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Ebola „Es kam zur Katastrophe, weil politisch versagt wurde“

Der Epidemiologe Maximilian Gertler über Ebola im Kongo und die Lehren aus dem großen Ausbruch 2014.

Maximilian Gertler
Maximilian Gertler bei seinem Einsatz 2014 in Guinea. Foto: Ärzte ohne Grenzen

Das sind sehr viele Dinge, die es zeitgleich im Auge zu behalten gilt.
Möglicherweise wird die Impfung, von der wir erst seit dem letzten Ausbruch wissen, zu einer sehr hilfreichen siebten Säule. Es ist aber noch ein experimenteller Impfstoff, man sollte auf keinen Fall die wirksamen und möglichen Maßnahmen deswegen vernachlässigen. Das ist unsere Sorge im Moment.

Beim Impfstoff ist bislang von ein paar Tausend Ampullen die Rede – wir reden aber von einer Millionenstadt. Reicht das Mittel denn aus?
Gesprochen wird von 4000 bis 7000 Impfdosen vor Ort, es wird unter Umständen aber viel mehr brauchen. Manchmal gibt es pro Erkranktem etwa hundert Kontaktpersonen. Bei rund 50 Fällen sind das dann schon 5000 Personen. Angeblich hat der Hersteller zugesagt, rapide größere Vorräte zur Verfügung zu stellen. Man würde auch nicht die ganze Stadt durchimpfen, sondern die Kontaktpersonen sowie Ärzte und Krankenpfleger.

Bringt die Impfung auch noch etwas bei bereits infizierten Personen?
Wenn jemand offensichtlich erkrankt ist, dann ist es zu spät. Geimpft werden jetzt Kontaktpersonen der Erkrankten, also Menschen, die sich einige Tage vorher infiziert haben können. Dann kann der Impfstoff zu einer Abwehrreaktion des Körpers führen, bevor sich das Virus im Körper ausgebreitet hat. Das sind sogenannte Riegelungsimpfungen, das machen wir hier auch beispielsweise bei Hepatitis-A-Ausbrüchen. Der jetzt eingesetzte sogenannte sVSV-EBOV-Impfstoff wurde so in Westafrika in 2016 erfolgreich getestet. allerdings bei einer recht kleinen Zahl von Personen.

Der Impfstoff ist noch nicht zugelassen. Welches Risiko bringt das für geimpfte Personen mit sich?
Nach den Veröffentlichungen die es gibt, geht die Weltgesundheitsorganisation davon aus, dass der Impfstoff wirksam und verträglich, wenngleich nichtendgültig zugelassen ist. Daher ist das, was jetzt anläuft keine Impfkampagne, sondern eine Impfstudie. Dass man den Impfstoff mit den Daten die vorliegen einsetzt, erscheint aus unserer und der Sicht der zuständigen Ethikkommissionen als ethisch in Ordnung. Auch gemessen an dem Drama, das Ebola bedeutet. Das Risiko das wir sehen ist nur, dass man sich möglicherweise auf den Impfstoff verlässt und dafür nicht die Sachen adäquat macht, die sich auch in der Abwesenheit von Impfstoffen bewährt haben.

Ist der Impfstoff aktuell der einzige vielversprechende Ansatzpunkt, um Ebola zu besiegen?
Der Ebola-Ausbruch 2014 war ja kein Versagen technischer Mittel. Es kam nicht zur Katastrophe, weil wir keinen Impfstoff hatten. Es kam zur Katastrophe, weil politisch versagt wurde. Man hat das erst nicht ernstgenommen und als man es schließlich ernst nahm, hat man nicht adäquat reagiert. Wenn man konsequent die genannten sechs Maßnahmen anwendet, kann man einen Ebola-Ausbruch auch so eindämmen. Zumindest ist das bei den etwa 20 vorangegangenen Ausbrüchen gelungen, obwohl das einfacher war, da ländliche Räume betroffen waren.

Es gibt Jahre, da hört man nichts von Ebola. Wie konserviert sich das Virus und wie kommen Neuinfektionen regelmäßig zustande?
Man geht davon aus, dass das Virus sein Reservoir bei Fledermausarten im afrikanischen Urwald hat und dass es sporadisch auf Menschen überspringt, entweder direkt oder über Zwischenwirte wie Affen. Fledermäuse und Affen werden vielerorts in Afrika als günstige Eiweißquelle gejagt und verzehrt.2014 ging man davon aus, dass Kinder von einem Jäger mit einer Fledermaus gespielt und sich dabei infiziert haben. Danach gab es wohl nur noch Übertragungen von Mensch zu Mensch.

Aktuell schätzt die WHO die Gefahr für den Kongo als sehr hoch ein, für die Region als hoch. Es heißt auch, die Epidemie sei noch unter Kontrolle zu bringen. Teilen Sie diese Auffassung?
Ja. Die Situation hat aber wahnsinnig viele Unsicherheiten. Die Frage ist, von wie vielen Fällen wir noch nichts wissen. Wenn man konsequent vorgeht, sollte sich das mit den Zahlen, die wir kennen, eindämmen lassen. Absolut bedrohlich im Moment ist die Übertragung in der Stadt Mbandaka. Die Gefahr einer globalen Ausbreitung ist jedoch nach gegenwärtigem Stand sehr gering.

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