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FR-Gespräch "Ich glaube an die Ideale dieser Schule"

Die Journalistin Regina Bappert, der Kunstsammler Adrian Koerfer und der Verleger Joachim Unseld über ihre Erfahrungen an der Odenwaldschule, über Lügen und über die Zukunft der Bildungseinrichtung.

24.03.2010 00:03
Adrian Koerfer, Regina Bappert, Joachim Unseld Foto: Alex Kraus

Frau Bappert, Herr Koerfer, Herr Unseld, Ihnen allen war wichtig, dass dieses Gespräch über die Odenwaldschule unter Beteiligung mehrerer Personen stattfindet. Warum?

Adrian Koerfer: Ich würde nie denken, dass eine Stimme das Ganze wiedergeben kann. Es braucht dazu mehrere.

Joachim Unseld: Darum geht es uns, ein möglichst vollständiges Bild dieser unserer Schule zu zeichnen.

Beginnen wir mit dem, was Sie selbst und wie Sie die Schule erlebt haben.

Koerfer: Ohne mich hier als Held stilisieren zu wollen, kann ich behaupten, dass ich im Zentrum des Taifuns war. Dort wo es, im Bett nämlich, ganz still war. Ich war sowohl beim Schulleiter Gerold Becker, beim verstorbenen Musiklehrer Wolfgang Held und bei V., einem im übrigen hochinteressanten Kunstlehrer, der vor kurzem gestorben ist und ebenfalls was von mir wollte, in den Häusern. Ich war dann auch der 17-Jährige, der mit der Englischlehrerin geschlafen hat. Ich sah damals auch nicht ganz schlecht aus und war einfach mittendrin. Ich glaube, dass ich alles mitgemacht habe, was auf dieser Schule gut und schlecht war.

Regina Bappert: Er war schon so ein kleiner Star an der Schule. Auf der Beliebtheitsskala bei Schülern stand Adrian ganz weit oben.

Herr Koerfer, Sie sagen, Sie haben alles mitgemacht, das hört sich positiv an, gleichzeitig sagen Sie, dass Sie Opfer waren.

Koerfer: Ich will es auch so stehen lassen. Es ist mir passiert, ich habe es aber auch mitgemacht. Irgendwann habe ich damit aufgehört, das war bei Becker. Bei Held hatte ich noch das Gefühl, dass das sozusagen zu meiner Sozialisation dazugehört. Sexualaufklärung kannte ich nicht.

Wie alt waren Sie damals?

Koerfer: Ich war 13 Jahre alt, es ging gleich los, als ich hinkam.

Was genau haben Sie damals erlebt?

Koerfer: Ich kam zu Held in die Familie, dessen Spitzname "Frosch" übrigens von mir stammt. Jeden Mittag hat er sich einen geholt, der mit ihm Mittagsschlaf machen musste. Das bedeutet, wir mussten ihn befriedigen. Jeder in der Familie bekam das mit, das war ein relativ geschlossenes System, aus dem herauszukommen nicht einfach war. Und über das man nicht sprechen konnte, jedenfalls hat es niemand getan.

Auch nicht innerhalb des Systems?

Koerfer: Nein, auch nicht.

Was bedeutet für Sie System?

Koerfer: Diese Lehrer haben sich die Schule zu ihrem mafiotischen Biotop gemacht.

Lassen wir das mal so stehen. Wie war es bei Ihnen, Frau Bappert?

Bappert: Ich gehörte sicher nicht zu diesem Inner Circle. Ich war auch jünger. Ich habe mir das Ganze eher von außen angesehen. Ich war auch in anderen Familien bzw. Häusern. Es gab 1974/76 einen Versuch, Gerold Becker die Schulleitung zu entziehen, nicht wegen sexuellen Missbrauchs, das wussten die damals wirklich nicht so genau, sondern wegen pädagogischer Unfähigkeit. Zu diesen Lehrern gehörte Jutta Fensch, bei der ich in der Familie war. Wir waren also die Opponenten. Bernhard Bueb nimmt für sich übrigens in Anspruch, 1972 bis 1974, als er die Schule verließ, der Leiter des Aufstands gewesen zu sein. Die Familie, in der ich war, galt als streng. Wir waren die "Spießer". Bei uns galt die Schulordnung, es wurde kontrolliert, dass wir um zehn im Zimmer waren, und zwar nur die, die dort wohnten. Ich hatte einmal zugesagt, die Familie zu tauschen, habe dann aber Blut und Wasser geschwitzt, weil ich merkte, dass ich nicht tauschen wollte.

