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Ebola „Es kam zur Katastrophe, weil politisch versagt wurde“

Der Epidemiologe Maximilian Gertler über Ebola im Kongo und die Lehren aus dem großen Ausbruch 2014.

Maximilian Gertler
Maximilian Gertler bei seinem Einsatz 2014 in Guinea. Foto: Ärzte ohne Grenzen

Herr Gertler, bis heute gibt es kein Gegenmittel für Ebola, obwohl das Virus bereits vor 42 Jahren identifiziert wurde. Warum?
Ebola gehört zu den sogenannten „vernachlässigten“ Tropenerkrankungen. Niemand hat sich berufen gefühlt, etwas dagegen zu erfinden, weil damit kein Geld zu verdienen ist. Die Betroffenen sind arm, die Erkrankung ist selten und kommt in wohlhabenden Ländern nicht vor. So ist man dann über 40 Jahre nach der Entdeckung beim riesigen Ausbruch 2014 mit leeren Händen dagestanden.

Aber der Ausbruch kam ja nicht aus dem Nichts…
Man muss zugeben, der Ausbruch 2014 war für uns alle eine Überraschung. Die etwa 20 Ebola-Ausbrüche, die wir bisher kannten, haben sich meist in abgelegenen Regionen in Zentralafrika, überwiegend im Kongo, abgespielt. Da das im ländlichem Raum stattfand, gab es eine geringere Ausbreitung mit maximal 400 Erkrankten. Daher lässt sich schon erklären, dass es keine Priorität war, nach einem Impfstoff zu forschen. Auf der anderen Seite hätte man zumindest in Betracht ziehen können, dass das Virus einen städtischen Raum erreicht. Als es dann 2014 dazu kam, wurde offenbar zusätzlich unterschätzt oder ignoriert, was es bedeutet, wenn das Virus an zahlreichen Orten gleichzeitig präsent ist.

Welche Lehren wurden aus dem Ausbruch 2014 gezogen?
Das fatalste war, dass man monatelang weggeschaut hat – nicht das Fehlen von Impfstoffen und Medikamenten, sondern das Fehlen einer internationalen Reaktion führten hauptsächlich zur Katastrophe. Man hat die lokalen Gesundheitsministerien und Ärzte ohne Grenzen im Wesentlichen damit alleine gelassen. Das ist jetzt anders. Die Lehren, die man aus unserer Sicht ziehen musste, sind, dass man bei einem solchen Ausbruch rasch und konsequent reagieren muss – mit den bewährten Mitteln, die man hat.

Welche sind das?
Da gibt es sechs Säulen, die sind international anerkannt. Das sind erstens die Isolierung und Behandlung der Erkrankten. Zweitens die Identifikation aller weiteren Erkrankten. Drittens die konsequente Nachverfolgung aller Kontaktpersonen, damit man sie, sobald sie Symptome zeigen, isolieren kann. Viertens braucht es eine umfangreiche Aufklärung der Bevölkerung, Behörden und traditionellen Autoritäten wie Heilern und den Village Chiefs. Wenn die Bevölkerung die Ansteckungswege nicht verstanden hat, kann sie sich nicht helfen. Wichtig ist es auch, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, denn oftmals gibt es ganz andere kulturelle Erklärungen für den Ausbruch einer Seuche. Manche Dorfgemeinschaften wehren sich auch, sie haben Angst vor den Helfern, die oft von Weißen angeleitet werden. Es gibt immer Gerüchte, dass die Menschen in den Isolationszentren nicht geheilt, sondern zum Beispiel ihrer Organe beraubt werden. Das kann man sich auch vorstellen, ein wesentlicher Teil der Erkrankten verlässt die Zentren nicht lebend. Da kommt es zu Missverständnissen. Fünftens müssen unbedingt die vor Ort vorhanden Strukturen wie Krankenhäuser und Gesundheitszentren Unterstützung erhalten, damit diese ihre eigentliche Arbeit fortsetzen können. Die vorhandenen und viel häufigeren Erkrankungen wie Malaria müssen weiter versorgt werden, sonst sterben am Ende mehr Menschen daran, dass wie in Westafrika geschehen das ganze Gesundheitssystem zusammenbricht. Auch deren Personal muss vor Infektionen geschützt werden. Die brechen ja auch zusammen, weil die Mitarbeiter Angst vor den Kranken haben. Jeder könnte ja diese fürchterliche Seuche haben. Da braucht es Ausrüstung und Ausbildung, das ist ungeheuer aufwendig. Sechstens müssen sichere Beerdigungen möglich gemacht werden. An Ebola Verstorbene sind hochgradig infektiös und dürfen von niemandem mehr angefasst werden, sondern müssen von einem ausgebildeten Team bestattet werden. Sie müssen wasserdicht verpackt und unter Vollschutz ein bis zwei Meter tief bestattet werden. Dazu gehört auch kulturelle Verständigung. Deswegen sind auch Ethnologen in den Teams. Es sind ja auch immer unterschiedliche Regionen und Stämme betroffen. Es ist essentiell, dass die Menschen verdächtige Fälle und Todesfälle melden. Dafür haben wir 2014 auch eine Notfallnummer eingerichtet.

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