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Atomunglück Radioaktivität verseucht Pazifik

Arbeiter am havarierten Atomkraftwerk Fukushima setzten weiterhin ihr Leben aufs Spiel, um einen weiteren Austritt der Radioaktivität zu verhindern. Bislang konnten sie das Leck in einem der Unglücksreaktoren nicht schließen - so fließt weiter radioaktiv verseuchtes Wasser in den Ozean.

Das havarierte Atomkraftwerk Fukushima am Pazifik Foto: dpa

Als Japans Premierminister am Samstag erstmals seit dem Erdbeben und Tsunami vom 11. März die Katastrophenregion besuchte, führte sein erster Weg zum J Camp. „Ihr stellt die erste Verteidigungslinie dar“, sagte Naoto Kan den Arbeitern in dem Lager rund 19 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima Daiichi entfernt, „ihr dürft nicht verlieren.“ Es war ein verzweifelter Appell an eine Gruppe weitgehend anonymer Arbeiter, Feuerwehrleute und Techniker, die seit drei Wochen ihr Leben riskieren, um die Folgen des zweitgrößten nuklearen Unfalls der Welt nach Tschernobyl zu bereinigen.

Abdichtung des Lecks misslingt

Aber da wusste Kan noch nicht, dass auch am Sonntag alle Versuche fehlschlagen sollten, den Unglücksreaktor abzudichten, dass auch Sonntagnacht noch ungehindert hochgradig verseuchtes Wasser in den Pazifik fließen würde. Nach Angaben des AKW-Betreibers Tepco versuchten Arbeiter am Samstag zunächst, den rund 20 Zentimeter langen Riss mit Beton zu verschließen. Da dieser Versuch scheiterte, setzten sie am Sonntag eine Mischung aus Kunstharz, Zeitungspapier und Sägespäne ein. Die Arbeiter sprühen durch die Teleskoparme von Betonpumpen Wasser auf die Reaktordruckbehälter.

In den kommenden Tagen soll eine 136 mal 46 Meter große schwimmende Plattform vor dem AKW eintreffen, in deren Tanks rund 10000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser aus den Reaktorgebäuden gepumpt werden können.

Am Sonntag kam dann eine weitere schockierende Meldung: Zwei vermisste Arbeiter waren tot gefunden worden. Sie wurden im Keller des Turbinengebäudes von Reaktor Nummer 4 entdeckt. Die Todesursache steht bislang nicht fest. Laut ersten Berichten sollen sie an einem Schock nach massivem Blutverlust gestorben sein. Scheinbar kamen sie bei dem Tsunami am 11. März ums Leben.

Ein Berater von Regierungschef Kan, Goshi Hosono, sagte dem Fernsehsender Fuji TV es sei mit einer „langen Schlacht“ in Fukushima zu rechnen. Es werde wahrscheinlich noch „mehrere Monate“ dauern, bevor der Austritt von Strahlung gestoppt werde. Besonders die mehr als 10000 in Abklingbecken gelagerten gebrauchten Brennstäbe stellten weiterhin eine Gefahr dar.

Japans Presse feiert die „Samurai“

Japans Presse feiert die 450 Japaner, die diese „Schlacht“ in Fukushima schlagen, inzwischen als „Samurai“. Die legendenumwobene, auf den Kampf spezialisierte Kriegerkaste genießt auch heute noch hohes Ansehen.

Aber die wenigsten der 450 Japaner, die im Auftrag des Elektrokonzerns Tepco rund um die Uhr gegen den atomaren GAU in Fukushima kämpfen, sind Spezialisten. Die 50 Feuerwehrleute, die man gleich zu Anfang zum Noteinsatz an den Unglücksreaktoren geschickt hatte, wurden in die Gefahrenzone befohlen. Japanische Gewerkschaftler berichten, Subunternehmer von Tepco würden mit mehr oder weniger großem Druck überredet, Arbeiter für den Noteinsatz aufzutreiben. Sie bieten Tageslöhne bis zu 400000 Yen (rund 3400 Euro) für den lebensgefährlichen Einsatz.

Die wenigen Informationen, die an die Öffentlichkeit dringen, offenbaren chaotische Arbeitsbedingungen. Die ersten „Samurai“ besprachen ihr Vorgehen im J Camp im Licht von Autoscheinwerfern. „Es ging wild durcheinander. Ideen wurden diskutiert und verworfen“, sagte ein Tepco-Ingenieur. Die drei Arbeiter, die in radioaktivem Wasser an einem der Reaktoren verseucht wurden, wussten offensichtlich nichts von der Gefahr, in die sie im wahrsten Sinne des Wortes hineintappten.

1000 Opfer in der Sperrzone vermutet

Tepco hält selbst in normalen Zeiten die Namen seiner Angestellten in den Atomreaktoren geheim. Auch während der Krise erfährt die Öffentlichkeit nur wenige Details. Doch der Druck, unter dem die Arbeiter stehen, wird in einer E-Mail deutlich, die dem International Herald Tribune zugespielt wurde. „Meine Stadt ist weg“, schrieb darin ein Mann namens Emiko Ueno, „meine Eltern werden immer noch vermisst. Ich kann wegen der Evakuierungsanordnung immer noch nicht die Sperrzone besichtigen. In dieser Gemütsverfassung muss ich immer noch arbeiten. Das ist meine Grenze.“

Über 1000 Tote, die dem Tsunami zum Opfer fielen, werden in der Sperrzone vermutet. Sie können wegen der radioaktiven Gefahr nicht geborgen werden ? und müssen, falls sie jemals gefunden werden, vor ihrer Beerdigung wahrscheinlich erst dekontaminiert werden.

Erfolgserlebnisse sind bei dem Kampf gegen den GAU bislang dünn gesät. „Ich werde den Tag nie vergessen, an dem der Manager uns erklärte, es sei geschafft“, erzählte ein Tepco-Veteran der Tribune, „wir haben zur Feier alle eine Cola getrunken.“ Es war der Tag, an dem Fukushima nach langen Mühen wieder ans Stromnetz angeschlossen worden war. Doch auch die Hoffnung, dass eine Stromversorgung der Reaktoren die Katastrophe stoppen werde, erfüllte sich nicht. ( mit afp)

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