Sie hätten also die Familie wechseln können?

Bappert: Jederzeit. Erstmal wurde man zugeteilt. Aber am letzten Tag vor den Sommerferien war der große Umzug, vorher hatte man sich überlegt, wo man hin will.

Man konnte seiner Familie, egal weswegen, entkommen.

Bappert: Ja, eindeutig.

Sie haben also Ihre Familie verlassen können, Herr Koerfer?

Koerfer: Ich wusste irgendwann, dass ich da raus muss. Und ich wollte nicht zufällig zu dem Lehrer K., von dem ich wusste, dass er nicht auf Jungs steht. 1970 habe ich gewechselt.

Wodurch entstand dieser Entschluss?

Koerfer: Held hat nicht nur selbst missbraucht, sondern uns einem befreundeten Unternehmer regelrecht zugeführt. Wir machten Exkursionen in den Odenwald, wo wir abends zu einer Hütte kamen. Da hat dieser Freund schon gewartet. Dann hat man dort etwas getrunken und irgendwann lag jemand neben dem Unternehmer. Das war für mich der entscheidende Punkt. Ich habe aber niemandem gesagt, so geht es nicht, ich habe das nur für mich beschlossen.

Bappert: Ihr habt untereinander nicht darüber geredet?

Koerfer: Nein, überhaupt nicht. Ich habe meinen Bruder, der ebenfalls in der Odenwaldschule war, vor einem halben Jahr gefragt, ob dieser Musiklehrer ihm etwas angetan hat. Er hat nein gesagt. Erst heute fängt er an zu reden. Es dauert manchmal sehr lange, bis man sich artikulieren kann.

Warum sind Sie nicht zu Ihren Eltern gegangen?

Koerfer: Mit meinen Eltern habe ich nie darüber gesprochen. Wir sind von Held auch nach Griechenland auf diese berüchtigten Fahrten mitgenommen worden, wo abends Musik von Beethoven, Bach und Mozart vor grandiosen Meeres-Panoramen abgespielt wurden. Unsere Eltern waren - sehenden Auges, wie ich meine - damit einverstanden, dass wir in diese Sommerferien fuhren. Sie waren froh, wenn wir weg waren.

Bappert: Mir war damals nicht klar, dass es Fahrten mit Schülern außerhalb der Klassenfahrten gab. Das war nicht offiziell, das war privat organisiert.

Koerfer: K. hat das auch gemacht. Er ist mit Schülern auf die Burg Waldeck und nach Jugoslawien gefahren. Bei Held und Becker waren es nur Jungen, bei K. waren auch Mädchen dabei.

Herr Unseld, wie waren Ihre Erfahrungen?

Unseld: Für mich war der Eintritt ebenfalls ein einschneidendes Erlebnis. Ich habe mich an der Staatsschule, an der ich war, mit dem Erdkundelehrer und dem Griechischlehrer angelegt, die noch der Prügelstrafe anhingen, und das meinen Eltern erzählt. Ich kam in einer Blitzaktion auf die Odenwaldschule, eine Schule mit hervorragendem Ruf, passend zur liberalen Strömung der Zeit. Und ich muss sagen, dass mich diese Schule gerettet hat. Ich hätte mich sonst vollständig verweigert. Ich wurde an der OSO von einem dahinvegetierenden Schüler, der mitgeschleift wurde, zu einem sehr interessierten Schüler. Ich habe dort gelernt, zu lernen. Wir haben zum Beispiel Tertialsarbeiten geschrieben, die im Vergleich zu dem, was später an der Uni lief, in den ersten Semestern verlangt wurde, höheren Anspruch hatten. Die Schule hat mir auch ermöglicht, mich in allen Facetten meiner Persönlichkeit zu entdecken. Und ich habe nichts, wirklich gar nichts von dem, worüber wir jetzt reden, mitbekommen. Ich war engagiert in dem von uns so genannten "Vergnügungsausschuss", das hieß aber nur, dass wir Filme vorgeführt und das Blockhaus organisiert und ausgebaut haben, eine bescheidene Mini-Disco.

In welcher Familie waren Sie?

