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Eurovision Song Contest in Baku Singen für Demokratie

So viel Aserbaidschan war nie in den deutschen Medien. Und er hat einen nicht unbedeutenden Anteil daran: Der Vollzeit-Aktivist Rasul Jafarov. Der Oppositionelle Rasul Jafarov plant ein Konzert unter dem Motto „Sing for democracy“.

26.04.2012 18:28
Von Elmar Kraushaar
Rasul Jafarov, Politaktivist, nutzt den ESC, um über die Lage im Land aufzuklären. Foto: dapd

Der 28-jährige Menschenrechtsaktivist pendelt seit Wochen hin und her zwischen seiner Heimatstadt Baku und Berlin, um die Öffentlichkeit hierzulande aufzuklären über die politische Lage in dem Land am Kaspischen Meer. Voller Ernst sitzt er dann den Medienvertretern gegenüber, schaut mit seinen großen dunklen Augen in die Runde und gibt unermüdlich Auskunft: Wie viele politische Gefangene sind derzeit in Haft? Wie ist es um die Pressefreiheit bestellt? Und: Wie kann man den kommenden Eurovision Song Contest nutzen, um auf die Schattenseiten in Aserbaidschan aufmerksam zu machen?

„Sing for democracy“, das ist sein Ding, auf die Idee für diese Kampagne kam er im vergangenen Juli, nach dem Sieg des aserbaidschanischen Duos Ell & Nikki beim ESC in Düsseldorf. Seitdem plant und organisiert er mit seinen Freunden: Ein Konzert wenige Tage vor dem ESC-Finale, dazu eine Pressekonferenz für die vielen für das Festival akkreditierten Journalisten, und vorab ein Video mit einem Rap, der das junge Pop-Publikum ansprechen soll.

Es gibt einen Plan B

Wenn man ihn jetzt, rund vier Wochen vor dem geplanten Konzert, danach fragt, wie weit die Pläne gediehen sind, wird er leiser im Ton: „Wir haben bei der Stadtverwaltung von Baku ein Open-Air-Konzert beantragt.“ Die aber habe sie weiter verwiesen an das Kultusministerium. Doch dass dieses seine Einwilligung gibt, daran glaubt Jafarov nicht. „Aber wir haben einen Plan B. Wir können in einem Nachtclub der Stadt unterkommen, der einem Ausländer gehört und deshalb keine Genehmigung der Behörden braucht.“

Und wer soll bei dem Konzert auftreten? Ein paar aserbaidschanische Künstler hätten ihm bereits zugesagt, er darf aber ihre Namen aus Angst vor Repressalien erst kurz vor dem Konzert bekanntgeben. „Auch eine Sängerin aus Berlin ist dabei, Christiane Rösinger. Sie will sogar mit dem Auto bis nach Baku reisen.“ Zum ersten Mal lächelt Rasul Jafarov während des Gesprächs und freut sich aufrichtig über so viel Engagement.

Das Engagement jedes einzelnen, darauf kommt es an, wenn man etwas bewegen will. Das weiß er und damit hat er angefangen 2005, kurz nach dem Beginn seines Studiums, europäisches Recht an der Western University, einer privaten Hochschule in Baku. „Ich komme eigentlich aus einer unpolitischen Familie, außer meine Großmutter, die hat immer Radio Liberty und BBC gehört und uns Kindern erzählt, was los ist auf der Welt.“

Als Student ist er dann in eine Tagung der deutschen Friedrich-Naumann-Stiftung in Baku geraten und hat dabei Menschen kennengelernt, die völlig frei ihre politische Meinung äußerten und die Regierung kritisierten. „Das hat mir imponiert und mich stark geprägt.“ Er hat dann noch weitere solche Tagungen besucht und sich schließlich selbst mit Freunden organisiert. Bis er seine Arbeit für ein Jahr unterbrechen musste – das Militär rief. „Unser Recht auf Wehrdienstverweigerung steht nur auf dem Papier.“

Aber jetzt ist er Aktivist mit aller Kraft, ein Fulltime-Job, der ihn auch immer wieder nach Berlin führt. Dann ist er hier auf Einladung von Organisationen wie Reporter ohne Grenzen oder Human Rights Watch. Das Geld für die „Sing for democracy“-Kampagne kommt übrigens aus den USA, die private, aber aus dem US-Haushalt finanzierte Stiftung National Endowment For Democracy hat die komplette Finanzierung übernommen.

Schon vier Mal in Haft

Natürlich werden die Vorbereitungen für das Konzert vom Regime des Autokraten Ilham Alijew genau beobachtet. In Zeitungen des Landes erscheinen rufschädigende Artikel gegen Jafarov und seine Mitstreiter, er selbst wurde bereits vier Mal inhaftiert. Aber er hat keine Angst, dass ihm das wieder passiert, sondern hofft, die momentane öffentliche Aufmerksamkeit werde ihn schützen.

Der Eurovision Song Contest ist für Rasul Jafarov ein Glücksfall: „Zum ersten Mal können wir die europäische Öffentlichkeit über die Lage in unserem Land informieren. Und diese Gelegenheit nutzen wir.“ Aber ob es wirklich etwas bewirken wird? „Mein Gefühl sagt mir, dass es so schnell keine echten Veränderungen geben wird.“

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