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Modell Tschernobyl für Fukushima Grabstelle für Jahrhunderte

Atomkraftwerksbetreiber Tepco will Fukushima mit Sand und Beton abdecken. Damit könnte man freilich erst in Monaten beginnen. Derzeit sind die Reaktoren teilweise noch so heiß, dass darauf gekippter Sand zu Glas verschmelzen würde.

Wasser aus einem Feuerwehrfahrzeug wird auf den dritten Reaktor von Fukushima Dai-ichi gespritzt. Foto: AFP

Verzweifelt versucht der Fukushima-Betreiber Tepco, die schlimmste Variante des Super-GAU zu verhindern – den massiven Austritt von Radioaktivität, der eine große Zone in der Reaktor-Umgebung unbewohnbar machen würde. Gelingt ihm das, könnten die Reaktor-Ruinen zumindest theoretisch wie in Tschernobyl mit einem Beton-„Sarkophag“ beerdigt werden. Tepco selbst brachte diese Variante ins Spiel. Doch selbst wenn sie funktioniert: Die Nuklear-Beerdigung würde Milliarden kosten und die „Grabpflege“ müsste viele Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte geleistet werden.

Tepco hatte mitgeteilt, man erwäge, das gesamte Kraftwerk mit seinen sechs Reaktoren mit Sand und Beton abzudecken. „Es ist nicht unmöglich, die Reaktoren mit Beton zu überziehen“, sagte ein Sprecher. Möglicherweise sei das dies einzige Möglichkeit, die katastrophale Ausbreitung der Spaltstoffe zu verhindern.

Der Reaktorexperte Christian Küppers von Öko-Institut Darmstadt glaubt, dass die Fukushima-Ruine in jedem Fall am Ende „mit einer Art Sarkophag, ähnlich wie in Tschernobyl, eingefasst werden muss.“ Allerdings wäre das eine Maßnahme, die vermutlich erst im Monaten gestartet werden könnte. Hitze und radioaktive Strahlung müssen so weit abgeklungen sein, dass Menschen länger ohne extreme Gefahr an der Anlage arbeiten können. Derzeit sind die Reaktoren teilweise noch so heiß, dass darauf gekippter Sand zu Glas verschmelzen würde.

In Tschernobyl hatten nach dem Super-GAU am 26. April 1986 mehrere Zehntausend „Freiwillige“ den zerstörten Reaktorblock 4 mit 7000 Tonnen Blei und 300.000 Tonnen Beton verschlossen. Die Hülle des Sarkophags besteht aus zum Teil 15 Meter dicken Mauern, die die rund 200 Tonnen schweren Reste des explodierten und geschmolzenen Reaktorkerns abschirmen. Tausende der bei den Betonierarbeiten eingesetzten Soldaten, aber auch anderes Personal wie die Kranführer, erlitten schwere Gesundheitsschäden.

Bereits wenige Jahre nach dem Bau zeigte sich, dass der schnell hochgezogene Stahlbeton-Mantel nicht stabil war. Er bekam Risse, Wasser drang ein. Bei einem Kollaps des Sarkophags könnte erneut Radioaktivität zumindest die nähere Umgebung verseuchen. Daher wird inzwischen an einer neuen, 110 Meter hohen Schutzhülle gebaut, die auf Schienen über den Sarkophag geschoben wird und die nächsten 100 Jahre halten soll. Das gigantische Atom-Dach dürfte frühestens 2014 fertiggestellt sein.

Die Gesamtkosten des Projekts werden inzwischen auf rund 1,6 Milliarden Euro geschätzt, wovon rund 600 Millionen Euro noch gar nicht finanziert sind, wie die Ukraine kürzlich mitteilte.

Experten hoffen, dass in Fukushima eine kleinere Sarkophag-Konstruktion ausreichen könnte – zumindest, wenn es in den nächsten Tagen und Wochen nicht doch noch zur kompletten Kernschmelze mit großen Austritt von Jod, Cäsium und Strontium kommt. Offenbar befindet sich der größte Teil der Brennstäbe weiter innerhalb der jeweiligen Reaktorgebäude. In Tschernobyl war der komplett geschmolzene Reaktorkern durch Explosionen weit herausgeschleudert worden.

Trotzdem wäre die „finale“ Stilllegung der Anlage extrem aufwändig. Das macht der Vergleich mit Harrisburg klar. Obwohl bei dem Beinahe-Super-GAU in den USA 1979 der den Kern umschließende Reaktor-Druckbehälter und das AKW-Gebäude intakt geblieben waren, dauerten die Aufräumarbeiten volle 14 Jahre. Der Reaktorkern, der zu einem Drittel geschmolzen war, wurde entfernt. Da die Strahlenbelastung aber immer noch hoch ist, wurde der endgültige Abbruch der Anlage verschoben. Der havarierte Reaktor soll nun nach dem Jahr 2030 zusammen mit dem nebenan noch laufenden zweiten AKW-Block abgebaut werden.

Gekostet hat der „cleanup“ knapp eine Milliarde US-Dollar. In Fukushima dürfte weit mehr Geld gebraucht werden. Denn zur „grünen Wiese“ wie in Harrisburg wird man den Standort wohl nie wieder machen können. Den Sarkophag dort wird Japan Hunderte von Jahren bewachen müssen.

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