Unseld: Ja, das ist die Frage, warum habe ich das alles nicht mitbekommen? Ich bin dermaßen erschüttert über das, was ich nun seit Wochen höre. Unter den beschuldigten Lehrern sind Lehrer, die ich sehr gut kannte. Ich war in der Familie von K., ein Jahr vor Adrian. Und ich habe gesehen, was dort passierte, auch bei den Fahrten auf die Burg Waldeck. Nichts Anstößiges wohlgemerkt. Das ist übrigens auch die Familie, in der Amelie Fried war. Aber, mein Gott, Strip-Poker oder nicht, das ist für mich nicht die Frage. Wir haben Flaschendrehen und den ganzen Spaß gemacht, wir haben Gitarre gespielt und saßen am Lagerfeuer. Da schlief man zu zwanzigst in einem verrauchten Raum. Ohne Anfassen.

Bappert: Ich glaube, die entscheidende Frage dabei ist, ob der Lehrer dabei war. Was Schüler unter sich machen in dem Alter, darüber braucht niemand zu reden.

Unseld: Es gibt acht Lehrer, die beschuldigt werden. Was mich stört, ist die allgemeine Verurteilung, die jetzt stattfindet. Die Tendenz, alles in einen Topf zu werfen. Zu sagen, das war ein System von acht Lehrern, die damit beschäftigt waren, kleine Jungen sexuell zu missbrauchen. Erwiesen ist, dass Herr Becker ein Pädosexueller ist. Ich benutze den Begriff mit Bedacht, er ist offensichtlich ein Triebtäter, der seine Triebe aus einem Machtgefälle heraus mit unter 14- oder 16-Jährigen auslebt. Es gehört übrigens auch zum Täterbild und passt hier sehr gut, dass der Pädosexuelle das mit kulturellen Anleihen etwa im antiken Griechenland zu kaschieren sucht. Deshalb meine Bitte zu differenzieren. Warum aber sind jetzt auch andere Lehrer beschuldigt?

Koerfer: Das kann ich Dir sagen.

Unseld: Es fand wohl ein Übergriff auf Schülerinnen statt, die über 18 Jahre waren, eine Beziehung, die nach dem Abitur zu einer Ehe führte!

Bappert: Deswegen stehen diese beiden Lehrer, von denen wir hier reden, nicht auf der Liste der Beschuldigten. Es gibt weitere Hinweise gegen sie, es gibt Beschuldigungen von Betroffenen.

Koerfer: Wir hatten etwa 40 Lehrer und können davon ausgehen, dass acht bis zehn am Missbrauch beteiligt waren.

Bappert: Wenn es ein System gab, dann bestand das darin, dass Held und Becker voneinander wussten, was sie taten. Gerold Becker hat sich nach seinem Amtsantritt als Schulleiter sehr darum bemüht, geltende Regeln außer Kraft zu setzen und dafür eine Art Pädagogik einzuführen, in der alles gut war, was er sagte. Das funktionierte, weil es vielen Lehrern das Leben einfacher machte.

Herr Unseld, Sie bestreiten, dass es ein System geben hat.

Unseld: Ich sage nur, dass ich erst vor einigen Wochen begonnen habe, das Ausmaß zu begreifen.

Koerfer: Das ist sehr wichtig, denn er repräsentiert damit die Mehrheit der Schüler. Das darf man nicht vergessen. Ich glaube, so wie etwa ein Viertel der Lehrer sich strafbar gemacht hat, so wussten etwa drei Viertel der Schüler gar nichts davon. Zum Glück.

Trotzdem unterstellen Sie ein System, und Sie, Herr Unseld, einzelne Verbrecher...

Unseld: ... mutmaßliche Verbrecher.

Koerfer: Da widerspreche ich ganz entschieden, Joachim, auch wenn die Taten verjährt sind, bleiben das Verbrecher.

Unseld: Ich muss ja von meinem Wissensstand ausgehen.

Koerfer: Nein, du kannst von meinem Wissensstand ausgehen, ich habe das erlebt.

Bappert: Das war auch die Haltung, die 1999 vorherrschte, Joachim. Der Vorstand hat sich damals gefragt, ist das zu belegen, ist das strafrechtlich relevant? Es war nicht zu beweisen. Denn Zeugen und Beweise kann es bei solchen Verbrechen nicht geben, die finden zwischen zwei Personen statt. Es geht immer darum, ist derjenige oder diejenige glaubwürdig. Da musst du dich irgendwann entscheiden.

