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Ebola Eine Millionenstadt im Alarmzustand

Nach der Ankunft des Virus ist in der kongolesischen Millionenstadt Mbakanda nichts mehr, wie es war. Doch die WHO hat aus dem tödlichen Fiasko von 2014 offenbar gelernt.

Kongo
Warten auf die Behandlung: Patienten im Gesundheitszentrum von Wangate in der Republik Kongo. Foto: rtr

Wir fürchten uns“, sagt Hafenarbeiter Roger Ikunka, „aber von Panik ist noch nichts zu spüren“. An den Piers von Mbakanda sind die Schlangen der Menschen länger geworden, die einen Platz auf einem der Schiffe zu ergattern suchen, um der am mächtigen Kongofluss gelegenen Stadt zu entkommen. Jeder Fahrgast wird von weißgekleideten Gesundheitsbeamten mit pistolenähnlichen Temperaturmessgeräten gecheckt. Vor vielen Geschäften der kongolesischen Provinzhauptstadt sind inzwischen Sets mit Wassercontainern, Plastikschüsseln und Desinfektionsseife aufgestellt, an denen sich Kunden ihre Hände waschen sollen.

Und wenn sich Bekannte auf der Straße begegnen, verneigen sie sich nur ein wenig, ohne sich die Hand zu geben. In Mbakanda ist nichts mehr, wie es einmal war: Seit hier vor zehn Tagen die ersten Infektionsfälle mit dem tödlichen Ebola-Virus registriert wurden, befinden sich die 1,2 Millionen Einwohner der Stadt im Alarmzustand. Den Schulkindern werde eingebläut, jeglichen Körperkontakt zu vermeiden, sagt der 53-jährige Grundschullehrer Jean Mopono: „Ansonsten können wir lediglich beten, dass sich die Seuche nicht weiter ausbreitet.“

Mindestens sieben Einwohner Mbandakas seien bereits infiziert worden, meldet das kongolesische Gesundheitsministerium. In der gesamten Region stieg die Zahl der vermuteten Infektionsfälle auf 58 an, 28 Menschen sind bereits gestorben. Seit Wissenschaftler den Erreger 1976 erstmals identifizierten, ist dies der neunte Ausbruch einer Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo (DRC). Doch meist waren die Seuchenherde dermaßen tief im Urwald versteckt, dass die Furcht vor einer unkontrollierten Ausbreitung der Epidemie unbegründet erschien.

Mit der Ankunft des Virus in Mbakanda ist das jedoch anders geworden: „Nur eine infizierte Person auf einem der Boote kann die Seuche im ganzen Land verbreiten“, warnt Peter Salama, Notstandschef bei der Weltgesundheitsorganisation WHO, „und das kann jeden Augenblick passieren“. Die Genfer Behörde schätzt die Gefahr für den riesigen Kongo als „sehr groß“ ein – wollte jedoch trotzdem keinen medizinischen Notstand „von internationaler Bedeutung“ erklären. Noch sei die Epidemie unter Kontrolle zu bringen, befand der Schweizer Seuchenforscher Robert Steffan. 

Hoffnung macht den Experten offenbar, dass die Reaktion auf den Ausbruch diesmal nicht so zögerlich wie vor vier Jahren in Westafrika verlief. Nach den ersten gemeldeten Ansteckungsfällen war die WHO damals noch monatelang untätig geblieben. In dem dichtbesiedelten Küstenstreifen Liberias, Guineas und Sierra Leones hatte sich das Virus schnell wie ein Steppenbrand ausgebreitet – bis schließlich 26 000 Menschen infiziert waren, von denen 11 300 starben. Aus dem tödlichen Fiasko zog die UN-Gesundheitsbehörde offenbar Lehren: Gleich nach Bekanntwerden der Seuche reiste WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus persönlich vor Ort, um sich ein Bild von der Lage zu verschaffen.

Die größten Hoffnungen setzen die Seuchenbekämpfer allerdings in einen in den vergangenen acht Jahren entwickelten Impfstoff, der bereits bei der westafrikanischen Epidemie mit Erfolg eingesetzt wurde. Die WHO transportierte mehr als 7000 Portionen des „rVSV-ZEBOV“ genannten Serums in den Kongo. Die ersten Risikopersonen – vor allem Krankenpfleger und Ärzte – wurden in Mbakanda Anfang der Woche geimpft.

Angesichts der begrenzten Menge des Präparats kann aber nicht die gesamte Bevölkerung der Region geimpft werden. Die Experten konzentrieren sich deswegen auf „Hochrisiko-Personen“ und Menschen, die mit Infizierten in Verbindung standen. Dazu müssen ausführliche Begegnungsdiagramme erstellt werden, die ein kleines Heer an Rechercheuren erfordern. Diese sind zum Teil mit Motorrädern unterwegs, um auch abgelegene Orte in der Urwaldregion erreichen zu können. Schon jetzt stehen mehr als 700 Personen auf diesen Listen: Sie alle mit rVSV-ZEBOV zu versorgen, stellt sich als gar nicht so einfach heraus. 

Denn der Impfstoff muss bei Temperaturen zwischen minus 80 und minus 60 Grad aufbewahrt werden, was hochleistungsfähige Kühlschränke erfordert, die es bislang nur in der Hauptstadt Kinshasa gab. Inzwischen hat die WHO solche Tiefkühlaggregate auch nach Mbakanda und das 150 Kilometer südwestlich gelegene Städtchen Bikoro gebracht. Doch von dort muss das Serum mit dem Hubschrauber in abgelegene Orte geflogen werden, wofür oft erst einmal Landeplätze mit der Machete freigehauen werden müssen. 

Gebräuche sind ein Problem

Doch noch größere Sorgen als die Logistik bereiten den Seuchenbekämpfern die Ansichten und Gebräuche der einheimischen Bevölkerung. Mitte der Woche verschwanden in Mbakanda drei Patienten aus der Isolierstation der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Man könnte niemanden unter Zwang festhalten, sagt ein Sprecher. Andernfalls würden die Isolierstationen von der Bevölkerung vollends als Haftanstalten betrachtet, die es unter allen Umständen zu vermeiden gelte. Die drei Patienten wurden von Angehörigen auf dem Motorrad zu einer Gebetsveranstaltung gefahren. Zwei von ihnen starben kurze Zeit später, nicht ohne zuvor womöglich noch andere Teilnehmer des Gottesdienstes angesteckt zu haben. 

Wie in Westafrika ist auch im Kongo die Auffassung verbreitet, dass es sich bei der Epidemie um eine Strafe Gottes oder einen bösen Fluch handelt. Die gegenwärtige Seuche sei vom Diebstahl der Beute eines Jägers ausgelöst worden, erzählt man sich in Bikoro: Der Jäger habe das Fleisch mit einem tödlichen Bann belegt. Viele Kongolesen gehen bei einer Erkrankung erst einmal zum traditionellen Heiler. Erst wenn der nicht weiterhelfen kann, werden als letzter Rettungsversuch „westliche“ Krankenstationen aufgesucht. Unter diesen Voraussetzungen alle Hoffnungen in den Impfstoff rVSV-ZEBOV zu legen, sei gefährlich, meint Nahid Bhadelia von der Boston University School of Medicine: „Wir dürften unter keinen Umständen alles nur auf eine Karte setzen.“

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