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Loveparade-Veranstalter "Schaller hat Angst verbreitet"

Rainer Schaller, Chef der Sportstudiokette McFit, nutzte die Loveparade vor allem für sein Unternehmen.

03.08.2010 22:24
A. Joeres und F. Nordhausen
Rainer Schaller Foto: dpa

Die Loveparade-Katastrophe von Duisburg, findet bei der Fitnesskette McFit nur auf der Internetseite statt, wo die „Menschen und Macher“ ihr Beileid ausdrücken. Und doch ist das Desaster untrennbar mit dieser Firma verknüpft – und mit ihrem Eigentümer und Chef Rainer Schaller, dem Hauptsponsor, Motor und Gehirn der Loveparade seit 2006. Jenem gebräunten 1,90-Meter-Mann mit Glatze, Vollbart und goldenen Ohrringen, den der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger als Hauptverantwortlichen für die Toten und Verletzten von Duisburg benannte.

Schaller hingegen schiebt die Hauptschuld der Polizei zu, verspricht aber, einen Hilfsfonds mit einer Million Euro einzurichten. Es ist der Versuch, den Schaden zu begrenzen. Aus versicherungstechnischen Gründen, sagen Experten, bleibe Schaller auch kaum etwas übrig, als zu mauern.

Als „knallharten Geschäftsmann, von seiner Armada total abgeschottet“ bezeichnet ihn Ralf Lipus,ein Berliner Loveparade-Veteran. Lipus hatte bei dem Umzug im Lauf der Jahre „15 Wagen laufen“, wie er stolz erzählt. Nach der Parade 2003 lag das Großereignis brach, weil das Bundesverfassungsgericht 2001 entschieden hatte, dass der Veranstalter für die Müllkosten aufkommen müsse.

„Das war denen einfach zu teuer“, sagt Lipus. „Damals machten sich verschiedene Leute Gedanken um eine Wiederbelebung. 2005 tauchte dann plötzlich Rainer Schaller auf und kaufte den fünf Gesellschaftern die Loveparade-Rechte ab.“ Er habe viel bezahlt und die Loveparade nur nutzen wollen, um „Marketing für seine Fitnesskette zu machen“.

"Es geht nur noch um Kommerz"

Lipus versuchte, eine gemeinsame Parade zu organisieren. Schaller lehnte ab. „Der stellte mir finanzielle Forderungen, die ich unmöglich erfüllen konnte.“ Lipus erfuhr, dass sich Schaller fast vom gesamten früheren Organisationsteam der Loveparade trennte. „Die alte Crew kostete ihm zu viel“, vermutet er. „Von da an ging es nur noch um den Kommerz.“ Als die Parade 2007 ins Ruhrgebiet umzog, sei ihr „Spirit“ völlig verloren gegangen. Immerhin habe Schaller in Berlin noch die in Jahren gewachsenen Sicherheitskonzepte übernommen. „Zum Beispiel hatte die Loveparade jeder Bogenlampe an der Strecke eine Nummer gegeben, so dass die Sanitäter bei Alarm in maximum 30 Sekunden an einem beliebigen Ort sein konnten.“

Für Schaller hatte sich der Coup längst ausgezahlt. Sein McFit-Logo wurde schlagartig bundesweit bekannt. Es verband sich nun untrennbar mit der Loveparade und damit einem Image, das jugendlich, hip, sportlich war. Vor Übernahme der Loveparade betrieb der Selfmademan 20 Fitness-Studios, heute sind es 130. McFit hat seinen Umsatz auf 139 Millionen Euro geschraubt, mehr als 3000 Mitarbeiter, eine Million Kunden und ist Marktführer in Deutschland. Die Loveparade in Duisburg sollte, so sagte Schaller, der Startschuss zum Durchbruch in Europa werden.

Rainer Schaller kommt aus kleinen Verhältnissen nahe Nürnberg, übernahm nach der kaufmännischen Lehre vier Edeka-Filialen und begann 1997, die Billigfitnesskette aufzubauen. Mit einem Mitgliedsbeitrag von heute 16,90 Euro im Monat unschlagbar günstig, 24 Stunden am Tag geöffnet und bald als „Aldi-Muckibude“ bekannt. Alles, was Personal und Energie kostete, sparte Schaller ein. Zudem griff er zu unorthodoxen Marketingmitteln. Bekannt ist der Bluff, mit dem er das erste McFit-Studio als quasi-amerikanisches Produkt anpries: „McFit kommt jetzt auch nach Würzburg“. Als er die Loveparade übernahm, hatte er sich zuvor ein schweres Imageproblem eingehandelt. Die ARD-Sendung Kontraste bewies, dass die Studios, „ausländisch aussehende Personen“ nicht als Kunden aufnahmen. Später wurde die Diskriminierung offenbar abgestellt.

„Rainer Schaller ist kein Rassist“, sagt Michael M., ein ehemaliger führender Mitarbeiter von Lopavent, der 2006 die Loveparade mit ihm in Berlin organisierte. „Er ist eine Workaholic und denkt eigentlich nur ans Geschäft.“ M., der seinen Namen nicht genannt haben will, wurde damals von Schaller in einer Zweiraumwohnung im Wedding einquartiert – zusammen mit anderem Personal, das von McFit „ausgeliehen“ wurde. Acht Männer schliefen in Etagenbetten, auch der Chef. „Das war okay, weil wir ohnehin von morgens um sieben bis abends um elf arbeiteten“, sagt M. Die Bezahlung sei „gut, aber nicht sehr gut“ gewesen. Mit dem Chef war er zufrieden. „Er kontrollierte uns, ließ uns aber Freiheiten.“ M. kündigte nach der Loveparade 2006, weil es ihm zu anstrengend war.

