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Erdbeben in Japan Die Warnung gehört zum Alltag

In Japan gibt es oft kleine Erdbeben, das Land ist deshalb gut vorbereitet und besitzt gar das schnellste Tsunami-Warnsystem der Welt. Doch das aktuelle Beben zeigt: Absolute Sicherheit vor Naturgewalten gibt es selbst dort nicht.

11.03.2011 18:47
Sebastian Amaral Anders
Japan besitzt das schnellste Tsunami-Warnsystem der Welt. Foto: REUTERS

Japan hat, darin sind sich die Experten einig, das schnellste Tsunami-Warnsystem der Welt. Mehr als 200 seismographische Sensoren verteilen sich über das Land, fast überall, im Landesinneren, an den Küsten und davor registrieren Sensoren jede kleinste Erdbewegung. Alle Daten werden in Echtzeit an die Überwachungszentralen in Tokio und Osaka übermittelt. „Es dauert sicher weniger als eine Minute, bis die Japaner das Beben lokalisieren und die Magnitude abschätzen können“, sagt Rainer Kind, der ehemalige Leiter des Bereichs Seismologie am Geoforschungszentrum Potsdam. Da sich aus den aktuellen Daten alleine nur sehr schwierig die Gefahr einer Flutwelle voraussagen lässt, greifen die japanischen Wissenschaftler dazu auf eine Datenbank vergangener Beben zurück und suchen nach Gemeinsamkeiten.

In der Geschwindigkeit unterscheidet sich das japanische Tsunami-Frühwarnsystem von anderen Systemen, etwa dem von den USA eingerichteten Pacific Tsunami Warning Center, das aber auch einen ungleich größeren Bereich überwacht und für alle Pazifik-Anrainer-Staaten Tsunami-Warnungen ausgibt. „In Japan liegt die Hauptgefahr eben direkt vor der Tür, daher wurde bei der Entwicklung von vornherein großer Wert auf Schnelligkeit gelegt“, sagt Kind. Droht infolge eines Seebebens eine Flutwelle, werden die entsprechenden Behörden, betroffene Gemeinden und natürlich die TV- und Radiosender informiert, die die Warnung an die Bevölkerung weitergeben.

Jährliche Katastrophen-Übung

Wohl kaum eine Nation der Welt ist auf solche Nachrichten besser vorbereitet als Japan. Hunderte Beben, die meisten bleiben ohne Folgen und sind kaum spürbar, suchen den Inselstaat jedes Jahr heim. Die Japaner leben in dem Bewusstsein, dass das nächste Beben kommen wird. Die Befürchtung, dass sich beim ständigen Leben mit den Beben eine Gewöhnung einschleichen könnte, und die Menschen Warnungen weniger ernst nehmen oder gar ignorieren könnten, hat Erdbeben-Experte Kind nicht. „Die Menschen nehmen dort sehr diszipliniert an Erdbeben-Übungen teil.“

Die größte Übung findet jedes Jahr am Jahrestag der größten Erdbebenkatastrophe der japanischen Geschichte statt, die 1923 Tokio und Yokohama in Schutt und Asche gelegt hatte. 145000 Menschen starben. Millionen Japaner üben sich daher jedes Jahr am 1. September darin, sich im Falle eines Erdbebens in Sicherheit zu bringen. In Kindergärten, Schulen, aber auch in Unternehmen gehören Erdbeben-Übungen zum festen Repertoire. Helme, Decken oder Taschenlampen gehören zur Standard-Ausstattung.

Doch trotz aller Prävention, trotz Neubauten, die auf Pfählen oder schwingungsdämpfenden Gummilagern gebaut werden, trotz bis zu zwölf Meter hohen Tsunami-Schutzdeichen in manchen Küstenregionen, trotz einer Bevölkerung, die den worst case immer im Bewusstsein trägt: Absolute Sicherheit vor Naturgewalten gibt es auch in Japan nicht, wie das aktuelle Beben zeigt.

Das gilt natürlich noch mehr für Länder, die bei weitem nicht den technischen Standard Japans haben. Indonesien etwa, wo das Geoforschungszentrum Potsdam nach der Tsunami-Katastrophe von 2004 ein Frühwarnsystem mitentwickelt hat. Auch dieses Warnsystem könnte deutlich besser arbeiten, wenn es eine bessere internationale Verzahnung gäbe, glaubt Seismologe Kind. Wissenschaftler seien zwar offen für den Austausch von Daten. „Die Entscheidung über die Herausgabe“, sagt Kind, „trifft aber die Politik.“

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