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TV-Kritik RTL-Dschungelcamp Ein Therapiecamp für Verhaltensgestörte

Man stelle sich vor, jemand kehrt nach zehn Jahren in der Fremde ohne Medienkonsum, sagen wir im australischen Busch, nach Deutschland zurück und schaltet aus Versehen diese RTL-Show ein. Wie müssten die Bilder auf ihn wirken?

19.01.2013 08:42
Torsten Wahl
Zwei, die sich zur Therapie in den Dschungel begeben haben: Claudelle und Fiona.

„Liebe Zuschauer: Ihr dürft niemals ins Dschungelcamp gehen!“ Mit schreckgeweitetem Blick und einer stark gestörten Sprache will ein junger Mann namens „Joey“ die daheim Zuschauenden warnen. Offenbar ist ihm in den letzten Tagen Schreckliches widerfahren. Doch was führt RTL hier eigentlich vor? Werden die Bewohner oder Insassen des Camps gequält, sind sie überhaupt freiwillig hier?

Die Kleidung ist jedenfalls uniform wie im Knast: Sie tragen allesamt rote Turnhosen und schwarze Shirts. Auf der Rückseite sind Name und Telefonnummern groß aufgedruckt – sollen sie so für Fluchtversuche markiert werden? Doch was könnten die Gründe für die Einweisung der Probanden in das karge, allerorts von Kameras überwachte Camp gewesen sein?

Sühne oder Kur?

Manche scheinen eine Strafe sühnen zu müssen, andere müssen offenbar von schweren Störungen geheilt werden. So ist eine junge Frau namens „Fiona“ offenbar in ihrer Jugend von jeder Form von Schokolade ferngehalten worden. Ihre magere Figur spricht dafür. Um den Genuss von Schokolade zunächst in kleinen Dosen zu erlernen, haben ihr die Therapeuten aufgegeben, ein Kästchen mit Schokoriegeln mit Stangen mühsam aus der Höhe herabzuholen. Nach dem Erfolg brüllt Fiona, als wäre sie irre – die Therapeuten haben noch viel Arbeit vor sich.

Eine andere Probandin namens „Claudelle“ muss im Lager offenbar im Gespräch ihre frühere Naivität gegen Hochstapler aufarbeiten, ein Mann namens „Patrick“ soll durch den Anblick von leibhaftigen, knapp bekleideten Frauen von seiner Sucht nach Internet-Pornos kuriert werden.

Erste Erfolge sind bei „Georgina“ zu verzeichnen. Sie ignoriert inzwischen die Aufforderung, bei Gefahr den törichten Satz „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ zu rufen. Tapfer schreitet die junge Frau stattdessen durch Zimmer mit Krokodilen, Schlangen und Maden.

Bekämpfung des Starruhms?

Offenbar kann im Camp so die Einbildung eines vermeintlichen oder eingebildeten Starruhms wirksam bekämpft werden. Merkwürdigerweise aber bleiben ausgerechnet die beiden Personen mit den offenkundig größten Störungen außen vor, müssen nicht mal die rot-schwarze Uniform tragen.

Dabei sind die billige Häme und die üble Niedertracht, die eine schnippische Frau namens „Sonja“ und ihr eilfertiger Assistent namens „Daniel“ wie unter Zwang ununterbrochen von sich geben, noch bedenklicher als alle Probleme ihrer Probanden.

Wer diese Show zum ersten Mal sieht, fragt sich, warum diese beiden Figuren eigentlich nicht jene therapeutischen Ekelprüfungen absolvieren, in die sie ihre Kandidatin schicken. Komplett kuriert wurde immerhin schon ein Mann namens „Silva“: Er durfte auf Geheiß der Zuschauer das Camp verlassen und in ein Hotel umziehen.

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