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Fukushima Wie Dekontamination nicht funktioniert

Zum dritten Jahrestag der Atomkatastrophe in Fukushima wollte die japanische Regierung Evakuierte in zehn gesperrte Ortschaften zurückkehren lassen. Daraus wird aber nichts, die Strahlenwerte sind immer noch zu hoch.

Feuerwehrleute messen die Strahlungswerte in der Geisterstadt Namie. Foto: AFP

Das Zauberwort heißt „Dekontamination“. Arbeiter spritzen per Hochdruckreiniger Wasser auf die Häuser-Fassaden, sie tragen die oberste Erdschicht ab, stopfen sie in Plastiksäcke, Spielplätze und Schulhöfe bekommen neuen Sand, und in den Parks werden Blumen und Büsche ersetzt. Seit fast drei Jahren werden die Orte, die außerhalb der hoch verstrahlten Fukushima-Sperrzone liegen, mit großem Aufwand – und zweifelhaftem Erfolg – gereinigt.

Inzwischen läuft schon Teil zwei der von der Regierung geplanten „Normalisierung“ rund um die Atomruine. In der nach dem Super-GAU komplett entvölkerten 20-Kilometer-Zone sollen Ortschaften, in denen die radioaktive Belastung unter 20 Millisievert pro Jahr liegt, wieder besiedelt werden.

Evakuierte sollten zurückkehren dürfen

Das hätte so gut in die Strategie der atomfreundlichen Regierung von Shinzo Abe gepasst: Zum dritten Jahrestag der Katastrophe wollte sie ankündigen, dass Evakuierte in zehn zuvor gesperrte Ortschaften zurückkehren dürfen. Wurde aber nichts daraus: Die Strahlenwerte sind immer noch zu hoch, außerdem verzögert sich der Wiederaufbau der Infrastruktur. Zwei Orte, Itate und Katsurao, peilt Tokio nun für eine Freigabe 2015 an.

Eisuke Matsui weiß, warum die Dekontaminierung nicht funktionieren kann. Der Radiologe und Facharzt für Lungenkrankheiten bereist die verstrahlte Region oft, er berät dort Gesundheitsbehörden. In Itate hat er gesehen, wie unsinnig viele Maßnahmen sind: „Dort haben sie die Erde von hoch belasteten Reisfeldern abgetragen und in Säcke gepackt. Aber in den bewaldeten Hügeln, die gleich dahinter aufragen, ist nichts passiert.“ Und von dort sei die Radioaktivität dann durch Wind und Regen wieder auf die Felder gekommen. „Reis sollte man da nicht anbauen“, sagt Matsui.

Erlaubte Strahlenwerte sind zu hoch

Die Freigabe der Ortschaften in der Sperrzone ist umstritten. Umweltverbände wie Greenpeace und die Ärzte-Initiative IPPNW halten sie für zu gefährlich, weil die erlaubten Strahlenwerte viel zu hoch seien, besonders für Schwangere und Kinder. Der Grenzwert von 20 Millisievert, der auch von der Internationalen Strahlenschutzkommission empfohlen wurde, sei untragbar.

Die IPPNW-Ärztin Angelika Claußen, die das Gebiet 2013 besuchte, zieht den Vergleich zu Tschernobyl: „Dort zählten Gebiete, in denen mit 20 Millisievert pro Jahr zu rechnen war, zur Sperrzone, ab fünf bestand Umsiedlungspflicht, zwischen ein und fünf gab es zumindest das Recht, umzusiedeln.“

Schon jetzt schlagen japanische Mediziner, die der Beschwichtigungsstrategie Tokios nicht folgen wollen, Alarm – die nämlich führt mögliche Gefährdungen auf „Strahlenangst“ und nicht auf Radioaktivität zurück. Das Immunsystem der Kinder in der Fukushima-Region sei geschwächt, Allergien und Erkältungen nähmen deutlich zu.

Bisher wurden dort der Ärztin Katsumi Furitsu zufolge unter rund 270 000 untersuchten Heranwachsenden schon 33-mal Schilddrüsen-Krebs diagnostiziert, der – wie man aus Tschernobyl weiß – die erste sichtbare Folge erhöhter Strahlung ist, und in 42 Fällen besteht Verdacht. Normalerweise tritt die Krebsart bei einer solchen Zahl von Kindern nur ein- oder zweimal auf. „Die meisten Folgen des Super-GAU werden allerdings erst nach vier bis 30 Jahren sichtbar“, sagt Claußen: Krebs, Missbildungen und Erkrankungen der Gefäße wie der Bauchspeicheldrüse.

Forderung: Grenzwert senken

IPPNW fordert, den Grenzwert auf ein Millisievert pro Jahr zu senken. Wobei selbst das schon einer Dosis von rund 50 Röntgenaufnahmen der Lunge pro Jahr entspreche. Dafür besteht freilich keine Chance. Denn zu den über 160 000 Fukushima-Anwohnern, die seit 2011 zum großen Teil immer noch in Notunterkünften hausen, kämen rund 450 000 hinzu. Die Kosten der Umsiedlung und der Entschädigungen, die den Fukushima-Eigner Tepco ohne Staatshilfe längst in die Pleite getrieben hätten, würden explodieren.

Das High-Tech-Land Japan ist schon mit den laufenden „Sanierungsmaßnahmen“ überfordert. Plastiksäcke, die überall an den Straßen und in der Landschaft herumstehen, sind die unübersehbaren Zeichen dafür. Bisher ist es den Behörden nämlich nicht gelungen, die riesigen Mengen des abgetragenen Erdreichs ordentlich zu entsorgen. Die Erde wurde in Säcke geschüttet, die kaum stärker als normale Müllsäcke sind.

Manche Hausbesitzer wurden angewiesen, sie zehn bis 20 Zentimeter tief im Garten zu vergraben. Teilweise bekamen sie auch kleine nukleare Zwischenlager vors Haus gestellt: Ringe aus Stahlbeton, in denen blaue, mit verseuchter Erde gefüllte Kunststofffässer stehen und die die Strahlung abschirmen sollen. Und an manchen Kindergärten und Schulen wird es noch abstruser: Die Erd-Säcke liegen dort aufgestapelt herum – und die Kinder spielen darauf.

Google Streetview: die Geisterstadt NamieView Larger Map

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