Unseld: Wir reden über riesige Zeiträume. Ich wusste 40 Jahre nichts, nun weiß ich zwei Monate über diese Vorfälle. Die Betroffenheit, vor der ich jetzt stehe, muss ich mit dem in Einklang bringen, was die Schule 40 Jahre für mich war.

Koerfer: Wir alle wollen nicht, dass die Schule zerbricht. Wir wollen aufklären, das verbindet uns alle drei hier mit sehr vielen anderen, damit die Schule weiter existieren kann. Die Schule war für fast alle Odenwaldschüler eine sehr große Hilfe. Das sage ich trotz der schlimmen Erfahrungen. Es gab nichts Besseres für mich, trotz des Missbrauchs, unter dem ich bis heute leide, weil ich seitdem keine körperliche Nähe mehr zulassen kann.

Wir möchten noch mal die Frage nach den Eltern stellen. Warum waren sie keine wirkungsvolle externe Kontrolle?

Bappert: Die Eltern sind die letzten, denen man das erzählt. Entweder man hat ein schlechtes Verhältnis zu ihnen wie Adrian. Oder man hat ein gutes Verhältnis und möchte sie nicht verletzen. Das kommt nicht über Eltern raus, sondern über Freunde. Es muss deshalb eine Stelle außerhalb der Schule geben, wo die Schüler sagen können: Das ist passiert. Wenn ich jetzt höre, dass sich die Landerziehungsheime darauf geeinigt haben, dass jeder Fall zur Anzeige kommt, dann wird sich kein Kind mehr melden. Wenn die Schüler wissen, dass die Schule sofort juristisch vorgeht, werden sie nichts mehr erzählen, weil sie Angst davor haben. Es ist deshalb wichtig, dass die Stellen Erfahrung mit Missbrauch haben, es müssen Fachleute sein, die sich nicht nur für Fachleute halten, weil sie Reformpädagogen sind. Man muss jeden Schritt in Absprache mit den Jugendlichen unternehmen. Die Opfer müssen stets dazu bereit sein. Das ist verdammt schwer auszuhalten, aber alle Fachleute sagen, dass es so sein muss.

Unseld: Bezeichnend finde ich, dass das alles gerade jetzt rauskommt. Es gibt mehrere Erklärungen dafür, aber die Sprachlosigkeit, die bei den Betroffenen herrscht und die auch Bodo Kirchhoff im Spiegel erwähnt hat, erscheint mir entscheidend. Die resultiert aus dem Machtgefälle. Der Erwachsene weiß, was er tut, das Kind nicht. Wenn der Erwachsene da eingreift, führt das zu Zerstörung und Sprachlosigkeit.

Ihre Tochter macht gerade Abitur an der Odenwaldschule, Herr Koerfer. Warum haben Sie Ihre Tochter wieder an diese Schule geschickt?

Koerfer: Als ich Andreas von Weizsäcker davon erzählte, der mein bester Freund war, bevor er gestorben ist, hat er mich gefragt, ob ich wahnsinnig geworden sei. Ich habe gesagt, nein, ich glaube nach wie vor an die Schule. Ich glaube an die Selbstreinigung und ihre Ideale. Ich habe meiner Tochter vom Missbrauch erzählt und ihr meine Freunde von damals vorgestellt. Sie wollte danach hin. Ich habe sie nicht verschickt.

Das heißt, Sie gehen davon aus, dass es an der OSO keinen Missbrauch mehr gibt?

Bappert: Die Gefahr an dieser Schule ist heute genauso groß wie an jedem anderen Internat. Wenn die Schule endlich anfängt, das aufzuarbeiten und sich externe Hilfe zu holen, dann ist sie in zwei, drei Jahren eine der sichersten Schulen.

Das setzt aber vollkommene Aufarbeitung voraus. Nun haben Sie, Frau Bappert, 1998/99 miterlebt, wie diese Aufarbeitung nicht stattfand. Was ist damals passiert?

