Lade Inhalte...

ESC in Baku Das Lied von der Ungerechtigkeit

Jeder nutzt den Eurovision Song Contest in Baku für seine Zwecke: Aserbaidschans Führung will mit einem futuristischen Prachtbau glänzen, für die Opposition ist der Wettbewerb die seltene Gelegenheit, ihre Wut öffentlich zu machen.

Nachts illuminieren Zehntausende von Leuchtdioden das Zeltdach der Crystal Hall. Hier wird der ESC ausgetragen. Foto: dapd/Treblin

Ein warmer Wind geht durch die Platanen an der Strandpromenade. Brandungslos liegt das Meer in der Dunkelheit, während die Stadt ihr allabendliches Lichterspiel vorführt. Da sind die orange glühenden Glas-Wolkenkratzer in Flammenform und der bombastische, hell angestrahlte Fahnenmast, mit dem Baku ins Guinnessbuch der Rekorde kommen wollte. Da sind die geputzten Kalksteinfassaden der Altbauten, die sämtlich illuminiert sind. Da ist der ganze Ölreichtum, den diese Stadt aus dem Meer gezogen hat, und den sie nachts in diesem Meer spiegeln will.
Wenn in Baku das große Spektakel namens Eurovision Song Contest beginnt, dann werden Europas Fernsehanstalten die Stadt heranzoomen, als läge sie nicht am Kaspischen Meer, sondern am Mittelmeer.

Der ESC ist eine Gelegenheit, sich Europa zu präsentieren, und die Führung Aserbaidschans unter Präsident Ilham Alijew will sie buchstäblich um jeden Preis nutzen. Sie hat auf einer Landzunge die Crystal Hall errichten lassen, einen hundert Millionen Euro teuren, konstruktivistischen Faltbau, der nachts mit Zehntausenden von Leuchtdioden über die Bucht leuchten soll. Sie hat Plätze erweitern, Straßen bauen, Gebäude abreißen lassen. Der Taxi-Fuhrpark wurde mit violetten Kopien der Londoner Cabs aufgestockt, die außerdem erstmals einen Taxameter haben. Dies ist der teuerste Wettbewerb aller Zeiten.

"Diese Party gehört ruiniert"

Das sei alles bloß eine Party für die Familie des Präsidenten, sagt der Musiker Jamal Ali, „und diese Party gehört ruiniert“. Er ist 24 Jahre alt und passt von seinem Aussehen her besser nach Berlin als nach Baku. Jedenfalls läuft außer ihm kaum ein Aserbaidschaner in Shorts herum und mit einem Bart, der unten am Kinn in einem Zöpfchen endet. Jamal Ali hat nicht die Macht, die teuerste Party seines Landes seit zwanzig Jahren Unabhängigkeit zu verderben. Aber er hat den Gastgebern immerhin in die Suppe gespuckt.
#gallery

Seit er nach einem Konzertauftritt von der Polizei misshandelt wurde, hat sein Fall einiges Aufsehen erregt. Es geschah im März, auf der ersten genehmigten Kundgebung der Opposition seit Langem. Hunderte Jugendliche waren gekommen, sie standen auf einem hässlichen Platz am Stadtrand, den man ihnen zugewiesen hatte und riefen „Freiheit!“ oder „Eurovision ohne politische Gefangene“. Es war ein großes Ereignis für ein Land, in dem die Opposition sonst unsichtbar ist, im Parlament wie auf der Straße. Danach trat Ali auf die Bühne, mit seiner Band Bulistan und dem Song „Hau ab“. Er sang von einem mittelalterlichen Khan, der sein Volk ausraubt, und jeder konnte sich denken, wer damit gemeint war.

Aber dann entgleiste die Situation. Einem Protestierer gefiel es nicht, dass Jamal Ali in seinem Lied unflätige Ausdrücke benutzte; es seien hier auch Frauen anwesend, rief er. Jamal Ali wiederum gefiel es nicht, so einen kleinlichen Einwurf zu hören. Er hatte getrunken. Er sattelte ein paar wirklich derbe Flüche drauf, gegen den Präsidenten und dessen Frau und dessen Mutter, und er sprach sie laut ins Mikrofon. Zehn Tage lang war er danach in Haft. Die Polizisten hätten ihm eine Tüte über den Kopf gezogen und stundenlang auf seine Fußsohlen geschlagen, sagt er, und dabei gerufen: Sei dem Präsidenten dankbar, der hat den Song Contest hier hergebracht, ohne den wärst du gar nicht mehr am Leben. Er konnte nachher kaum noch laufen. Alle, die man fragt, sagen: Glück hat er gehabt. Zu anderen Zeiten wäre er jetzt für Jahre in Haft gekommen, mindestens.

