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Dresden Von Leiden, Lügen und Legenden

Dresden, vor 70 Jahren bombardiert und zerstört, hat seine Trümmer längst beseitigt. Zeit, auch mit den Gespenstern aus jener Vergangenheit aufzuräumen.

Nur noch Ruinen: Die Dresdner Frauenkirche und das Lutherdenkmal im Februar 1945. Foto: AFP

Dresden, es ist immer Dresden: Als 2007 der Wirbelsturm Katrina über New Orleans hinweg gezogen war und die Stadt verwüstet hatte, meinte ein Überlebender: „Es sah aus wie in Dresden. Wie nach einem Krieg, und wir haben den Krieg verloren.“

Als das erste Flugzeug am 11. September 2001 in einen Turm des World Trade Centers eingeschlagen war, rannte Rechtsanwalt Michael Greenglas aus seinem Büro, drei Blocks entfernt, zum Ort der Katastrophe und sah die Türme einstürzen. „Ich habe Bilder von Dresden gesehen“, sagte er der Zeitung „USA Today“. „Da war es wie hier.“

Vor zwei Jahren berichtete die US-amerikanische Zeitschrift „The Atlantic“ über die Zerstörung der syrischen Stadt Aleppo. Die Stadt laufe Gefahr, befand das Blatt, eine 21.-Jahrhundert-Version von Dresden zu werden. Da war es wieder: Dresden. Dresden als Maßstab für maximale Verheerung, die sächsische Landeshauptstadt und ihre Bombardierung im Februar 1945 durch alliierte Flieger als höchste Einheit denkbarer Zerstörungszustände. Dresden, sagt Gorch Pieken, ist die „Benchmark“. Seltsamerweise nicht Hiroshima oder Nagasaki – oder Leningrad, wo die deutsche Wehrmacht über eine Million Menschen verhungern ließ. Pieken ist Wissenschaftlicher Direktor des Militärhistorischen Museums in Dresden und das Museum am nördlichen Stadtrand steht schon von seiner Form symbolisch für das, was am 13. Februar 1945 passierte: Einen gewaltigen Keil aus Stahl und Glas hat Architekt Daniel Libeskind in das alte Sandsteingebäude fahren, es zerreißen lassen und damit ein neues Haus geschaffen, imposant und erschreckend, wie es besser geeignet für ein Militärmuseum gar nicht sein könnte.

Gorch Pieken ist jemand, der mit seinen Kollegen im Museum auch dafür sorgt, dass ein Keil aus Fakten durch Dresden fährt, damit sie endlich ein bisschen herauskommt aus ihrem Benchmark-Dasein als unschuldige Kunst-Stadt, die zufälligerweise auch Teil des Dritten Reichs war, aber gegen Kriegsende vollkommen sinnlos und barbarisch, vor allem aber deutlich schlimmer als andere Städte, zerbombt wurde. Es ist offensichtlich ein mühseliges Geschäft, das die Historiker um Herrn Pieken, Museumsdirektor Oberst Matthias Rogg und Kurator Ansgar Snethlage betreiben: Fakten gegen Mythen setzen, Zahlenungetüme auf den wahren Kern abtragen, falsche Geschichten aus der Welt zu schaffen und am Ende das herausschälen, was tatsächlich war.

Pieken steht in seinem Museum und erzählt von seiner Arbeit. Hinter sich ein Foto einer von alliierten Bombern zerstörten Stadt. Es zeigt eine fahle Trümmerwüste. Pieken erzählt, worum es geht. Dresden vor 70 Jahren, sagt er, das war ein Feuersturm, ein Flammenmeer, 15 Quadratkilometer Stadtfläche, die lichterloh brannten und 25 000 Männer, Frauen und Kinder das Leben kosteten.

Aber das Bild hinter ihm, er deutet darauf, zeige ganz ausdrücklich nicht die sächsische Landeshauptstadt, sondern das verwüstete Köln.

Da gehe es nämlich schon los: Dresden ist im Krieg neunmal bombardiert worden, Köln 262 mal. Bei Bombenangriffen auf Hamburg im Juli 1943 starben deutlich mehr Menschen als in Dresden 1945. Pforzheim, sagt er. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl starben dort die meisten Menschen. Würzburg, sagt er. Keine Stadt wurde prozentual gesehen mehr zerstört. Berlin, sagt er. Über keiner deutschen Stadt wurde mehr Bombenlast abgeworfen. Malta, sagt er. Die kleine Mittelmeerinsel ist die im Krieg am meisten bombardierte Stadt überhaupt: 3302 mal. Dublin wurde bombardiert, obwohl Irland neutral war. In Frankreich und Italien starben durch alliierte Bomben während der deutschen Besatzungsjahre jeweils 60 000 Menschen. „Soll man so etwas vergleichen?“, fragt er und beantwortet es selbst, nein, sehr fraglich sei das Ganze. Er hält nichts von „falscher moralischer Mathematik“.

