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Dr. Hontschiks Diagnose Teurer Eingriff, billige Reha

Chirurgie und Reha-Medizin: Was wirklich hilft, wird nicht bezahlt.

Arthroskopie
Ärzte führen eine Arthroskopie durch. (Archivbild) Foto: REUTERS

Chirurgie ist viel mehr als nur Aufschneiden, Reparieren und wieder Zunähen. Das wissen alle. Wirklich alle? Betrachten wir beispielsweise die Chirurgie des Kniegelenkes. Etwa die Hälfte der Deutschen, die älter als 50 sind, leidet unter Knieproblemen. Deswegen wurden in Deutschland jedes Jahr mehr als 400 000 Kniegelenkspiegelung durchgeführt, sogenannte Arthroskopien. 

Vor 16 Jahren erschütterte eine Untersuchung aus Texas die Welt der Operateure. Der Orthopäde Moseley untersuchte 180 Patienten mit fortgeschrittener Kniegelenkarthrose. Bei einer ersten Gruppe wurde die übliche Arthroskopie mit Spülung und Knorpelglättung durchgeführt, bei der zweiten Gruppe nur eine Gelenkspülung, und bei der dritten Gruppe wurde die gesamte Operation nur simuliert, die Spülung durch Plätschern in Eimern vorgetäuscht und die Knorpelglättung durch schabende Geräusche simuliert. Kleine Hautschnitte wurden gesetzt und gleich wieder zugenäht. Das Ergebnis der Nachuntersuchung nach zwei Jahren war: In allen drei Gruppen war eine vorübergehende Abnahme der Beschwerden eingetreten. Es bestand außerdem kein Unterschied hinsichtlich der Beweglichkeit des Kniegelenkes oder der Schmerzen. 

Zunächst war die Aufregung groß. Die Untersuchungen wurden angezweifelt. Die Autoren wurden angefeindet. Aber die Wogen glätteten sich wieder. Es wurde weiter arthroskopiert, gespült und geglättet, als wäre nichts gewesen. Vor zehn Jahren aber machte eine weitere Untersuchung Furore, diesmal aus Kanada. 172 Patienten mit Kniegelenkarthrose wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Die einen wurden arthroskopiert, gespült und geglättet, erhielten dazu Schmerzmittel und Krankengymnastik. Die anderen erhielten nur Schmerzmittel und Krankengymnastik, also noch nicht einmal eine Scheinoperation wie zuvor in Texas. Das Ergebnis: Beiden Gruppen ging es nach zwei Jahren gleich gut – oder gleich schlecht, je nach Blickwinkel. Wieder war große Aufregung überall. Wieder wurden die Untersuchungen angezweifelt. Wieder wurden die Autoren angefeindet. Schließlich ging es um sehr viel Geld. 

Für eine Arthroskopie berechnet ein Krankenhaus hierzulande etwa 2300 Euro. Bei 400 000 Eingriffen geht es also um eine knappe Milliarde Euro im Jahr. Freiwillig wollten weder Krankenhäuser noch Ärzte auf so viel Geld verzichten, und deswegen dauerte der Streit um die Kniegelenkarthroskopie weitere sieben Jahre, bis sie der zuständige Bundesausschuss bei Arthrose (wohlgemerkt: nicht bei Verletzungen) wegen Wirkungslosigkeit endlich aus dem Katalog der Kassenleistungen verbannte. 

Leider war das Problem damit nicht gelöst. Jetzt müsste ja statt der teuren, aber wirkungslosen Operationen eigentlich die Physiotherapie zu breitem Einsatz kommen. Kommt sie aber nicht. Für eine 20-minütige krankengymnastische Behandlung bezahlen die Krankenkassen etwa 18 Euro. Für die Kosten einer einzigen Arthroskopie könnte man also etwa 130 krankengymnastische Behandlungen durchführen. Da die Medizin in unserem Land aber medikamenten-, operations- und technikzentriert ist, führt die Krankengymnastik ein Schattendasein. Physiotherapeuten, Physiotherapeutinnen müssen nicht nur ihre gesamte Ausbildung selbst finanzieren, sondern danach werden sie auch noch hundsmiserabel bezahlt. Da geht irgendwann jede Leidenschaft für den helfenden Beruf flöten.

Bei einer Befragung gaben über 60 Prozent der Krankengymnast*innen an, ihren Beruf an den Nagel hängen zu wollen, zermürbt von dem minutengetakteten Arbeitsdruck und der überbordenden Bürokratie, und das bei einem Einkommen von nur wenig über 2000 Euro brutto. Außerdem ist die Verordnung der preiswerten, um nicht zu sagen billigen Krankengymnastik budgetiert und gedeckelt, wird daher nur in stark eingeschränkter Zahl verschrieben. So entstehen viel zu lange Wartezeiten dort, wo sofortiges therapeutisches Eingreifen nötig wäre. 

Es nutzt die beste OP nichts, wenn sich keine qualifizierte Physiotherapie anschließt. Als jüngst mehr als 500 Physiotherapeuten und Physiotherapeuten in Berlin demonstrierten und über 700 Beschwerdebriefe über die katastrophalen Zustände in den Physiotherapiepraxen an Gesundheitsminister Spahn übergeben wollten, ließ dieser sich verleugnen. Die Demonstranten drangen nur bis zum Pförtner des Ministeriums vor. Ob sich der Minister das gegenüber 500 demonstrierenden Ärzten und Ärztinnen in auch erlaubt hätte? 

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