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Zehn Jahre Babyklappe Spätes Mutterglück

Sarah verbirgt ihre Schwangerschaft. Nach der Geburt legt sie ihren Sohn in eine Babyklappe, er passt nicht in ihr Leben. Aber dann holt sie ihn zurück. Sebastian Gehrmann hat die junge Mutter getroffen.

08.04.2010 00:04
Foto: Isadora Tast

Als sie keinen anderen Ausweg mehr sieht, geht sie die Stufen einer kleinen Treppe hinunter, in ihren Armen hält Sarah Soltau ihren Sohn Darren. Am Ende der Treppe ist eine Tür. Es ist früher Nachmittag, ihr Gesicht spiegelt sich im Glas der Tür. Sie sieht sich an und ist sich sicher. In der Mitte der Tür befindet sich eine Klappe, Sarah zieht an dem Griff, die Klappe öffnet sich.

Sie legt ihren schlafenden Sohn hinein, seine kleine Hand drückt sie in ein Stempelkissen, das neben ihm liegt, und danach auf ein Blatt Papier. Sie nimmt das Blatt, auf dem eine Telefonnummer steht, darunter Darrens Handabdruck, dann schließt sie die Klappe. Sie braucht jetzt Zeit. Sarah nimmt ihr Telefon und wählt die Nummer. Am anderen Ende meldet sich eine Frauenstimme, Sarah spricht kurz mit ihr, dann legt sie auf und geht.

Es dauert keine zehn Minuten, dann kommt die Frau, mit der Sarah telefoniert hat, und holt Darren aus der Klappe.

Rückblick. Das Kind in ihrem Bauch ist so groß wie Sarahs Hand. Seine Organe sind vollständig ausgebildet, es kann mit den Augen blinzeln, die Stirn runzeln, es hört Geräusche, als Sarah "realisiert, dass sich in meinem Körper etwas verändert". Ihre Periode bleibt aus. Sie glaubt, es liege am Stress, aber es ist nicht der Stress. Sarah ist schwanger, seit vier Monaten schon, vielleicht seit fünf. Sie hat die Pille genommen, doch auf die Pille war so wenig Verlass wie auf Darrens Vater. Sarah ist nicht mehr mit ihm zusammen. Sie ist allein. Sie sollte mit ihrer Mutter reden, aber sie kann es nicht. "Ich wollte sie nicht enttäuschen", sagt Sarah. "Ich habe mich so geschämt."

Sarah ist 18 Jahre alt, macht eine Ausbildung in einer Hamburger Bank und nun ist sie schwanger. Sie hat eine genaue Vorstellung davon, wie ihr Leben einmal verlaufen soll: "Schule, Ausbildung, Beruf, Familie". Sie nennt das ihr "Idealbild", aber ein Kind in der Ausbildung ist alles andere als ideal. Sie verdrängt die Schwangerschaft. An keinem einzigen Tag wird sie ihren Bauch streicheln, in Gedanken mit dem Baby reden. Ihr Bauch wird kaum wachsen, nicht wie bei Schwangeren, die ihn mit Stolz vor sich her tragen. Es ist ein medizinisches Rätsel, dessen Lösung tief in Sarahs Psyche liegt.

Niemand darf etwas merken. Nicht einmal sie selbst. Hat sie Bauchschmerzen, ist es eine Magenverstimmung, wächst der Bauch, hat sie zu viel gegessen. Für fast alles gibt es eine Ausrede. Was sie nicht erklären kann, verbirgt sie unter weiten Pullovern. Das Versteckspiel funktioniert "erstaunlich gut".

Sie verstrickt sich in immer abenteuerlichere Geschichten, in immer mehr Lügen. "Es war wie in einem Theaterstück", sagt Sarah. Sie führt glänzend Regie. "Doch was habe ich mein Leben verflucht." Es gibt in dieser Zeit nur einen einzigen Menschen, den sie nicht täuschen kann. Es ist ihr Chef. Sie gesteht ihm die Schwangerschaft, er setzt einen Auflösungsvertrag auf, es wäre das Beste, sagt er. Sarah ist naiv genug, zu unterschreiben. Während andere Frauen in den gleichen Umständen in Mutterschutz gehen, muss Sarah in den letzten Wochen vor Darrens Geburt nicht nur so tun, als wäre sie nicht schwanger, sondern auch, als hätte sie Arbeit.

Es sind nur noch wenige Tage. Sarah spürt das, gerät in Panik und tippt das Wort "Babyklappe" in eine Internetsuchmaschine. In der Trefferliste taucht der eingetragene Verein Sternipark und sein bundesweites Projekt Findelbaby auf. Sarah schreibt eine E-Mail, "ich wusste, mein Zeitfenster schließt sich". Die Antwort kommt prompt: "Mach Dir keine Sorgen. Wir werden uns um Dich kümmern." Am Ende steht eine Adresse.