Er steht in einem abgedunkelten Museumstrakt, hinter sich die neue Ausstellung „Schlachthof 5“, benannt nach dem Roman des amerikanischen Schriftstellers Kurt Vonnegut, der Dresdens Bombardierung als Kriegsgefangener auf dem Schlachthof an der Elbe überlebte. Kein Mensch redet heute über Köln, Würzburg, Hamburg, Pforzheim, über Darmstadt, Kassel oder Düren. Immer nur: Dresden! Warum? „Weil alle daran mitgearbeitet haben“, sagt er. „Alle.“ Nicht nur Vonnegut, auch die anderen Schriftsteller: Harry Mulisch, Erich Kästner, Marcel Beyer und Durs Grünbein, Walter Kempowski, Martin Walser, Jonathan Lethem. Kein Bombardement und seine Folgen fanden häufiger Eingang in die Literatur als das von Dresden vor 70 Jahren. „Sie alle trugen zum Mythenfundus bei.“

Der Mythenfundus. Montagabend vor der Frauenkirche zeigt sich etwas daraus. Pegida-Demonstration, nur noch 2000 sind gekommen nach den großen Wutbürger-Wellen im Dezember und Januar. Die Bewegung zerfällt. Es regnet leicht. Eine Frau hält ein Schild hoch, eines dieser vielen Pappschilder mit den vielen Wutbürger-Ausrufezeichen: „Gegen die Bombenlügen!“ Als eine Rednerin auf das Schicksal Dresdens hinweist, auf die 25 000 Toten im Feuersturm vor 70 Jahren, da passiert etwas Seltsames: Ein lautes Raunen und Schimpfen geht über den Neumarkt. Das Pegida-Publikum vor der Frauenkirche buht die Pegida-Rednerin aus Hamburg aus. 25 000 Tote? „Viel zu wenig“, rufen einige aus der Menge.

Es ist eigenartig: Dresden ist längst wieder aufgebaut, die Spuren der Kriegszerstörung, noch 1990 deutlich sichtbar, sie sind fast alle abgetragen. Die Semperoper, schon zu DDR-Zeiten wieder aufgebaut. Die Frauenkirche, das Symbol städtischen Untergangs, längst wieder Teil der weltberühmten Silhouette. Der Neumarkt, nach dem Krieg eine Wiese, auf der Schafe weideten, mit viel Liebe und Genauigkeit nach altem Vorbild aus dem Boden gestampft. Alles neu und gleichzeitig auf alt getrimmt.

Nur die Gespenster der Vergangenheit irren noch zwischen all dem Neuen herum, die Mythen und Legenden, die Lügen, die Geschichten, die nicht stimmen, das Gift der Propaganda Joseph Goebbels‘, das bis heute im Dresdner Boden steckt.

Zu den scheinbar unausrottbaren Mythen zählt die angebliche Unschuld Dresdens – obwohl es in der Stadt etliche Rüstungsbetriebe gab. Dazu zählen die angeblichen Tieffliegerangriffe auf Flüchtlinge, die auf den Elbwiesen Schutz vor dem Flammeninferno suchten. „Es hat sie nicht gegeben“, sagt Historiker Pieken. „Wir haben die Wiesen abgesucht, es hätten tausende Geschosse im Boden stecken müssen.“ Die Zahl der Toten: Sie war eine Lüge und daraus wurde eine Legende. Im März 1945 war sie von den Nazis mit 202 040 angegeben worden, obwohl intern laut Bestattungslisten eine Zahl von 20 204 galt. Es war einfach eine Null angehängt worden, wie der Historiker Götz Bergander 1977 herausfand. Die Zahl der Opfer wurde verzehnfacht, weil sich damit der Goebbels’sche Propagandakrieg gegen die Briten und Amerikaner leichter führen ließ. Der britische Historiker David Irving, heute als Holocaustleugner diskreditiert, übernahm die Zahl, bei ihm wiederum bediente sich nicht nur der Schriftsteller Kurt Vonnegut, sondern auch 1965 eine bundesdeutsche junge linke Journalistin, die einen flammenden Artikel in der Zeitschrift „konkret“ gegen Winston Churchill, den „Verantwortlichen für den militärisch sinnlosen Massenmord“, schrieb: Ulrike Meinhof, die spätere RAF-Terroristin.