Bappert: Ich wurde über den Artikel in der Frankfurter Rundschau darauf aufmerksam. Damals sollte Salman Ansari, der Lehrer, über den es rausgekommen war, von der Schule geworfen werden. Die Veröffentlichung wurde als der eigentliche Skandal angesehen. Allen Lehrern war ein Maulkorb verordnet worden. Alle rechneten damit, dass die anderen Zeitungen nachziehen, aber es passierte nichts. Damals habe ich einen langen Brief an die Schule geschrieben, wo ich darauf hingewiesen habe, dass die Schule einen schweren Fehler begeht, den Überbringer der Botschaft zu bestrafen. Ich habe auch einen ganzen Karton mit Informationsmaterial zum Missbrauch an die OSO geschickt. Dabei habe ich es belassen und gedacht, die brauchen ihre Zeit. 2002 kam Ansari, der dann nicht gekündigt worden war, auf mich zu und sagte: Gerold Becker taucht wieder auf. Wir haben versucht, das publik zu machen, aber niemand wollte die Geschichte haben. Außerdem war in den vergangenen Jahren nicht viel passiert. Ich war völlig frustriert und dachte, ich will mit der Schule nichts mehr zu tun haben.

Unseld: Was wäre gewesen, wenn etwa der Altschülerverein deinen Brief an alle Altschüler weitergeleitet hätte?

Koerfer: Das kannst du vergessen. Wer war Vorsitzender des Altschülervereins? Florian Lindemann, der böse Leserbriefe an die FR geschrieben, geleugnet und eine Schmutzkampagne gewittert hat. Und weißt du, was der heute macht? Er ist Geschäftsführer beim Frankfurter Kinderschutzbund.

Hätte Herr Lindemann denn wissen können, was verschwiegen wurde?

Koerfer: Natürlich. Er war Schüler in der Becker-Familie gewesen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand länger in der Becker-Familie lebte und nicht wusste, was los war. Deine bewundernswerten Aufklärungsbestrebungen konnten schon deshalb nicht funktionieren, Regina, weil das alles von einer linksintellektuellen Glocke überdeckt war. Dass die FR es geschafft hat, einen Artikel über die Odenwaldschule zu schreiben, die der Leitstern einer linken Erziehung war, ist erstaunlich. Normalerweise müsste die FAZ darüber geschrieben haben.

Bappert: Du meinst wenn es im "rechten" Salem passiert wäre, wäre es an die Öffentlichkeit gekommen? Nein, so ist das nicht. Missbrauch wurde in den 80er und 90er Jahren zu einem Thema und Ende der 90er gab es dazu eine Gegenbewegung. Im Rowohlt-Verlag erschien das Handbuch "Sexueller Missbrauch", in dem tatsächlich Sätze standen wie der, dass der Junge vom Pädophilen profitieren könne. Man wollte wieder glauben, dass es nur Einzelfälle waren. Damals bestand eine Stimmung der Antiaufklärung.

Sind die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche die Ursache, dass der Missbrauch an der Odenwaldschule ans Licht gekommen ist?

Unseld: Ich glaube, dass einige der Altschüler, die da jetzt sehr aktiv sind, das Thema vor dem 100. Geburtstag der Schule geklärt sehen wollen. Ich bin auch dieser Ansicht.

Bappert: Dass es jetzt zum Thema geworden ist, ist einer sehr engagierten Gruppe von jüngeren Altschülern zu verdanken. Die haben das 1998/99 losgetreten und sie haben nie aufgehört, auf Aufarbeitung zu drängen. Deren Verdienst ist es, an die Öffentlichkeit gegangen zu sein, weil ohne Öffentlichkeit die Odenwaldschule nicht in der Lage gewesen wäre, das aufzubrechen.

Herr Koerfer, noch mal zum System. Warum sprechen Sie von einem System des Missbrauchs?

Koerfer: Ich finde wichtig, dass man erkennt, dass es nicht individuelle Fehlleistungen von einzelnen Lehrern waren, sondern dass man an unserer Modellschule vieles ausprobieren konnte, auch dass Knaben ein interessantes Feld zum Experimentieren sind. Ich nenne es das System Hentig nach Hartmut von Hentig, dem Lebensgefährten Beckers, dem deutschen Modellpädagogen und Gründer der Bielefelder Reformschule. Ob dieses System der Experimentierfreudigkeit auch mit sexueller Befriedigung zu tun hat, ist eine andere Frage. Aber diese Ideologie wurde ausgebreitet in allen Landerziehungsheimen.

Unseld: Naja, die Reformpädagogik kam ja nicht allein aus Bielefeld.

Was veranlasst Sie zu dieser Meinung?

Koerfer: Meine eigene Erfahrung.