Marketing stand immer im Vordergrund

Und wie stand es um die Sicherheit der Loveparade? Die habe man sehr ernst genommen, sagt M. Wenn Schaller in Duisburg Druck ausgeübt haben sollte, um Sicherheitsstandards herunterzuschrauben, dann, so meint M., „muss er sich grundlegend geändert haben.“ Auch Kai Brembach stellt Schaller ein gutes Zeugnis aus, für die Zeit danach. Der PR-Profi machte Werbung für die Technoparade 2007 in Essen. Der Umzug sei damals sehr professionell vorbereitet worden. Erst wenige Monate vor der Veranstaltung im August bekam die größte Stadt im Ruhrgebiet den Zuschlag. Schaller suchte sich seine Sprecher und Ordnungskräfte in wenigen Wochen zusammen.

In Essen wurden alle denkbaren Krisenszenarien durchgespielt: Terroranschlag, Schlägerei oder Sex in der Öffentlichkeit. Vertreter der Polizei, der Feuerwehr, der Stadt Essen, des Ordnungsamtes und von Lopavent tagten zweimal pro Woche, Schaller schickte seinen Adlatus Björn Kölln. Mehr als die Hälfte der 28 Teilnehmer waren Werbeleute – das Marketing stand immer im Vordergrund. „Alles wurde generalstabsmäßig vorbereitet“, so Brembach. „Damals wurde nichts dem Zufall überlassen.“

Ein Jahr später in Dortmund war Brembach nicht mehr dabei. Schaller suchte sich neue Leute. Der Dortmunder Feuerwehrmann Dirk Aschenbrenner saß damals in der Sicherheitsrunde für die Loveparade 2008. Er sagt, der Veranstalter habe „alle Verabredungen in punkto Sicherheit eingehalten“. Doch erinnert er sich auch, dass nicht Lopavent, sondern ein Subunternehmer für die Sicherheit zuständig war. In Duisburg wurden dann Subunternehmer und Sub-Subunternehmer beschäftigt – was offenbar zu verheerenden Kommunikationsproblemen führte. Ganz abgesehen davon, dass Schaller laut einem Lopavent-Dokument der Stadt vorschlug, eine höhere Besucherzahl als die tatsächliche anzugeben – aus Gründen der Werbung.

"Schaller hat in jedem seiner Studios Angst verbreitet."

Rainer Schaller hat die Loveparade auch 2010 vor allem als Vehikel für sein Hauptgeschäft betrachtet, die Fitness-Kette. Die Juli-Nummer seiner McFit-Zeitschrift „Einfach gut aussehen“ kreist um die „größte Party der Welt“. Und bei McFit führte er offenbar ein eisernes Regiment. Ein früherer Angestellter spricht von einer „sektenähnlichen Struktur“. Dieter Engel hat von 2007 bis 2008 zehn Monate für McFit im Ruhrgebiet gearbeitet. Dann erhielt er eine Abmahnung, weil ihn eine anonyme Testerin angeschwärzt hatte. Auch er möchte seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen, der ausgebildete Trainer arbeitet weiter in der Branche. Er habe einen seltsamen „Ehrenkodex“ unterschreiben müssen, sagt Engel. „Jeder verpflichtete sich, all seine Kräfte für McFit einzusetzen und Schaden vom Unternehmen abzuwenden.“

„Schaller hat in jedem seiner Studios Angst verbreitet.“ Dazu führten die ständigen Beurteilungen der Trainer durch die Studioleiter, die von ihren Bezirksleitern beobachtet wurden. In den Studios herrschten strenge Regeln. Jeder Trainer sollte höchstens zwei Minuten auf einer Stelle stehen, die Angestellten sollten sich untereinander nicht unterhalten und in der Öffentlichkeit weder trinken noch essen. Über die Mitarbeiter wurde laut Engel ein „Schwarzbuch“ geführt. „Wenn sich jemand beschwerte und zum Beispiel mehr Zeit für Pausen gefordert hat, wurde das ins Buch eingetragen.“ Oft seien solche „Vergehen“ Anlass für Abmahnungen gewesen. „Schaller wollte keine Mitarbeiter mit eigener Meinung, er wollte Soldaten für sein Unternehmen haben“, sagt Engel. Einen Betriebsrat gibt es bei McFit bis heute nicht.

Besondere Qualifikationen habe der Fitness-Millionär nicht verlangt. Engel arbeitete mit Studenten, Zahntechnikerinnen und Kfz-Mechanikern zusammen, die nach kurzer Einweisung mit einem Trainer-Film sofort loslegten.

Inzwischen kursieren in Internetforen Aufrufe, McFit zu boykottieren. Die Besucher im größten Berliner Studio des Discounters am Alexanderplatz reagieren darauf ratlos. „Wenn ich nicht hierher gehe, kommen andere trotzdem – was ist dadurch gewonnen?“, fragt eine 22-jährige Friseurin. Und ein Student mit kräftigen Armen sagt: „Ich finde es problematisch, hier zu trainieren. Aber was ist die Alternative? Woanders zahle ich mindestens das Dreifache pro Monat.“

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