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Papst-Amtseinführung Im Vatikan bricht eine neue Ära an

Bei seiner Amtseinführung zeigt Papst Franziskus deutlich, dass er sich deutlich von seinem Vorgänger abgrenzen will. Mit dem alternativen Stil setzt sich Franziskus selbst unter Druck - und muss mit Widerstand rechnen.

Papst Franziskus - unter ihm erhoffen sich viele Gläubige Reformen der katholischen Kirche. Foto: Getty Images

Viele einzelne Punkte in einer Reihe ergeben eine Linie. So ist auf dem Petersplatz in Rom wiederum hör- und sichtbar geworden, was Papst Franziskus seit seiner Wahl verfolgt: ein alternativer Stil, die Abkehr vom Byzantinismus um seine Person und eine inhaltliche Achsenverschiebung des Papstamtes.

Es genügte an diesem Dienstagmorgen ein einziger Blick auf Franziskus‘ Erscheinungsbild bei seiner feierlichen Amtseinführung, um das zu erkennen: Die von ihm gewählte liturgische Kleidung hätte kaum schlichter sein können: einfaches Weiß, eine schmale schwarz-goldene Borte auf Messgewand und Mitra. Das war es schon. Kein Spitzenunterkleid, kein edles Geschmeide, nicht Samt, nicht Pelz, ja nicht einmal die berühmten roten Schuhe, von denen zur Zeit Benedikts XVI. so viel die Rede gewesen war.

Insgesamt fiel das Outfit des Papstes, der als  Hauptzelebrant und Kirchenoberhaupt im Mittelpunkt des Interesses unzähliger Menschen auf dem Petersplatz und an den Fernsehbildschirmen in aller Welt stand, noch zurück hinter manchen geistlichen Würdenträger um ihn herum.

Wie anders die päpstliche Staffage auch ausfallen kann, das hat Benedikt XVI. vor acht Jahren vorgeführt. Er trug zur Amtseinführung ein goldgewirktes Messgewand samt  aufwändig bestickter und mit Perlen besetzter Mitra, dem traditionellen spitzen Bischofshut.

Natürlich ist der Kontrast in der Kleidung ein Symbol, mit dem Franziskus den Anbruch einer neuen Ära dokumentieren möchte. Wenn mit Blick auf seinen Vorgänger  vielfach und leichthin dessen „persönliche Bescheidenheit“ gerühmt wurde, so zeigt sich nun, dass sie bei Benedikt XVI. wie selbstverständlich einhergehen konnte mit einer scheinbar ungebremsten Entfaltung von Pracht und Prunk in der amtlichen Repräsentation. Dies entsprach Benedikts Verständnis vom Papstamt, es entsprach auch seiner auf Rom zentrierten Sicht der katholischen Kirche.

Franziskus will, das hat er inzwischen mehrfach betont, einen anderen Weg gehen. Nicht nur in den äußeren Zeichen, sondern auch programmatisch. So sprach er von sich selbst als „Bischof von Rom“, was er in der Tat ist. Aber für die Gesamtkirche ist er eben auch und vor allem der „Summus Pontifex“, der höchste Gesetzgeber, Lehrer und Richter. Doch  auf diese absolutistische Amtsfülle nimmt Franziskus bisher kaum Bezug. Die wesentlichen Begriffe in der Predigt zu seiner Amtseinführung lauten:  Diskretion, Sanftmut, Barmherzigkeit. Nicht dass solche Vokabeln in der Verkündigung seiner Vorgänger gefehlt hätten. Aber in Franziskus‘ Darlegung werden sie zu Leitworten des neuen Pontifikats.