Bappert: Ich glaube, dass das viel simpler ist. Wenn ich das Bedürfnis habe, sexuelle Kontakte mit Kindern und Jugendlichen zu haben, suche ich mir einen Arbeitsplatz, wo viele Kinder und Jugendliche sind. Wenn ich ein wacher Geist bin, wie Becker, suche ich mir eine gute Schule. Die Täter suchen ihre Arbeitsplätze. Dann können Seilschaften dazu kommen. Aber es bringt nichts, dem einen intellektuellen Überbau anzudichten.

Der Unterschied zwischen Becker und Hentig ist doch, dass Becker selbst Täter war, während das bei Hentig nicht so ist.

Koerfer: Ich halte die Hentigheilighaltung, so nenne ich das, für ganz, ganz problematisch. Ich halte es erstens für völlig ausgeschlossen, dass er vierzig Jahre von nichts etwas gewusst hat. Zweitens sagt er, dass sein Freund Gerold von Schülern verführt worden ist. Das ist ekelhaft. Ich weiß es und ich beschwöre es vor Gericht: Ein Freund von mir hat bei ihm und Becker übernachtet. Was sie dort gemacht haben, weiß ich natürlich nicht - vielleicht haben sie nur geredet?

Unseld: Das Perverse ist doch, dass das ganze System von großen Pädagogen getragen wurde. Der große Hellmut Becker hat damals Gerold Becker an die Odenwaldschule empfohlen, Hentig hat Becker unterstützt. Nach Kant müssen Pädagogik und Erziehung zur Selbstbestimmung und Mündigkeit des Schülers führen. Und was passierte an der Odenwaldschule: Unter dem Deckmantel des besten reformpädagogischen Ansatzes der Bundesrepublik geschah dort das genaue Gegenteil, eine Anti-Pädagogik, nicht Führung, sondern Verführung.

Bappert: Was die Kirche und die Odenwaldschule verbindet, ist der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit und Genialität. Wie sie dort unterrichtet und die Schulen geleitet haben, durfte von niemandem beanstandet werden. Hinzu kommt, dass alle Internate potenzielle Tatorte für Missbrauch sind - egal ob katholisch, evangelisch, reformpädagogisch, staatlich oder privat. Natürlich gibt es sexuellen Missbrauch auch an ganz normalen Schulen. Interessanterweise sagt beispielsweise die Selbsthilfeorganisation Zartbitter: Immer nach Klassenfahrten und Ferienfreizeiten, wenn also Erwachsene mit Kindern unter einem Dach wohnen, ist bei ihnen Hochsaison. Dann melden sich die Opfer. Ich glaube deshalb nicht, dass die Odenwaldschule vor allem deshalb zum Tatort wurde, weil sie eine reformpädagogische Schule ist.

Unseld: Das ist richtig, was du sagst. Aber für mich ist diese ideologische Überhöhung, die Lehrer wie Gerold Becker betrieben, trotzdem sehr schlimm, diese Bemäntelungsversuche, der Rückgriff auf die Griechen und die Knabenliebe.

Wo hat sich das konkret gezeigt?

Unseld: Zum Beispiel im Unterricht. Ich hatte bei Becker Kurse belegt wie "Das Religiöse in der modernen Kunst", "Grundfragen der Ethik" oder "Theorie der Schule". Da wird mir im Nachhinein, seitdem ich von den Missbrauchsfällen weiß, körperlich übel, wenn ich mir eingestehen muss, dass ich damals daran geglaubt habe wie an eine Weissagung.

Koerfer: Und Hentig behauptet, er habe immer im Gästezimmer der Odenwaldschule geschlafen und habe nichts mitbekommen.

Unseld: Auch für mich ist es völlig unglaubwürdig, wenn Herr Hentig heute sagt, er habe von nichts gewusst. Wie kann das sein, wenn man 40 Jahre mit jemandem wie Becker zusammenlebt? Ich glaube nicht daran, dass Hentig niemals nachgefragt hat.

Wir haben viel über die "Knabenliebe" an der Odenwaldschule gesprochen. Was war mit den Mädchen? Ließ man die weitestgehend in Ruhe?

Bappert: Nein. Ich weiß von Altschülern, dass es auch bei einer nicht kleinen Zahl von Mädchen Übergriffe gab. Das waren nicht unbedingt Pädophile, sondern Lehrer, die auf sehr junge Mädchen beziehungsweise Frauen standen. 2002 hat mich ein OSO-Lehrer gefragt: Aber was ist, wenn es wirklich Liebe ist? Da habe ich gesagt: Dann soll der Lehrer sofort kündigen, sich einen anderen Job suchen und mit der "Geliebten" anderswo leben, wenn sie denn volljährig ist - aber bitte nicht an der Schule! Mit dem Begriff "Liebe" kann man viel bemänteln. Gerold Becker war vermutlich auch davon überzeugt, die Jungen zu lieben, die er missbraucht hat.