Dämlicher Auftritt

Jamal Ali taugt nicht zum Helden, dafür war sein Auftritt zu unbedacht und dämlich. Aber er ist nicht der Einzige im Land, in dem die Wut kocht. Er lässt sie nur freier hervorsprudeln. Vielleicht, weil er in gesicherten Verhältnissen aufgewachsen ist oder früher freier in Istanbul gelebt hat. Istanbul ist lebendig. Baku war es einmal: Zu Sowjetzeiten, sagt Ali, sei das hier eine Multikulti-Metropole gewesen, es habe Leben gegeben, eine reiche Musikszene. Aber das ist vorbei.
Auch andere junge Leute spüren diesen Phantomschmerz. Sie trauern einer Zeit nach, die sie gar nicht erlebt haben: Als Baku zwar keine herausgeputzte Fußgängerzone mit teuren Boutiquen hatte, dafür aber eine rege Intelligenzia. Jetzt sind Russen und Juden ausgewandert, die Armenier geflohen. An ihrer Stelle sind vertriebene Aserbaidschaner aus dem von Armenien besetzten Berg-Karabach in die Hauptstadt gekommen und andere Menschen vom Lande. Baku ist reicher und ärmer zugleich geworden.


In dieser schläfrigen Stadt werde ein simpler Schlagerwettbewerb aufgebauscht, als seien es die Olympischen Spiele, sagt Jamal Ali. Und die reiche Führung behandele die Leute wie Sklaven – sie errichte sich eine Pyramide namens Eurovision und fege mal eben die Leute beiseite, die dort wohnen. Siebzig Familien hat man gewaltsam vertrieben, um neben der Crystal Hall den Platz mit der unsinnig großen Staatsflagge zu erweitern. Sie sind nicht die einzigen Vertriebenen: Überall verdrängen Luxus-Türme alte Bauten, aber die neuen Fenster wirken tot, weil sich niemand die Apartments dahinter leisten kann. Hunderte Millionen Euro werden in den Song Contest gesteckt, dabei haben die Wohnungen außerhalb des Zentrums bloß vier Stunden am Tag fließendes Wasser. Aber neue Wasserleitungen glitzern eben nicht, sie taugen nicht fürs Fernsehen.
Am Mittwoch hat Jamal Ali ein Musikvideo auf Youtube eingestellt. Man sieht ihn an Trümmerhaufen vorbeilaufen und in einem abrissreifen Haus singen. Bassist und Schlagzeuger haben sich Tüten über den Kopf gestülpt. „Mein Haus ist abgerissen,/ kein Dach über dem Kopf./ Ist Eurovision das, was ich jetzt brauche?“, heißt es im Text und dass der Bürgermeister doch bitteschön lieber Häuser in Dubai abreißen solle. Dort besitzen die Kinder des Präsidenten reichlich Immobilien, allein dem minderjährigen Sohn gehören schon neun Apartments.

Kampagne gegen Enthüllungs-Journalistin

Dass vom Reichtum der Präsidentenfamilie überhaupt etwas bekannt wird in diesem Land, das verdankt es Khadija Ismailova. Sie ist die prominenteste investigative Journalistin Aserbaidschans und hat die Geschäftsinteressen der Alijews aufgeschlüsselt. Vor zwei Monaten erhielt sie einen Drohbrief: „Hure, benimm dich, oder wir werden dich entehren“ stand darin, darunter war ein Smiley gemalt. Beigelegt waren intime Fotos aus ihrem Schlafzimmer. Ismailova gab, anders als frühere Opfer, nicht klein bei. „Die Wut war einfach größer als die Angst“, sagt sie in den Räumen des aserbaidschanischen Dienstes von Radio Liberty, wo sie eine Show hat. Sie machte die Erpressung öffentlich. Eine Woche später wurde im Internet ein Video veröffentlicht, das sie beim Sex mit ihrem Freund zeigte. Die Zeitung der Regierungspartei veröffentlichte den Link in einem Hetzartikel gegen die unverheiratete, damit als ehrlos gebrandmarkte Frau. Und ein Fernsehkanal des Alijew-Clans zeigte das Video.


„Es ist nicht so, dass ich die Familie speziell aufs Korn nehme bei meiner Arbeit. Sie kommt bloß überall zum Vorschein, wo ich nachbohre“, sagt Khadija Ismailova. So konnte sie im vergangenen Sommer erstmals belegen, dass Alijews Frau und Töchter über Briefkastenfirmen in Panama ein Mobilfunkunternehmen kontrollierten; damals schon, so vermutet sie, installierte der Geheimdienst die Kamera in ihrem Schlafzimmer. Später konnte sie den Alijews eine Goldmine zuordnen und jüngst ein Bauunternehmen, das als Subunternehmer am Bau der Kristallhalle profitiert. Ganz Aserbaidschan hat sich in ein Familienunternehmen verwandelt. Was mit der einen Hand großzügig ausgegeben wird, wird mit der anderen wieder eingesackt, das gilt wohl auch für den Song Contest.


