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Dr. Hontschiks Diagnose Überfällige Beerdigung

Warum die elektronische Gesundheitskarte mehr schadet als nutzt.

Gesundheitskarte
Umstrittene Plastikkarte. Foto: epd

Vor vierzehn Jahren wurde das Projekt beschlossen, seit elf Jahren soll alle Jahre wieder der Startschuss fallen: Die Rede ist, wie schon so oft an dieser Stelle, von der elektronischen Gesundheitskarte (eGK).

Die eGK stellt alle Pannen des Berliner Flughafens bei weitem in den Schatten. Die eGK übertrifft die LKW-Maut an Chaos und technischen Fehlplanungen um Längen. Und auch die Verzehnfachung der Kosten, wie es die Elbphilharmonie in Hamburg vorgemacht hat, wird die eGK locker toppen, wenn es so weitergeht.

Aber geht es so weiter? Seit August gibt es einen kleinen Hoffnungsstreif am Horizont; nicht für den überfälligen Start der eGK, sondern für ihre längst überfällige Beerdigung. Schon länger geistert das Gerücht durch ‚gewöhnlich gut informierte Kreise‘, dass die eGK in ihrer jetzigen Form nach der Bundestagswahl für gescheitert erklärt werden wird. Helmut Platzer, der Vorsitzende der AOK Bayern, und Wolfgang Krombholz, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, sprachen jüngst in seltener Einmütigkeit von zunehmenden Zweifeln, dass „die Gesundheitskarte die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt“, und ergänzten, dass die eGK in ihrer jetzt geplanten Form für „eine Technik (steht), die eigentlich schon überholt ist“.

Technikerkasse geht eigenen Weg

Das umgehende Dementi aus dem Bundesgesundheitsministerium ließ nicht lange auf sich warten. Schließlich ist ein gigantisches Geschäftsmodell in Gefahr. Damit die eGK mit ihrer umfassenden Datenspeicherung auf zentralen Riesenservern überhaupt funktionieren kann, muss jede Arztpraxis, jedes Krankenhaus an jedem Terminal und jeder sonstige Heilberufler einen sogenannten VPN-Konnektor anschaffen, der einige hundert Euro kostet. Außerdem braucht jetzt jede und jeder an jeder dieser Terminals einen elektronischen Heilberufsausweis, sonst kann die eGK weder gelesen werden noch kann man etwas auf ihr eintragen. Derzeit ist aber erst ein einziger Konnektor technisch ausgereift zugelassen. Sehr seltsam.

Und nun hat eine der größten Krankenkassen im Land die Nase voll und geht ihren eigenen Weg: Der Chef der Technikerkasse, Jens Baas, erklärte die eGK in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ schon vor einem knappen Jahr für „tot“. In Kooperation mit IBM entwickelt die Technikerkasse jetzt eine eigene digitale Patientenakte für ihre zehn Millionen Versicherten. Es steht uns also ein Flickenteppich von elektronischen Karten, zentralen oder dezentralen Speicherungen mit PINs und TANs und einer Unzahl von Passwörtern ins Haus.

Widerstand ist jetzt erst recht wichtig

Dabei wäre es doch so einfach, wenn statt irgendwelcher zentralen Server, die bislang noch überall und alle gehackt werden konnten, eine dezentrale Netzwerklösung installiert würde. Niemand müsste die Verfügungsgewalt über die Gesundheitsdaten abgeben, niemand müsste sich vor Datendiebstahl fürchten, und alle Kommunikationsprobleme im Gesundheitswesen wären gelöst.

An diesen umfassenden Gesundheitsdaten, die auf zentralen Servern gesammelt werden sollen, besteht aber allergrößtes Interesse. Hard- und Softwarekonzerne, Regierungen, Strafverfolgungsbehörden, Versicherungen, Arbeitgeber, sie alle stehen in Warteposition. Das würde zwar nie jemand zugeben, aber nur deswegen hält man hartnäckig an den zentralen Servern fest. Es gibt keinen anderen nachvollziehbaren Grund.

Die bislang elfjährige Verzögerung beruht auf dilettantischer Unfähigkeit, technischen Unzulänglichkeiten und Kompetenzgerangel zwischen zu vielen Beteiligten. Sie beruht aber auch auf Widerstand, besonders durch eine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten, die für die Rechte ihrer Patientinnen und Patienten kämpfen und das Arztgeheimnis bewahren wollen. Und dieser Widerstand ist jetzt erst recht wichtig, wo doch das eGK-Konzept endlich wackelt wie bisher noch nie.

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