Im Kalten Krieg knüpfte die SED-Regierung nahtlos an: „Sinnlos von anglo-amerikanischen Bombern zerstört“ war Dresden, im Propagandaton jener Zeit auch von „angloamerikanischen Terrorbombern.“ Ein Sound, der sich bis in die Jahre nach der Wiedervereinigung gerettet hatte, als Rechtsextremisten aus ganz Deutschland Dresden zu ihrem Symbolort machen wollten und zu Tausenden am Gedenktag durch die Stadt zogen, gegen den „Bombenterror der Alliierten“, später dann gegen den „Bombenholocaust“.

Ob Nazis, SED oder Neonazis: „Allen ideologischen Strömungen“, sagt Historiker Pieken, „ist die schamlose Instrumentalisierung der Opfer gemeinsam.“ Höchste Zeit, damit Schluss zu machen, mit den Mythen und Legenden, den falschen Zahlen. „Wir arbeiten daran“, sagt der Mann vom Militärhistorischen Museum.

Dresden tickt anders als andere deutsche Großstädte. Der Februar 1945 hat Spuren hinterlassen im Bewusstsein der Stadt, bis heute. Er ist das Hintergrundrauschen. Dresden blickt immer zurück, ganz selten nach vorne. Der Fixpunkt ist der Stadtzustand vor der Bombardierung, ein Traumzustand. „Canaletto“-Syndrom, hat es einmal der Dresdner Soziologe Karl-Siegbert Rehberg genannt, nach Bernardo Boletto, einem venezianischen Maler des 18. Jahrhunderts, der sich „Canaletto“ nannte und Dresdens berühmteste Stadtansichten gemalt hatte.

„Nach der als Niederlage empfundenen Befreiung durch die Alliierten wurde diese Nacht des Grauens jedoch gerade für Dresden zu einer Quelle der Identitätsstiftung, welche seither nicht nur aus Barockem gespeist ist, sondern eben auch aus seiner Vernichtung“, schrieb Rehberg vor Jahren. „Dresden ist Ausdruck einer sozusagen nach rückwärtsgewandten Utopie.“

Bis heute. Der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer beschreibt es so: „Dresden hat über viele Jahrzehnte, ja Jahrhunderte eine Kultur der Selbstbezüglichkeit und der Selbstverliebtheit gepflegt. Und das trifft zusammen mit einem Verständnis, Opfer unverschuldeter Umstände zu sein – ich erinnere nur an die Bombardierung vom 13./14. Februar 1945. Zu DDR-Zeiten war das eine nützliche Abgrenzung zum SED-Staat: Der Dresdner fand seinen Stolz in der Kultur, in der Schönheit der alten Stadt, in Wissenschaft, im Barock, letztlich in der glanzvollen Geschichte Sachsens. Man lebte in einer selbst geschaffenen Nische, die von der Eigenerzählung ausgeschmückt wurde.“

Am Freitag kommt Bundespräsident Joachim Gauck zur Gedenkfeier. 70 Jahre ist es nun her. Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz hat wieder die Bürger aufgerufen, in die Altstadt zu kommen und eine Menschenkette zu bilden wie in den vergangenen Jahren auch. Mindestens 8000 müssen es sein, damit sich der Ring im Zentrum, wo auch die neue Synagoge steht, schließt gegen die bislang üblichen Aufmärsche von Neonazis und Rechten. Ob diesmal überhaupt nennenswert Rechtsextremisten aufmarschieren werden, ist ungewiss.

Vielleicht ist es auch die letzte Menschenkette. Vielleicht ändert sich gerade eine Menge in der von Pegida entsetzten und durchgerüttelten Stadt. Es gibt längst Debatten darüber, ob es immer noch ein „derart aufgeladenes Gedenken“ sein muss, wie der Grünen-Politiker Thomas Löser meint. Er wirbt für einen andere Perspektive, einen anderen Blickwinkel, einen Aufbruch. Was daraus konkret werden soll, ist noch unklar, vielleicht ein Fest, das für ein weltoffenes und demokratisches Dresden wirbt, vielleicht aber auch gar nichts.

So wie bisher, meint der Grüne aber, könne es nämlich nicht weitergehen. „Das Gedenken am 13. Februar schaut jedes Jahr zurück und zementiert den Opfermythos und die Selbstbezogenheit der Stadt.“

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