Khadija Ismailova erfuhr von Kollegen, dass Ilham Alijews Präsidialverwaltung mehrere Redaktionen anwies, über ihre „Unsittlichkeit“ zu schreiben. Wenn das stimmt, könnte die Anweisung aus dem geräumigen Büro von Ali Hasanov erfolgt sein, der in der Präsidialverwaltung für Politik und Medien zuständig ist. „Und wenn es denn so wäre?“, fragt Hasanov zurück. Er ist ein jovialer Bürokrat, mit gepflegtem Schnurrbart und einer dehnbaren Vorstellung von Meinungsfreiheit. Wenn Frau Ismailova die Regierung kritisieren dürfe, sagt Hasanov, dann dürfe doch wohl umgekehrt auch sie und ihre Lebensweise kritisiert werden, nicht wahr? Das sei gelebter Pluralismus – und die Dame im Übrigen gar keine Journalistin, sondern „eine Politikerin mit dem Stift in der Hand“. Aber natürlich sei die Kamera nicht von den Behörden installiert worden.

Seite 2: Meinungsfreiheit - nur ein leeres Wort?

Anfang Mai war Ali Hasanov in Genf, bei der European Broadcasting Union, die den Wettbewerb ausrichtet. Die EBU steht ebenso in der Kritik wie die Führung in Baku, schließlich ist sie ein Verband von Rundfunkunternehmen, Meinungsfreiheit sollte für sie kein leeres Wort sein. Es gab in Genf eine Diskussion dazu mit Bürgerrechtlern. Sechs Stunden lang wurde über die politischen Gefangenen geredet – laut Amnesty International sind es derzeit 17 –, über unaufgeklärte Morde an Journalisten, Hetzkampagnen und Gewalt. Hasanov war zufrieden mit dem Ergebnis der Diskussion. Es gab gar keins, sagen die Bürgerrechtler. Die EBU hielt sich nämlich bedeckt.


Unzufrieden dagegen ist Ali Hasanov mit der Kritik des Auslands. Im iranischen Täbris wurde gegen eine angeblich geplante Gay Parade in Baku demonstriert – „dabei weiß doch jeder, dass die Ajatollahs selbst alle schwul sind“, sagt Hasanov. Flugs hat man in Baku eine Gegendemo organisiert, mitsamt Collagen, auf denen Ajatollah Chameneis Gesicht auf einen nackten Oberkörper montiert war.

Aber das Verhältnis zu Iran ist ohnehin seit Langem angespannt. Das zu Deutschland dagegen hat sich erst jüngst getrübt, nachdem der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik, Markus Löning, die aserbaidschanische Führung scharf kritisiert hatte. Das Staatsfernsehen schlug zurück. Es zeigte, beispielsweise anhand von Bildern des Occupy-Camps, die angeblich furchtbaren Lebensbedingungen in Frankfurt am Main, und die Parteizeitung stellte den deutschen Botschafter neben Hitler und Bismarck.

Politik nutzt den ESC für ihre Zwecke

Nie käme die Opposition auf die Seiten westlicher Zeitungen, gäbe es nicht den Eurovision Song Contest, sagt Hasanov, sie nutze den Schlagerwettbewerb für ihre Zwecke. Das ist sicher richtig, genauso, wie ihn allerdings auch die Führung für sich nutzt. Es ist wie ein Tauziehen – und gegenwärtig steht es unentschieden, findet Rasul Jafarow. Er ist Sprecher einer Kampagne, die den Wettbewerb politisieren möchte. „Sing For Democracy“ will Sänger beim ESC dazu bringen, ihre Solidarität mit den politischen Gefangenen kundzutun – sei es in Worten, mit einem Anstecker oder einem T-Shirt. Drei oder vier Zusagen haben sie schon. Außerdem organisiert die Kampagne eine Pressekonferenz und ein Gegenkonzert, für das sie keine Genehmigung erwarten. Idealerweise, sagt Jafarow, sollten die Fernsehzuschauer für jene Sänger stimmen, die aus autoritären Staaten kommen. Dann würde künftig jeder ESC zur Chance, für die Demokratie zu singen.


Rasul Jafarov ist ein junger, ernster Jurist. Er ist politisch aktiv geworden, als 2005 im Nachbarland Georgien die jugendliche „Rosenrevolution“ siegte und ein ähnlicher Versuch in Baku scheiterte. Sechs düstere Jahre sind danach vergangen. Erst mit dem arabischen Frühling 2011 kam es wieder zu Protesten, und auch das ist schon wieder ein Jahr her. Jetzt ist Jafarov 27 Jahre alt, und alle Illusionen von einem schnellen Wandel sind verflogen. Wenn der Song Contest vorbei ist, dann werden im Land die Schrauben angezogen, vermutet er. Er ist nicht der Einzige, der so denkt.

Jamal Ali braucht sich deshalb keine Sorgen mehr zu machen. Er hat bekommen, wovon andere im Land nur träumen dürfen – ein deutsches Visum, ausgestellt zu seinem Schutz. Er hat sein Musikvideo hochgeladen, mit dem riesigen gemalten Stinkefinger am Schluss, und dann hat er Baku sofort in Richtung Berlin verlassen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum