählt auf, welche Tugenden eine Norland-Studentin mitbringen sollte: „Liebe zu Kindern, Professionalität, Humor, Integrität.“

Nach dem Gespräch zeigt Hunt die Räume im Keller. In einem Spielraum mit Wickelkommoden und Kinderkrippen kümmern sich zwei Studentinnen um Isabel und Elenor, zwei computergesteuerte Vinylpuppen. Wenn eine der beiden schreit, geben die Studentinnen ihr eine Fläschchen-Attrappe, wechseln Windeln oder wiegen sie im Arm. Dabei achten sie darauf, dass der Kopf nicht nach hinten kippt. Sonst kreischen Isabel und Elenor nämlich auf. Drei Tage muss sich jede Norland-Nanny um eine Puppe kümmern. Der Computer zeichnet auf, ob das Baby regelmäßig sein Fläschchen bekommt und Bäuerchen macht.

„In der letzten Nacht ist Isabel jede Stunde aufgewacht“, stöhnt eine der Studentinnen. Jetzt ist Isabel gerade aus dem Mittagsschlaf erwacht. Die Studentin wiegt die Puppe auf ihrem Arm, bis sie zufrieden grunzt. „Klingt wie eine Katze“, sagt Hunt und mustert Isabel. Die Puppe hat eine schwarze Hautfarbe. Am Norland College gibt man sich schließlich weltoffen. Und der nächste Arbeitgeber könnte ein afrikanischer Geschäftsmann sein.

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