Ihrer Mutter sagt Sarah, sie mache mit einer Freundin ein paar Tage Urlaub. Dann fährt die junge Frau allein nach Satrup, in die Nähe von Flensburg. Sternipark betreibt dort in einem alten Gutshof eine Mutter-Kind-Einrichtung und Findelbaby betreut darin Frauen wie Sarah. Sie können nach Satrup kommen, ein Zimmer beziehen, die Geburt vorbereiten, ihr Kind kriegen. Innerhalb von acht Wochen nach der Geburt muss sich die Mutter entscheiden - für oder gegen das Kind. In dieser Zeit lebt es meist in einer Pflegefamilie. Ist die Frist abgelaufen, wird es zur Adoption freigegeben.

Die Fruchtblase platzt zuhause

"Wenn sich eine Hochschwangere in den Zug setzt und zu wildfremden Menschen aufs Land fährt, erkennt man, wie groß ihre Not ist", sagt Leila Moysich, 30, die das Projekt Findelbaby leitet. Vor elf Jahren ist das Projekt gegründet worden. Fünf Kinder waren zuvor in Hamburg ausgesetzt worden. Drei starben, eines davon wird auf dem Förderband einer Recyclinganlage entdeckt. "Wir wollten Leben retten", sagt Moysich, "wenigstens ein einziges."

Am 20. Dezember 1999 richtet Findelbaby eine Notrufnummer für Schwangere ein. Im Januar meldet sich die erste Mutter und übergibt die kleine Anna auf einem Parkplatz im Hamburger Süden, von Autotür zu Autotür, wie in einem Krimi. Am 8. April 2000 wird die erste deutsche Babyklappe eingeweiht, sechs Wochen später liegt darin Ronja. Seitdem haben über 400 Frauen mit Hilfe von Findelbaby und nicht selten anonym ihr Kind zur Welt gebracht. 38 Babys lagen allein in den zwei Hamburger Babyklappen.

Sternipark ist ein anerkannter freier Träger der Jugendhilfe, 20 Jahre Erfahrung, zwölf Kindertagesstätten allein in Hamburg. Seit es die Babyklappen gibt, führen Befürworter und Gegner eine leidenschaftliche Diskussion. "Wir haben nie gesagt, wir verhindern alle Aussetzungen und Kindstötungen", sagt Leila Moysich. "Das wäre utopisch." Aber seit zehn Jahren wurde kein Kind mehr in Hamburg ausgesetzt.

Doch spätestens seit sich der Deutsche Ethikrat 2009 für die Schließung von Babyklappen aussprach, schwindet die öffentliche Unterstützung. Spendengelder werden weniger, der Verein Sternipark muss seinem Projekt Findelbaby Jahr für Jahr aus den roten Zahlen helfen. "Wir haben kein Problem damit, dieses Modellprojekt für eine wissenschaftliche Analyse zu öffnen", sagt Leila Moysich, man hört, dass sie solche Sätze öfter sagt. Sie hat gelernt, sich zu verteidigen.

Weit über 100 Schwangerschaften hat Leila Moysich begleitet, auch Sarah als die zum allerersten Mal zum Frauenarzt geht. Da ist sie in der 42. Woche schwanger. Das Erste, was Sarah auf dem Ultraschallbild sieht, ist Darrens Gesicht. "In diesem Moment sind all diese Gefühle über mich hereingebrochen." Sarah weint. Nach wenigen Tagen, heimlich, mitten in der Nacht, verlässt sie Satrup. Sie glaubt jetzt, ihren Weg allein gehen können. Sie will Darren bekommen, ihn weggeben und alles vergessen. Das ist der Plan

In Satrup sucht man sie, macht sich Sorgen um die junge Frau, die jederzeit ihr Kind bekommen kann und die womöglich in Panik davonlief. Am nächsten Morgen steht die Polizei vor der Tür der Soltaus, die Beamten wollen sich vergewissern, dass Sarah nichts zugestoßen ist. Die Mutter steht unter der Dusche. Sarah öffnet die Tür, spricht kurz mit den Männern und schickt sie weg. Es gab viele solcher Momente, sagt sie, "in denen beinahe alles aufgeflogen wäre".

An einem Abend setzen dann die Wehen ein. Sarah kommt gerade aus dem Bad, ihre Mutter und der Stiefvater sitzen im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Sie schleppt sich über den Flur, schließt die Tür zu ihrem Zimmer, die Fruchtblase platzt, der ganze Boden, alles ist nass. Sie packt ihre Tasche, krümmt sich vor Schmerz, übergibt sich. Erst als die Eltern ins Bett gegangen sind, ruft sie den Krankenwagen. "Bitte klingeln Sie nicht. Ich warte unten auf der Straße." Es ist kurz nach Mitternacht, als sie die Wohnung verlässt. Vier Stunden später ist Darren da.

Noch während der Geburt sagt Sarah der Hebamme, sie werde ihr Kind zur Adoption freigeben. Dann liegt das Baby auf ihrer Brust "und es macht leise Klick." Sarah wird gefragt, ob sie jemanden anrufen will, sie will nicht. Sie wird auf ein Zimmer gebracht, sie teilt es mit einer anderen Frau, "die hat einen Mann, das zweite Kind, die perfekte Familie. Und ich? Ich habe nur Probleme". Sarah bleibt drei Tage im Krankenhaus. Ihre Mutter wird zur gleichen Zeit in einer anderen Klinik stationär behandelt, der Stiefvater arbeitet. Dass Sarah fehlt, fällt nicht auf. Die Hebammen verabschieden sie mit einem unguten Gefühl, denn sie wissen, die junge Frau will ihr Kind nicht behalten.

