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Interview „Keine Verlängerung“

Die Kernschmelze in Fukushima ist auch durch die Notmaßnahmen kaum zu stoppen, glaubt Reaktor-Experte Lothar Hahn. Auch deutsche Atomkraftwerke seien nicht ausreichend gegen Gewalt von außen abgesichert.

13.03.2011 17:43
Lothar Hahn (67) ist Physiker. Er war Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit. Foto: GRS

Der Betreiber Tepco versuchte am Sonntag, die Kernschmelze in Fukushima zu stoppen. Wie aussichtsreich ist das?

Ich bin sehr pessimistisch, dass die Notmaßnahmen funktionieren. Da die Infos sehr spärlich sind, kann man allerdings nur spekulieren. Eine Flutung des schmelzenden Kerns etwa könnte sogar neue Explosionen auslösen. Der Sicherheitsbehälter könnte zerstört werden, massiver Austritt von Strahlung wäre die Folge.

Ein japanischer Nuklear-Experte sagte, ein Super-GAU wie in Tschernobyl sei in japanischen Reaktoren gar nicht möglich?

Das ist falsch, wenn es um die Frage geht, ob große Mengen Radioaktivität austreten können. Das kann auch in Fukushima geschehen. Allerdings sind die japanischen Reaktoren anders konstruiert, und sie besitzen – anders als Tschernobyl – einen Sicherheitsbehälter. Aber auch der ist bei einem Super-GAU keine Garantie. Er kann halten, er muss es nicht.

Harrisburg, Tschernobyl, nun Fukushima – ist das „Restrisiko“ der Nukleartechnik wirklich so klein, wie das Wort suggeriert?

Nein, es ist nicht klein. „Restrisiko“ ist ein irreführender Begriff.

Es gibt weltweit rund 450 Atomreaktoren – wie oft kann eine Kernschmelze eintreten?

Wir haben in gut 30 Jahren die genannten drei Fälle erlebt. Das passt mit den Wahrscheinlichkeitsberechnungen der vorhandenen Reaktor-Risikostudien gut zusammen. Der nächste Unfall kann morgen passieren, aber auch erst in 100 oder 1000 Jahren. Ausgeschlossen ist er nicht.

Wie ist überhaupt denkbar, dass eine Hochrisiko-Technologie wie die Kernkraft nicht ausreichend gegen Erdbeben ausgelegt wird?

Die Anlagen wurden weltweit je nach Standort so ausgelegt, dass das stärkste bisher bekannte Erdbeben beherrscht werden kann – plus Sicherheitszuschlag. Immer wieder stellte sich dann heraus, dass stärkere Beben auftreten können. Auch deutsche Reaktoren wie Biblis mussten deswegen nachgerüstet werden. Klar ist aber: Man kann damit nicht den Sicherheitsstandard wie beim Neubau eines Reaktors erreichen.

Bundeskanzlerin Merkel hat angekündigt, sie werde die deutschen AKW mit Blick auf Fukushima überprüfen lassen. Was kann dabei herauskommen?

Das muss Merkel in dieser Situation, die die Bürger aufwühlt, natürlich sagen. Ich bin skeptisch, dass dabei viel herauskommen wird. Auch nach Tschernobyl wurde ein Sicherheitscheck für die deutschen Kernkraftwerke durchführt. Danach sind anlageninterne Notfall-Maßnahmen eingeführt worden. Sonst ist wenig passiert.

Hat Deutschland die sichersten AKW, wie die Atombefürworter behaupten?

Das behauptet jedes Land von sich. Solch pauschale Aussagen sind Unsinn. Es gibt Staaten, gerade in Osteuropa, in denen die Standards deutlich niedriger lagen als bei uns. Aber es gibt auch Bereiche, in den Deutschland hinterherhinkt.

Konkret: Sind die deutschen Kernkraftwerke ausreichend gegen Gefahr von außen geschützt?

Nur zum Teil. Gerade in älteren Anlagen wie Neckarwestheim, oder Biblis gibt es Probleme. Die Erdbebensicherheit ist nicht voll garantiert. Und Nachrüstungen etwa gegen Flugzeugabstürze sind technisch gar nicht möglich.

In Japan ist ein 41 Jahre alter Reaktor am schwersten betroffen; er sollte bald stillgelegt werden. Schwarz-Gelb hat in Deutschland die Laufzeiten verlängert, so dass die AKW auf bis zu 50 Jahre kommen werden.

Es war ein Fehler, den Atomkonsens aufzukündigen. Damals wurden Nachrüstungs-Maßnahmen gerade bei älteren Reaktoren unterlassen, weil diese noch kurze Restlaufzeiten hatten. Das schien vertretbar. Jetzt, bei acht oder 14 Jahren längerer Laufzeit, ist es das nicht mehr. Ich empfehle dringend: Die Regierung sollte die Verlängerung zurücknehmen.

Interview: Joachim Wille

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