Unseld: In dieser Sache gibt es für Pädagogen überhaupt keinen Spielraum. In dem Moment, wo ein Lehrer zu viel Nähe zum Schüler spürt, muss er nein sagen. Völlig egal, ob das von ihm oder vom Schüler oder einer Schülerin selbst ausgeht. Wenn das nicht funktioniert, muss er sich eine andere Stelle suchen.

Die Liebes- und Sexualbeziehung ist ja nur eine Variante von Nähe. Nähe ist aber auch Bestandteil des pädagogischen Konzepts, nach dem ein Lehrer beispielsweise Empathie für seine Schüler haben sollte.

Bappert: Das höre ich jetzt immer wieder: Was wird das für eine furchtbar kalte Schule werden, wenn es keine Nähe mehr gibt zwischen Schülern und Lehrern. Das ist absoluter Unsinn! Meine Odenwald-Familie galt als relativ streng, aber ich habe dort eine sehr große Nähe gespürt, allerdings keine körperliche. Das hat mich vermutlich geschützt, weil die Grenzen klar waren. Mein Familienoberhaupt hat mich nur ein einziges Mal umarmt - und das war an dem Tag, als sie die Schule verließ. Ansonsten hat sie mich gefördert, auch getröstet, wenn ich traurig war, aber körperliche Nähe war dabei nicht nötig. Sie war über viele Jahre hinweg für mich wichtiger als meine eigene Mutter.

Wie muss denn eine Institution beschaffen sein, damit Kinder vor Missbrauch geschützt sind?

Bappert: Das muss man nicht neu erfinden, das gibt es alles schon: Es muss vor allem klare Regeln geben, an die sich alle halten. Zudem muss es eine Supervision für die Lehrer geben. Wenn sie merken: Da ist eine tolle Schülerin, die mich anschwärmt, dann muss ein Lehrer darüber reden können. Oder auch: Da gibt es einen Schüler, den kann ich nicht ausstehen, der macht mir das Leben schwer. Außerdem brauchen Lehrer Fortbildungen. Sie müssen wissen, wie Täter vorgehen und Signale erkennen, die ein missbrauchtes Kind vielleicht aussendet. Außerdem brauchen wir Aufklärungsangebote für Kinder, in denen vermittelt wird: Du entscheidest, wo, wann und mit wem du Nähe erleben willst. Viertens braucht man eine externe Kontrolle und Begleitung.

Unseld: Man muss sich auch die Rolle der Lehrer im Internat genau ansehen. Der Lehrer lebte zumindest damals in völliger Isolation. Er hatte kein soziales Umfeld wie andere Erwachsene, sondern hatte sein Privatleben quasi aufgegeben, um an der Schule zu sein. Das waren zum Teil Arbeitszeiten rund um die Uhr.

Gab es eigentlich ein elitäres Bewusstsein an der Schule?

Koerfer: Nein, die Elite-Schule war Salem.

Unseld: Das waren die mit den dunkelblauen Kaschmir-Pullovern.

Bappert: Wir waren die in Parkas mit Che-Guevara-Aufnäher. Uns war natürlich bewusst, dass wir an einer ganz besonderen Schule waren. Wir haben abfällig über staatliche Schulen geredet. Die Odenwaldschule stand Ende der 70er Jahre im Zentrum des pädagogischen Interesses. Wir haben manchmal Schilder an die Tür gehängt, auf denen stand: "Heute bitte keine Zoobesucher!" Wir waren diesen ganzen Rummel an Besichtigungstagen leid. Hinterher haben diese Besucher dann anderswo große Betonklötze hingestellt für 2000 Schüler. Das waren Lernfabriken. Die hatten offenbar nicht gesehen, dass wir nur 300 Schüler waren mit maximal 20 in einer Klasse.

Wie sehen Sie den jetzigen Rücktritt des Vorstands?

Koerfer: Er ist ja nicht vollständig zurückgetreten. Aber damit ist ein erster Schritt getan und wir können den Weg der Aufklärung weiter beschreiten.

(Interview: Katja Irle und Peter Michalzik)

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