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Wartung von AKW Die Nuklear-Nomaden

Schlecht bezahlte Leiharbeiter verrichten in Atomkraftwerken oft wichtige Arbeiten. Dabei sind sie schlecht abgesichert: Wer eine bestimmte Strahlenwertgrenze übersteigt, verliert seinen Job.

04.04.2011 20:02
Annika Joeres
Kontrollraum des Reaktors 2 in Fukushima (Archiv) Foto: dapd

Schlecht bezahlte Leiharbeiter verrichten in Atomkraftwerken oft wichtige Arbeiten. Dabei sind sie schlecht abgesichert: Wer eine bestimmte Strahlenwertgrenze übersteigt, verliert seinen Job.

Immer wenn die Brennstäbe ausgetauscht werden müssen, erhält José Andrade einen Anruf. Dann springt der Mittfünziger auch sonntagnachts in seinen Wagen und fährt zum Atomkraftwerk im südfranzösischen Cruas. Seit 30 Jahren arbeitet Andrade als Leiharbeiter in den nuklearen Anlagen Frankreichs. Die Verträge sind kurz, das Gehalt niedrig. „Schlecht behandelte Leute sind wie Zeitbomben“, sagt José Andrade.

Dabei arbeiten nahezu alle internationalen Energiekonzerne mit billigen Subfirmen und Leiharbeitern, um ihre Atomkraftwerke zu warten. Der französische Staatskonzern EDF beschäftigt in den 59 Kernkraftwerken des Landes 20.000 Leiharbeiter und somit so viele wie Festangestellte. Ein bislang wenig diskutiertes Risiko. Besonders bei dem gefährlichen Austausch der Brennstäbe würden die „Nuklear-Nomaden“ eingesetzt. „Wir verstehen unser Handwerk“, sagt Gewerkschafter Andrade. „Aber natürlich haben wir nicht dieselbe Ausbildung und die kontinuierliche Praxis wie die Festangestellten.“

Seitdem die früher mehrheitlich staatlichen Energiekonzerne weltweit miteinander konkurrieren, heuern sie zunehmend billige Arbeitskräfte an. Ihre prekäre Situation ist kaum bekannt. Dabei sind sie es, die die gefährlichsten Arbeiten ausführen und etwa die Brennelemente austauschen. Auch in deutschen AKW sind zeitweise Subfirmen beschäftigt – mit schwer nachvollziehbaren Qualifikationen. „Bei Revisionen arbeiten pro Kraftwerksblock rund 1800 Menschen zusätzlich von sehr vielen unterschiedlichen Firmen“, sagt eine Sprecherin von Eon. Unter anderem schicke auch der französische Atomtechnik-Konzern Areva Personal, um die deutschen Atomkraftwerke zu überprüfen. In den RWE-Kraftwerken arbeiten pro Block dauerhaft nur rund 300 Personen. „Für Inspektionen kommen kurzfristig aber Hunderte sogenannte feste Freie hinzu“, sagt der Sprecher von RWE-Power Manfred Lang. Um die Brennelemente auszutauschen, werde ad hoc eine große „Mannschaft“ benötigt. Und auch die fünf deutschen Kraftwerke von RWE forderten Areva-Mitarbeiter an, die wiederum Subangestellte und Leiharbeiter sein könnten.

Denn tatsächlich hängt auch die Sicherheit der deutschen Meiler von den französischen Energieriesen ab. Areva betreibt die Wiederaufbereitungsanlage im nordfranzösischen La Hague, die auch deutsche Kraftwerksbetreiber für ihre atomaren Abfälle nutzen. Auch für die Castor-Transporte von Gorleben ist Areva technisch verantwortlich und hat als weltweit größter Lieferant von Atomtechnik auch die Anlagen in Fukushima bestückt. Nicht nur Ingenieure und hauseigene Techniker halten die Atomkraftwerke am Laufen, sondern auch schlecht bezahlte Tagelöhner. „Die Prüfungen werden kürzer, alles muss schneller gehen“, sagen die Betriebsräte von Areva.

Die ersten Opfer des Wettkampfes um günstigen Strom und den Weltmarkt sind die Arbeiter selbst. In dem französischen Dokumentarfilm „Rien à signaler“ („Nichts zu melden“) berichten sie über ihren Alltag: Häufig werden sie kurzfristig angeheuert und reisen mit ihrem Wohnmobil zu den AKW. Durchschnittlich erhalten sie 53 Euro am Tag. Dabei gefährden sie ihre Gesundheit mehr als alle anderen. Laut einer Studie der französischen Gesundheitsbehörde Inserm kriegen die Leiharbeiter 80 Prozent der gesamten Strahlung ab.

„Wir sind das radioaktive Fleisch“, sagt Andrade. Nähert sich ein „Nuklear-Nomade“ der gesetzlich zulässigen Lebens-Strahlung von 20.000 Millisievert, verliert er von einem Tag auf den anderen seine Arbeit. „Die Energiekonzerne nehmen dann für den nächsten Auftrag einfach den nächsten Arbeiter, bis der seine Dosis voll hat.“ Selbst die französische Atomaufsichtsbehörde ASN, die als wenig transparent gilt, bemängelte im Januar die ausufernde Leiharbeit. „Es ist zu überprüfen, ob die persönliche Situation der Arbeiter nicht Fehler begünstigt“, heißt es in einer ASN-Mitteilung.

Den Beweis hatte die Behörde schon selbst in ihrem Jahresbericht 2009 geliefert: Damals hatte eine Subfirma in schriftlich ausgefüllten Formularen angegeben, die Motorpumpen für das Kühlwasser im zentralfranzösischen Reaktor Dampierry-en-Burly überprüft und gewartet zu haben. Im Jahresbericht war zu lesen, dass die angebliche Sicherheitskontrolle nie stattgefunden hatte. Aufgefallen war das niemandem.

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