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Duisburg Eine Stadt unter Schock

Seit Jahren kämpft Duisburg um ein besseres Image. Die Loveparade sollte genau das bringen. Doch das Gegenteil ist jetzt der Fall.

26.07.2010 22:16
Harald Biskup
Kreidemarkierungen zeigen, wo einige der Opfer den Tod fanden. Foto: dpa

Ist es Zynismus? Wut? Hilflosigkeit? Angst? Als Zeichen stummen Protests hat jemand einen Anstecker mit der Aufschrift „Dance or die“ (Tanz oder stirb) zwischen all den Kerzen und Blumen abgelegt. Inmitten von Stofftieren holt der Blech-Button auf entsetzliche Art die brutale Realität des schwärzesten Tages in der Duisburger Nachkriegsgeschichte zurück.

Erwin Dembowski ist vorbeigekommen, einfach so, „weil ich das Bedürfnis hatte“. Die Fernsehkameras sind weg, prominente Kondolenz-Besucher werden heute nicht erwartet. Er kennt keines der Todesopfer, auch keinen der Verletzten und ist mit Anfang 50, wie er sagt, dem Techno-Alter entwachsen. Dennoch wollte er diesen Ort aufsuchen, der „auf Jahre ein Schandmal für Duisburg bleiben wird“. Von hier aus blickt man in den Schlund des Tunnels, der zum Sinnbild geworden ist für das schlimmste Unglück bei einem Pop-Event – und zugleich für menschliches Versagen in vielfältiger Form.

Kaum etwas hat den Mann seit Samstag so aufgebracht wie „die Dreistigkeit“, mit der Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) die Schuld auf ein paar übermütige Jugendliche abzuschieben versucht habe, statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Da könne es überhaupt nicht verwundern, dass der OB ausgebuht worden ist, als er zu einem Blitzbesuch an der Todes-Falle eintraf. Augenzeugen erzählen, Polizisten hätten Sauerland wie Bodyguards in die Mitte genommen und er habe in seinem Dienst-Mercedes „praktisch flüchten müssen“.

Dass er jetzt praktisch abtaucht und so tut, als habe er mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun, empört die Gäste im „Franky’s“ am Bahnhof. Die Stadt habe auf der Woge der Spaßgesellschaft mitschwimmen wollen, koste es, was es wolle, und habe sich „einen Dreck“ um Sicherheitsbedenken geschert. Zu denen, die zumindest im Internet und auf Stammtischen des Bürgervereins Duisburg-Neudorf vor so einem „ausgemachten Schwachsinn“ gewarnt haben, zählt Harald Jeschke. In diesem Tunnel könne es nur Chaos geben „A n Tote haben wir in unseren schlimmsten Ahnungen ja nicht gedacht“, sagt Jeschke. „Es kotzt mich an, dass weder der Oberbürgermeister noch der Ordnungsdezernent sich zu ihrer Verantwortung bekennen und zurücktreten.“

Jeschke war OB-Kandidat der Gruppierung „Bürgerliche Liberale“, in der sich Ex-FDPler mit Ex-CDUlern zusammengefunden haben. Nun will er die SPD auffordern, eine Sondersitzung des Rates zu beantragen, um die Verantwortlichen zu einer lückenlosen Aufklärung zu zwingen. Das Sichverschanzen der Stadt-Oberen hinter „laufenden Ermittlungen“ erinnert den ehemaligen Fluglotsen an das Lavieren der Verantwortlichen bei der Brand-Katastrophe auf dem Düsseldorfer Flughafen 1996. „Eine schlimme Duplizität der Ereignisse.“

Dem katholischen Theologen Manfred Kemper imponiert die Betroffenheit für das Leid wildfremder Menschen und die Solidarität mit den Opfern, auch wenn dies heute mit säkularen Ritualen geschehe. Kemper ist Pfarrer der Gemeinde St. Peter und Paul im Duisburger Norden, wo das Techno-Spektakel schon vor Beginn auf Skepsis gestoßen ist. Er fürchtet, dass das Unglück „auf unabsehbare Zeit“ mit Duisburg in Verbindung gebracht werde. Gerade habe es die Stadt geschafft, ihr Schmuddel-Image ein wenig aufzupolieren, da mache das Prestige-Objekt und die Profilierungssucht der Stadt-Oberen „alles wieder zunichte“.

Der Stadt und den Veranstaltern sei die vage Hoffnung auf mediale Aufwertung durch das Massen-Spektakel offenbar wichtiger gewesen als die Sicherheit. Um Finanzlücken zu schließen, habe der OB auch nichts gegen Spenden der Fitness-Studio-Kette McFit gehabt. Deren Chef ist kein anderer als Rainer Schaller, Geschäftsführer der Loveparade.

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