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Rainer Brüderle Der Absturz des Rainer Brüderle

Bereits im Januar begann der Niedergang von Rainer Brüderle. Nachdem die FDP wider Erwarten in den niedersächsischen Landtag einzog, machte ihn der "Stern" zum Gegenstand eines folgenreichen Porträts mit dem Titel "Der Herrenwitz". Der Anfang vom Ende.

Heute ist Rainer Brüderle ein gebrochener Mann. Foto: dpa

Das Jahr 2013 fängt gut an für Rainer Brüderle. Und für die FDP. Mit fast zehn Prozent zieht sie am 20. Januar wider Erwarten in den Landtag von Hannover ein. Am Montag danach nominiert der Parteivorstand ihn als Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl.
Aber am Donnerstag erscheint das Magazin „Stern“ mit einem Porträt des nunmehr wichtigsten Liberalen der Republik. Überschrift: „Der Herrenwitz“. Seitdem ist alles anders. Am 22. September schafft es die FDP zum ersten Mal in ihrer Geschichte nicht in den Deutschen Bundestag. Und Rainer Brüderle ist ein gebrochener Mann.

„Für mich ist es nicht immer angenehm, 29 Jahre alt zu sein, eine Frau und Politikjournalistin“, beginnt der Artikel. „Das liegt an Männern wie Rainer Brüderle.“ Die Autorin Laura Himmelreich schildert, wie der FDP-Politiker beim Blick auf ihr Dekolleté bemerkt: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“, oder wie er beim Besuch eines Bauernhofs dem Euter einer Kuh „Körbchengröße 90 L“ bescheinigt. „Ich hör da gar nicht hin“, lässt Himmelreich die Hamburger FDP-Politikerin Katja Suding derlei Bemerkungen kommentieren. Ihr Vater stamme aus Brüderles Generation, berichtet die 37-jährige Suding. Daher sei sie abgehärtet.

Andere sind es nicht. Noch in der Nacht zum Freitag, um 1.26 Uhr, richtet die Netzaktivistin Anne Wizorek beim Kurznachrichtendienst „Twitter“ einen Hashtag ein. Unter dem Titel „Aufschrei“ diskutieren Frauen über den Sexismus, den sie im Alltag erfahren. Dieser Hashtag wird zu einem der erfolgreichsten in Deutschland.

Brüderle nahm Röslers Angebot an

Rainer Brüderle versteht die Welt nicht mehr. Was hat er Schlimmes getan? Er hat die Journalistin charmiert. Na und? Aus seiner Sicht gehört sich das bei einer so hübschen jungen Dame. Seine „Tanzkarte“ hat er ihr angetragen, einen Handkuss angedeutet. Ein Kavalier der alten Schule. Der zu alten, findet Laura Himmelreich: „Brüderle wurde 1945 geboren. Frauen lernte er kennen, als es noch Tanzkarten gab. Der FDP-Fraktionsvorsitzende ist ein Mann, der aussterbende Klischees liebt – egal, ob es um Frauen geht, den politischen Gegner oder die Inhalte der FDP.“ Genau deshalb liebt ihn die FDP.

Bei ihm ist „der Trittin“ noch ein Altkommunist in Straßenkämpferkluft. Brüderle grübelt nicht über „mitfühlenden Liberalismus“. Er knallt die „Brot und Butter“-Themen der FDP auf den Tisch: Wirtschaft, Bürgerrechte. Er verwandelt jeden Parteitag in eine grölende Karnevalsgesellschaft, wenn er die Politik seiner Partei Punkt für Punkt durchskandiert: „Wer hat’s gemacht? Wir haben’s gemacht!“ Klatschmarsch.

Seltsam, vor nicht allzu langer Zeit war der neue Star noch wegen dieser „Humba, Humba Täterä“-Rhetorik als „Brüllerle“ verspottet worden. Von den eigenen Leuten. Bevor Philipp Rösler auftrat. Aber dessen neuen, leisen Stil sind die Liberalen schnell leid. Sie wollen keine Experimente, sondern Sicherheit. Nur knapp hält Rösler sich im Amt, weil die FDP in seiner Heimat Niedersachsen ein Wahlergebnis schafft, besser noch als Christian Lindner in Nordrhein-Westfalen und Wolfgang Kubicki in Schleswig-Holstein.

Dennoch bietet Rösler Brüderle die Spitzenkandidatur und den Parteivorsitz an. Der nimmt die Kandidatur. Er wird das Gesicht der FDP im Wahlkampf sein! Was für eine Genugtuung, nachdem Rösler ihn aus dem Wirtschaftsministerium verdrängt hatte. Seinem Traumjob. Endlich rückt er in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Das regt auch eine bis dahin unbekannte Reporterin an, Notizen hervorzukramen, die seit einem Jahr in ihrem Block stehen.

Nach der Wahl prangert Brüderle den "Vernichtungswillen" an

Brüderle schweigt. Er versucht, Aufschrei und Empörung an sich abperlen zu lassen. Seine Partei schließt die Reihen um ihn. Aber sein Ruf ist erschüttert. Sein Grundvertrauen auch – in die Welt, zu den Journalisten, in sich selbst und seine Reflexe. Doch es kommt noch schlimmer. Am 15. Juni besucht der Kandidat mit seiner Frau daheim bei Mainz eine Aufführung des Volksstücks „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer. Nach dem anschließenden Restaurant-Besuch stürzt er schwer. Linker Arm und linker Oberschenkel sind gebrochen.

Der Politiker gibt sich alle Mühe, die Bedeutung des Unfalls herunterzuspielen. Ein ums andere Interview gibt er vom Krankenbett. Nach der Sommerpause stürzt er sich in den Wahlkampf. Unter Schmerzen. Mit Medikamenten. Sobald er sich unbeobachtet wähnt, geht er am Stock. Mental sowieso. Doppelt gehandicapt ist er im Wahlkampf, seinem Element, nur ein Schatten früherer Tage. Doch dann verlässt ihn auch noch sein politischer Instinkt.

Nachdem die FDP am 15. September den Einzug in den bayerischen Landtag verpasst hat, sagt Brüderle den verhängnisvollsten Satz seiner 40-jährigen politischen Karriere: „Wer Merkel haben will, wählt FDP.“ Diese Zuspitzung der üblichen liberalen Zweitstimmenkampagne fordert CDU und CSU heraus. Die eigene Partei aber demotiviert sie. An den Wählern geht sie vorbei.

Nach der Wahl, auf dem Parteitag in Berlin, der Christian Lindner als nächsten Hoffnungsträger der FDP feiert, räumt der Kandidat a.D. den Fehler eher trotzig ein. „Ich stehe dazu.“ Wichtiger ist ihm, den „Vernichtungswillen“ anzuprangern, den er im Wahlkampf erlebt habe – „gegen uns und gegen mich persönlich“. Er habe sich „bei der Basis in meinem Kreisverband Mainz zurückgemeldet“, schließt der 68-Jährige seine Rede – die letzten Worte des Politikers Rainer Brüderle.

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