Soziale Fragen stehen im Zentrum

In seiner „Hirtensorge“ sollen soziale und ökologische Fragen zentrale Bedeutung gewinnen. Auch das hat Franziskus in seiner Ansprache zum wiederholten Mal unterstrichen: Die Schöpfung  und die Schwachen zu behüten, sich um die Armen zu sorgen – das gehört im Anschluss an seinen Namenspatron, den hl. Franz von Assisi, zur Ausübung päpstlicher Macht, von der der neue Amtsinhaber sagte: „Die wahre Macht ist der Dienst.“

Der Papst bezog sich in seiner Predigt denn auch nicht so sehr auf den „Apostelfürsten“ Petrus, von dem das Papsttum seine Autorität ableitet. Er stellte vielmehr den hl. Joseph in den Mittelpunkt: eine „Alltagsfigur“, wie Franziskus es formulierte, ein Mann der Tat, der in der Kindheitsgeschichte Jesu still im Hintergrund als Beschützer seiner Braut Maria und des gemeinsamen Sohnes wirkt. Kein einziges Wort ist in der Bibel von Joseph überliefert. Ob das auch ein Zeichen für eine neue Zurückhaltung des päpstlichen Lehramtes sein könnte? 

Seit der Wahl Jorge Mario Bergoglios ist immer wieder die Frage nach der Prägung durch seine Herkunft aus dem Jesuitenorden gestellt worden. Ohne den Gründer der „Gesellschaft Jesu“, den hl. Ignatius von Loyola ausdrücklich zu erwähnen, hat sich Papst geistlich in seine Tradition gestellt. Um zu „behüten“, so der Papst, müssten wir Menschen auch auf uns selber achten. Aus solchen Worten spricht die große Intuition des Ignatius: die Entdeckung des Individuums und die Selbstprüfung des Einzelnen als „Exerzitium“, als „geistliche Übung“ vor Gott. So gesehen, sprach der neue Papst eher als „Exerzitienmeister“, als ein einfühlsamer geistlicher Begleiter denn  als „oberster Hirt“ und „höchster Lehrer“ der Kirche, wie seine Vorgänger das in ihren Eröffnungspredigten getan hatten. 

Der Papst muss mit Gegenwind rechnen

Es braucht keine prophetische Gabe, um Papst Franziskus Schwierigkeiten und Widerstände gegen die Durchsetzung seines beherzt in Angriff genommenen „New Deals“ vorauszusagen. Mit seinem Programm der Einfachheit und Schlichtheit trifft er im Vatikan auf eine über Jahrhunderte gewachsene Fülle künstlerisch-kulturellen Reichtums, ein ausgefeiltes Zeremoniell, einen opulenten Apparat. Anspruch und Wirklichkeit werden hier notwendig in ein Spannungsverhältnis geraten. Paläste sind nun mal keine Hütten. Und wer ein so machtvolles Amt innehat wie der Papst, muss bei allem Bemühen um „Güte, Sanftmut, Zärtlichkeit und Erbarmen“ auch einmal Strenge walten lassen oder unliebsame Entscheidungen treffen. 

Der Papst hat sich also in mehrfacher Hinsicht unter gewaltigen Druck gesetzt. Um unter seinen eigenen Verheißungen, den  hohen, schier übermenschlichen  Erwartungen nicht zu straucheln und einzuknicken, wird er starke Stützen brauchen. Als erste sind die gefordert, die ihn gewählt haben: die Kardinäle – ob als Chefs der vatikanischen Behörden oder Leiter der bedeutendsten Ortskirchen in aller Welt. Auf dem Petersplatz hat Franziskus seinen „Paladinen“ signalisiert, dass er sie nicht zu seinen Füßen haben will, sondern an seiner Seite. Den Kniefall als Unterwerfungs- und Gehorsamsgeste einiger Kardinäle versuchte der Papst mit sanfter Gewalt zu verhindern oder möglichst kurz zu halten. Und selbst der Kuss des Fischerrings, Insignie der päpstlichen Gewalt, schien ihm unangenehm zu sein.

Kardinäle, Bischöfe und auch das Kirchenvolk sollten schnell ihre Schlüsse daraus ziehen. Dieser Papst will nicht mehr die „Ecclesia triumphans“, die machtvoll auftrumpfende Kirche, sondern – wie es im Zweiten Vatikanischen Konzil heißt – die Kirche als „pilgerndes Volk Gottes“. Am Dienstagmorgen hat der Papst sich an die Spitze der Bewegung gesetzt.

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