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Papst Franziskus „Diese Wirtschaft tötet“

Papst Franziskus veröffentlicht ein sozialkritisches Lehrschreiben und proklamiert eine Reform der Kirche. Vieles von dem ist enthalten, was Papst Franziskus seit seinem Amtsantritt bei Audienzen und in Interviews bereits geäußert hat.

Meint es offenbar ernst mit Reformen: Papst Franziskus. Foto: dpa

Fast 200 Seiten lang ist das Dokument, das Papst Franziskus am Dienstag veröffentlicht hat. Es wird allgemein als eine „Regierungserklärung“ acht Monate nach seiner Wahl betrachtet. In dem päpstlichen Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ (Freude des Evangeliums) wird Franziskus seinem Ruf als Erneuerer und Reformer zumindest in Teilen gerecht. Vieles ist enthalten, was der Argentinier seit seinem Amtsantritt im März in Predigten, bei Audienzen und in Interviews bereits geäußert hat: die Forderung nach einer armen Kirche, die sich um die Armen und Schwachen kümmert, nach einer lebendigen Kirche mit „offenen Türen“, nach Priestern, die den Kontakt zu den Menschen suchen und wirkliche Seelsorge leisten, anstatt ihr Amt in „pastoraler Trägheit“ auszuüben.

Jetzt plädiert er für eine Reform der Kirche „auf allen Ebenen“ – einschließlich der eigenen, der päpstlichen. Auch seine Kritik am verbreiteten Konsumdenken, der Wohlstandskultur und der dominierenden Rolle des Geldes bekräftigt Franziskus – und er erweitert sie im Lehrschreiben zu einer Art Brandrede, in der er das Wirtschafts- und Finanzsystem grundlegend infrage stellt.

So sei die ungleiche Verteilung des Reichtums die wichtigste Ursache aller sozialen Übel und von Gewalt. „Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen“, schreibt der Papst. Sozialkritik hatten auch schon seine Vorgänger Benedikt XVI. und Johannes Paul II. geäußert. Aber Franziskus ist sehr viel deutlicher, direkter und schärfer. An anderer Stelle befindet er: „Diese Wirtschaft tötet.“ Alles drehe sich heute um Konkurrenzfähigkeit und das Gesetz des Stärkeren. „Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann.“

Kirche soll Neues riskieren

An die Ränder der Gesellschaft muss die Kirche gehen und alles in den Dienst der Schwachen stellen, fordert der Papst. Religion müsse Einfluss auf das soziale und politische Geschehen haben. Christen müssten sich aktiv für den Aufbau einer besseren Welt einsetzen und darauf hinwirken, dass niemand ausgeschlossen wird. Die Kirche soll dafür hergebrachte Positionen aufgeben und Neues riskieren: „Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straße hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist“, schreibt Franziskus.

Diese grundlegende Erneuerung der katholischen Kirche mit ihren weltweit 2,1 Milliarden Mitgliedern ist denn auch das Hauptanliegen des Papstes. In einen „Aufbruch“ will er sie führen, heraus aus verstaubten Strukturen in eine neue Dynamik. Dazu muss aus Franziskus’ Sicht vor allem die Freude am Glauben neu geweckt werden – worauf auch der Titel des Schreibens anspielt. „Ein Verkünder des Evangeliums darf nicht ständig ein Gesicht wie bei einer Beerdigung haben“, ermahnt der Papst die katholischen Priester.

Franziskus propagiert eine „Dezentralisierung“ der Kirche und strukturelle Reformen, die auch seine eigene Position nicht ausklammern: „Da ich berufen bin, selbst zu leben, was ich von anderen verlange, muss ich auch an eine Neuausrichtung des Papsttums denken.“ Ortsbischöfen und Bischofskonferenzen soll künftig mehr Entscheidungsspielraum eingeräumt werden. Auch die Gemeinden sollten „wagemutig und kreativ“ sein, die Initiative ergreifen und sich stärker einbringen, so der Papst.

In „Evangelii Gaudium“ beharrt Franziskus aber auch auf alten Positionen: Beispiel: Die Haltung zur Abtreibung könne keinen „mutmaßlichen Reformen oder Modernisierungen unterworfen sein“. Oder: Das Priesteramt für Frauen sei „eine Frage, die nicht zur Diskussion steht“. Ist er also doch im Herzen ein Konservativer? Er sei „einer, der sich all diesen Kategorien entzieht“, sagt der deutsche Pastor Bernd Hagenkord von Radio Vatikan.

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