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Fukushima Die Legende von den 50 Samurai

Ob Zwangsrekrutierung, heldenhaftes Selbstopfer oder schwere Strahlenschäden: Über die Rettungshelfer in den radioaktiven Trümmern von Fukushima kursieren vor allem Gerüchte.

Die „Fukushima 50“ waren von Anfang an eine Legende. Foto: REUTERS

Der Volksmund nennt sie die „Samurai von Fukushima“, hält sie für Helden. Doch zwei Wochen nach Beginn des Rettungseinsatzes im havarierten Atomkraftwerk Fukushima kursieren immer beunruhigendere Meldungen über die Männer, die das Land vor einem Super-GAU bewahren sollen. Einige von ihnen sollen zum Einsatz gezwungen worden sein, vielen fehlt offenbar die nötige Ausbildung oder eine klare Vorstellung von den Gefahren, denen sie sich aussetzen.

Am Freitag erklärte Kraftwerksbetreiber Tepco, dass drei Arbeiter, die sich am Vortag akute Strahlenvergiftungen zugezogen hatten, ohne Sicherheitsschuhe in schwer verseuchtem Wasser gestanden hätten, um elektrische Leitungen zu reparieren. Die Warnsignale ihrer Messgeräte sollen sie ignoriert haben. Kompetente Rettungskräfte stellt man sich anders vor. Helden auch.

Ob stimmt, was die Kraftwerkbetreiber verbreiten, ist ungewiss. Weil verlässliche Informationen rar sind, blühen Spekulationen. Etwa die Geschichte, das Schicksal der vier Unglücksreaktoren liege in den Händen von nur noch 50 Arbeitern, die in einer Art Kamikaze-Aktion das Land vor einer Katastrophe beschützen wollten. Die „Fukushima 50“ waren von Anfang an eine Legende, Ergebnis bruchstückhafter Informationen und medialer Zuspitzung. Die japanische Zeitung Yomiuri Shimbun hatte am 21. März berichtet, dass 50 Männer im Einsatz seien, damit war aber nur die Besetzung einzelner Schichten gemeint. Insgesamt wechseln sich mehrere hundert Arbeiter ab. Sie dürfen sich nur kurz an den Reaktoren aufhalten, um eine schwere Strahlenvergiftung zu vermeiden.

Inzwischen sind bei mindestens neun Arbeitern starke Verstrahlungen bestätigt worden. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums erklärte, die eingesetzten Schutzanzüge seien „nicht besonders effektiv, wenn es darum geht, Verstrahlung zu vermeiden“. Sie müssten dünn genug sein, damit die Arbeiter darin handwerkliche Tätigkeiten verrichten können.

„Reißt euch zusammen!“

Wie viel Rücksicht die Einsatzzentrale, die von Premier Naoto Kan geführt wird, auf die Arbeiter nimmt, ist unklar. Als Tepcos Manager vier Tage nach dem Beben mitteilten, dass sie ihre Angestellten abziehen wollten, soll Kan verlangt haben, dass sie „sich zusammenreißen“ und bleiben, berichtete die Agentur Kyodo. Tepco soll Arbeiter aus anderen Kraftwerken nach Fukushima geschickt haben.

Medien berichteten auch, in Japan würden seit Jahren Arbeits- und Obdachlose für Kraftwerksdienste rekrutiert; auch Einwanderer und Minderjährige sollen darunter sein, die meist nur unzureichend über die Gefahr aufgeklärt würden. Das berichtete etwa der Asien-Korrespondent Robert Hetkämper in der ARD. „Wegwerfarbeiter“ nenne man sie in Japan. Er räumte später ein, er habe nicht vom Havariereaktor und nicht speziell von Tepco gesprochen, sondern von der „Kernkraftbranche in Japan insgesamt“.

Auch Tokioter Feuerwehrleute sollen unter Druck gesetzt worden sein. Laut japanischen Medienberichten soll ihnen der Vize-Einsatzleiter, Wirtschaftsminister Banri Kaieda, mit Strafen gedroht haben, falls sie den Einsatz in Fukushima verweigern sollten.

Die Yomiuri Shimbun berichtet über einen Mann, der seit vielen Jahren als Leiharbeiter in Fukushima tätig gewesen sei. Nach dem Beben erhielt er einen Anruf, er solle für drei Tage zu Hilfsarbeiten kommen. Gegen den Wunsch seiner Familie sagte er zu. Ihm sei die Gefahr bewusst gewesen, aber er habe sie verdrängt, sagte er der Zeitung: „Ich hatte eine Mission.“

Der britische Independent berichtete von einem Arbeiter, der sich per Brief von seiner Familie verabschiedet habe: „Lebt bitte weiterhin gut, ich werde für eine Weile nicht nach Hause kommen können.“ Seitdem habe er sich nicht mehr gemeldet. Der Guardian beschreibt einen Helfer, der im Hauptberuf Tabakbauer sei, und zitiert dessen Großonkel mit den Worten: „Die Leute nennen sie Atom-Samurai, weil sie ihr Leben opfern, um ein Leck zu stopfen. Aber es sind Amateure. Sie können nicht wirklich helfen.“

Auf Twitter berichtet Nutzerin „nekkonekonyaa“, auch ihr Vater habe sich zum Einsatz gemeldet. „Die Menschen im Kraftwerk kämpfen und opfern sich dafür auf, um euch zu beschützen“, schreibt sie. „Bitte, Papa, komm lebend zurück.“

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