Sarah will zur Babyklappe. Sie weiß von der Acht-Wochen-Frist. Die Frauen in Satrup haben es ihr erzählt. Das ist die Zeit, die Sarah für ihre Entscheidung braucht. Auf dem Weg zur Babyklappe bekommt Darren Hunger. Sie stillt ihn, er verschluckt sich, läuft blau an, sie bekommt Angst, ruft den Notarzt. Die nächsten zehn Tage wird sie mit Darren in einer Kinderklinik verbringen. Der Mutter erzählt sie, sie übernachte bei einer Freundin.

Dann ist es so weit. Sarah nimmt den Bus, die Bahn, den Rest läuft sie zu Fuß, fast eine Stunde ist sie unterwegs. Sie steigt die kleine Treppe hinab, öffnet die Klappe, legt Darren hinein, wählt die Notrufnummer von Findelbaby. "Das war der einzige Ausweg."

Wenige Tage später wird Sarah Darren besuchen, so ist es verabredet. "Ich wollte nicht, dass er mich vergisst, ich wollte ihn doch wieder." Sie schläft viel in dieser Zeit, ruht sich aus, tankt Kraft. Sie will mit ihrer Mutter sprechen, aber sie tut es nicht. Ihr fehlt der Mut. Eines Mittags kommt Sarah nach Hause, ihre Mutter steht im Flur, sie zittert, in ihren Händen hält sie einen Brief. Das Krankenhaus gratuliert Sarah zu ihrem Sohn.

"Was hast du mit dem Kind gemacht?" Für einen Moment ist es still.

Im Nachhinein, sagt Sarah, "bin ich froh, dass mir jemand diesen Schritt abgenommen hat". Sie nimmt ihre Mutter in den Arm, sie setzen sich auf das Sofa, sie tun das, was sie vor Monaten hätten tun sollen. Sie reden. Die eine versucht, vieles zu erklären, die andere, vieles zu verstehen. Mutter und Tochter telefonieren, informieren die Familie, Verwandte. Am Wochenende fahren die beiden Frauen zu Darren nach Satrup. Die Entscheidung ist gefallen. Sie holen ihn zurück.

Das Theater ist vorbei, aber Applaus gibt es keinen. In den nächsten Tagen und Wochen wird Sarah erfahren, was es bedeutet, Menschen, die ihre Freunde sind, belogen und betrogen zu haben. "Das ist wie fremdgehen." Kein schönes Gefühl. Die häufigsten Sätze, die sie hört, klingen wie ein großer Vorwurf: "Was für eine schlechte Mutter muss man sein, wenn man sein Kind in eine Babyklappe legt." Und "was bist du für eine Freundin?" Vertrauen wurde zerstört. "Man lernt, was echte Freunde sind. Von 20 bleiben am Ende vielleicht noch zwei."

Sarah sagt, sie habe sich verändert, reifer sei sie geworden, in dieser kurzen Zeit. Sie lebt jetzt mit Darren in einer Mutter-Kind-Einrichtung, sie macht eine Ausbildung bei Sternipark. Sie sieht ihren Sohn an und will ihm, "nachdem die Schwangerschaft viel schlechter nicht hätte laufen können, eine bessere Mutter sein. Ich will das unbedingt gut machen". Man kann sie auch so verstehen: "Ich will das unbedingt wieder gut machen." Sarah sagt, sie sei vielleicht besonders ruhig, geduldig, aufmerksam mit ihm. Sie wisse ja, was er durchgemacht hat.

Manchmal, wenn sie mit Darren unterwegs ist, in der Bahn oder in einem Kaufhaus, glaubt sie, sie könne die Gedanken der Menschen hören. Dann steht sie da und "erfüllt alle, aber wirklich alle Klischees", die bunt gefärbten Haare, die vielen Piercings, die zerschlissenen Jeans, der Sohn, dessen Vater Halbafrikaner ist. Und dann spürt sie, wie die Leute sie mustern und glaubt zu hören, was sie murmeln: "Hat dieses junge Ding nichts Besseres zu tun, als Kinder in die Welt zu setzen. Also so was."

Manchmal ist Sarah einsam. In ihrem Bekanntenkreis gibt es kaum Frauen, die ein Kind haben. Darren braucht Nähe. Wenn er nicht schlafen kann, bleibt sie an seinem Bett sitzen, wenn er krank ist, pflegt sie ihn. Sie bleibt abends daheim, während ihre Freundinnen ausgehen. Sie ist jetzt 21 Jahre alt, sie würde sich gerne wieder verlieben, "aber es ist schwer, einen Freund zu finden". Zu Darrens Vater gibt es nur unregelmäßigen Kontakt. Erst ein genetischer Test hat ihn überhaupt dazu gebracht, sich für den Jungen zu interessieren. Doch das Interesse ist schnell verflogen. Darren, findet Sarah, sieht aus wie er.

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