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Nukleartechniker zum GAU in Japan „Ich wollte nie recht haben“

Michael Sailer ist zurzeit sehr gefragt. Äußerlich wirkt einer der führenden deutschen Reaktorexperten ruhig, wenn er über die Lage in Fukushima redet. Dabei weiß er: In Japan läuft fast drehbuchmäßig ab, was Risikostudien vorausgesagt haben.

Michael Sailer, 57, ist Nuklearexperte und Geschäftsführer des Öko-Instituts. Foto: Privat

Michael Sailer ist zurzeit sehr gefragt. Äußerlich wirkt einer der führenden deutschen Reaktorexperten ruhig, wenn er über die Lage in Fukushima redet. Dabei weiß er: In Japan läuft fast drehbuchmäßig ab, was Risikostudien vorausgesagt haben.

Diese Mähne. Früher braun, jetzt mit viel Grau dazwischen. Ein Mittelscheitel, dann Haare bis fast zur Hüfte. Große Brille, Oberlippen- und Kinnbart. Der Mann – einer von Deutschlands führenden Reaktorexperten? Genau. Michael Sailer schert sich nicht darum, wie „man“ meint, dass so jemand aussehen müsste. Seit Fukushima kennt ihn jeder Fernsehzuschauer. Seit knapp drei Wochen taucht der Geschäftsführer des Öko-Instituts, der sich seit mehr als 30 Jahren mit Analysen zur Atomtechnik befasst, fast jeden Tag auf irgendeinem TV-Schirm auf, um zu erläutern, was in der Atom-Ruine in Japan passiert.

„Ich wollte nie recht haben“, sagt Sailer. Nun fragt man ihn, weil er eben doch recht hatte. In Japan laufe fast drehbuchmäßig ab, was Risikostudien lange vorausgesagt hätten. Er lässt ahnen, wie ihn das bewegt: „Es macht die Sache noch viel schwerer erträglich, als sie ohnehin schon ist.“

Äußerlich ist Sailer ruhig, auch jetzt, da sich der Super-GAU in Japan wie in Zeitlupe entwickelt. Bedächtig, in seinem hessisch gefärbten Idiom, trägt der Darmstädter vor, was da in den Fukushima-Reaktoren eins bis sechs abläuft. Wie sich der explosive Wasserstoff bilden konnte, der die Dächer wegsprengte. Was es heißt, wenn Plutonium nun auch außerhalb der Anlage gefunden wurde. Oder wie gefährlich das Arbeiten für die Mannschaften ist, die in der Nähe stark strahlender Reaktor-Bauteile arbeiten müssen. Und wie groß die Chance, die Eskalation noch zu verhindern.

Sailer ist einer der wenigen Westexperten, die nicht nur abstrakt über die Lage vor Ort reden können. Er kennt Fukushima, war 2004 als Berater dort, als in der Präfektur über den vom AKW-Betreiber Tepco geplanten Einsatz von plutoniumhaltigen Brennelementen debattiert wurde.

Der 57-jährige Chemiker hat eine erstaunliche Karriere hinter sich – vom kritischen „Turnschuhforscher“ zum Mitglied der Reaktorsicherheits-Kommission (RSK) der Bundesregierung, deren Chef er sogar vier Jahre lang war. Akzeptiert ist er in den Fachkreisen längst. Zuletzt hat ihn Baden-Württembergs Noch-CDU-Regierung in eine Expertengruppe zur Neubewertung der AKW berufen.

Schon während seines Studiums an der TU Darmstadt in den 1970er Jahren befasste Sailer sich mit der Nukleartechnik. Der Anstoß: Er wohnte im rheinland-pfälzischen Worms, nahe dem AKW Biblis, das auf der anderen Rheinseite in Hessen entstanden war. „In anderen deutschen Meilern hatte es schwerste Beinahe-Unfälle gegeben.“ In Gundremmingen, Würgassen, Obrigheim. Und so etwas in Biblis?

Die Anti-Atomkraft-Bewegung, die sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre bildete, brauchte Wissenschaftler, die die herrschende Lehrmeinung vom zu vernachlässigenden „Restrisiko“ hinterfragen konnten: „Es gab jede Menge Bedarf nach Information.“ Bürgerinitiativen wollten Rat. Sailer gründete mit dem Physiker Lothar Hahn in Darmstadt einen Ableger des 1977 in Freiburg entstandenen Öko-Instituts.

Der Super-GAU von Tschernobyl 1986 war der erste große Einschnitt. Die abfällig „Turnschuh-Forscher“ genannten Experten des Öko-Instituts – plötzlich gefragt wie nie. „Das Telefon stand wochenlang nicht mehr still“, erinnert sich Sailer. Mit Tschernobyl schmolz das Vertrauen, der Super-GAU sei praktisch ausgeschlossen. „Auch für Wissenschaftler und Techniker aus der Pro-Atom-Fraktion war das ein echter Schock.“ Doch dann musste er erleben, wie die Nukleartechnik aufgeteilt wurde – in eine schlechte russische und eine gute, über Zweifel erhabene westliche.

Der Experte räumt ein: Die Tschernobyl-Baulinie war tatsächlich besonders fahrlässig konstruiert. Aber: Auch in West-Meilern gebe es Schwachstellen, aus denen sich eine unbeherrschbare Kernschmelze entwickeln könne.

Eigentlich war das kein Geheimnis. Sailer erinnert an die erste offizielle deutsche „Risikostudie Kernkraftwerke“ von 1979. Darin hieß es: Einmal in 10.000 Reaktorbetriebsjahren kommt es zu einer Kernschmelze. Der Experte rechnet vor: Bei den damals weltweit geplanten 1000 AKW wäre alle zehn Jahre ein GAU zu erwarten gewesen – alles andere als ein „Rest“-Risiko. Nur: „Die Politiker haben das einfach nicht begriffen.“ In den 80er Jahren ging Reaktor um Reaktor neu ans Netz.

Natürlich, deutsche AKW sind nicht Tsunami-gefährdet. Doch Sailer warnt: „Schwere Unfälle kann es nach wie vor auch bei uns geben.“ Aufgrund vielleicht von Bedienungsfehlern, Materialproblemen, Terrorattacken, unterschätzter Erdbebengefahr. Selbst wenn nun die sieben älteren Meiler stillgelegt würden, dürfe man sich nicht in Sicherheit wiegen. „Es gibt keine Studie, die sagt, das Risiko ist null.“

An die vielbeschworene weltweite Renaissance der Kernenergie glaubt der Chef des Öko-Instituts nicht – schon gar nicht nach Fukushima. Es sei „eine Technik aus den 1950er Jahren“, alternd, aussterbend. Reaktor-Neubauten seien schon jetzt extrem teuer, mit höheren Sicherheitsanforderungen rechneten sie sich noch weniger. Er glaubt: Die jetzige Zahl von rund 440 AKW bleibt noch eine Weile stabil und schrumpft dann, weil immer mehr Alt-AKW das Ende ihrer Lebensdauer erreichten.

„Ich war schon immer technikbegeistert“ – Sailer betont das. In der Freizeit baut er aus Messingteilen Modelleisenbahnen nach historischem Vorbild aus der Zeit vor 1870. Zwei Zimmer in seinem Haus in Darmstadt hat er dafür reserviert. Wenn so eine Dampflok qualmt und rußt, ist es okay. Bei einem AKW nicht.

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