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Ebola „Es kam zur Katastrophe, weil politisch versagt wurde“

Der Epidemiologe Maximilian Gertler über Ebola im Kongo und die Lehren aus dem großen Ausbruch 2014.

Maximilian Gertler
Maximilian Gertler bei seinem Einsatz 2014 in Guinea. Foto: Ärzte ohne Grenzen

Trotz der Fälle in Mbandaka?
Ja. Mbandaka berührt keine bedeutenden internationalen Verkehrswege. Es ist aber absolut dringend, Ebola in der Großstadt jetzt schnell einzudämmen, bevor es zu einer Tragödie wie vor vier Jahren kommt.

Sehen Sie einen Fortschritt bei der Umsetzung der genannten sechs Säulen gegenüber 2014?
Ja. Es ist beispielsweise gelungen, die Schutzausrüstung für die Mitarbeiter zu verbessern. Die können jetzt länger getragen werden, die Helfer werden darin nicht so schnell müde. Man kann daher auch besser medizinische Behandlungen für die einzelnen Erkrankten vornehmen. Auch die epidemiologischen Methoden werden durch moderne Mittel verbessert. Hoffnungsvoll stimmt mich die ganze internationale Aufmerksamkeit, das hätten wir uns im Frühjahr 2014 nur wünschen können.

2014 waren Sie selbst in Westafrika. Was sind die größten Herausforderungen für Ärzte?
Die große Herausforderung liegt zum einen in der Gefährlichkeit der Erkrankung. Und es ist unwahrscheinlich schwer, Patienten zu behandeln. Das geht nur in Vollschutzanzügen, die man in der tropischen Hitze nicht länger als eine Stunde tragen sollte, weil man danach so ausgepowert ist, dass das Risiko, Fehler zu machen, sehr groß wird. Zum anderen weiß man ja nie genau, wo das Virus ist und wer es hat. Man muss unwahrscheinlich aufpassen. Dann muss man im Krankenhaus eine Hochsicherheitszone für die Erkrankten einrichten, die niemand mehr ohne Vollschutz betreten darf. Es muss schnell eine Diagnostik eingerichtet werden, damit man die Leute sicher testen kann, um Infizierte nicht zurück zu ihren Familien zu schicken. Dann kommen natürlich die kulturellen Schwierigkeiten zwischen den Medizinern und der betroffenen Bevölkerung hinzu.

Welche Rolle spielt die Angst vor einer eigenen Ansteckung?
Die macht es einem einerseits schwer, sich so einzusetzen, wie man das will. Das belastet. Andererseits schützt uns die Angst und hilft dabei, die Anspannung aufrecht zu erhalten und aufzupassen. Man muss sich immer klarmachen: Ebola ist eine hochgradig tödliche Erkrankung, aber es gibt andere Erkrankungen, die wesentlich ansteckender sind. Wenn man niemanden anfasst, abstand hält und Kontakt nur unter Vollschutzbedingungen hat, dann droht eigentlich keine Gefahr. Das Ablegen der Ausrüstung ist allerdings sehr kritisch. Dafür muss man sehr strengen Protokollen folgen. Wir greifen leider auch immer sehr wenig medizinisch bei den Patienten ein, um das Personal zu schützen. Das hat sich jetzt sicher verbessert, mit leichterer Schutzausrüstung. Wir geben den Patienten zu essen und zu trinken, wenn sie schwächer sind, wird Flüssigkeit über Magensonden oder Infusionen verabreicht. Dann ist man aber bald am Schluss, nach einer Infusionstherapie. Hierzulande kann man intensivere Therapien mit Beatmung und Dialyse machen, das steht in Afrika nicht zur Verfügung. Das sind aber nur unterstützende Maßnahmen. Ein Medikament gibt es nach wie vor nicht.

Man hört immer viel über die WHO und Ärzte ohne Grenzen. Wie gut oder schlecht sind denn die Gesundheitseinrichtungen der afrikanischen Staaten aufgestellt?
Ärzte ohne Grenzen arbeitet immer eng mit den lokalen Gesundheitsbehörden und der WHO zusammen. Man kann davon ausgehen, dass die Gesundheitsbehörden im Kongo sicherlich die Erfahrensten mit Ebola-Ausbrüchen sind. Es ist der neunte Ebola-Ausbruch im Kongo. Vergangenes Jahr hatten wir den achten. Da wurde sehr schnell und effektiv reagiert, so dass es am Ende nur ganz wenige bestätigte Fälle gab. Das haben die Kongolesen sofort erkannt und den Ausbruch so schnell im Griff gehabt, dass man die Impfkampagne gar nicht mehr starten musste. Im aktuellen Fall wurde der Ausbruch leider zu spät bemerkt.

Fahre Sie wieder runter?
Ich saß bereits auf gepackten Koffern, konnte aber aus privaten Gründen leider nicht weg.   

Interview: Andreas Sieler

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