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Der Papst in Deutschland Wie man Seliger wird

Mit Benedikt XVI. kommt jener Papst nach Deutschland, der den Faschistenkomplizen Pius XII. selig sprechen will. Pius hat als Papst zu den Gräueltaten und den Angriffskriegen Deutschlands geschwiegen.

21.09.2011 16:28
Von Karlheinz Deschner
Zum Niederknien? Anbetungswürdig gar? Papst Benedikt XVI. vor dem Grab von Papst Pius XII. an dessen Todestag, dem 9. Oktober. (Archivbild) Foto: Reuters

Mit Benedikt XVI. kommt jener Papst nach Deutschland, der den Faschistenkomplizen Pius XII. selig sprechen will. Pius hat als Papst zu den Gräueltaten und den Angriffskriegen Deutschlands geschwiegen.

Wenn man ihre Heiligenlegenden liest“, schrieb bereits vor 250 Jahren Claude Adrien Helvétius, der Freund Voltaires, „findet man die Namen von tausend heiliggesprochenen Verbrechern.“ Übertrieben? Doch begrüßt das offizielle Berlin nicht gerade in dieser Woche einen Papst, der auch noch den größten der klerikalen Faschistenkomplizen, Eugenio Pacelli, Papst Pius XII. (1939-1958), zur „Ehre der Altäre“ zu erheben sucht?

Seit den Nuntiaturen in München und Berlin von nicht wenigen gutgläubigen Germanen fast vergöttert, bewunderte Pacelli seinerseits die „großen Eigenschaften dieses Volkes“, wie gewiss nicht minder (und allen ideologischen Irritationen, allen Wunden des Kirchenkampfs zum Trotz) die großen Eigenschaften seines „Führers“, mit dem am 20. Juli 1933 das Konkordat geschlossen wurde, ein „unbeschreiblicher Erfolg“ für Hitler, verschaffte es ihm doch vor aller Welt Legalität. Pacelli hatte Hitler den Weg gebahnt, indem er die mit rheinischen Großindustriellen verbundene Zentrums-Partei, das politische Instrument der Kurie in Deutschland, „mehr nach rechts“ sich orientieren, „eine Regierung der Rechten“ bilden hieß. Verfechter eines autoritären Staates und einer autoritären Kirche, hatte er Hitler schließlich über seine Zentrumsfreunde Wilhelm Marx, Dominikaner-Terziar, dreimal deutscher Reichskanzler, über den Kirchenrechtsprofessor und Zentrumsvorsitzenden Ludwig Kaas, Päpstlicher Hausprälat und Apostolischer Protonotar, sowie über Franz von Papen, nachmaliger Päpstlicher Kammerherr und Stellvertreter Hitlers, auch entscheidend mit zur Macht verholfen, worüber der Nuntius in Berlin, Pacelli-Nachfolger Cesare Orsenigo, offen frohlockte.

Kurz darauf unterstützte Pacelli, nun einflussreicher Kardinalstaatssekretär Pius XI., Mussolinis abessinische Expansion, jenen traurig schmutzigen Triumph über ein hoffnungslos unterlegenes Volk mittels der Segnungen auch einer vatikanischen Munitionsfabrik, mittels Bombenflugzeugen, Madonnenbildern, Giftgas und Flammenwerfern, während er dies alles zugleich durch die Bischöfe Italiens als heilig, als Kreuzzug, Evangelisation und große zivilisatorische Wohltat an den äthiopischen „Barbaren“ propagieren ließ.

Und weiter gleich, Schlag auf Schlag, ein noch grandioseres, noch gnadenreicheres, 600?000 Spaniern das Leben kostendes Gemetzel, der Bürgerkrieg, global in eine „rote Weltrevolution“ umgelogen (unter 473 spanischen Parlamentsabgeordneten saßen 15 Kommunisten). Ein gar frommes Schlachten somit wieder, in dem Staatssekretär Pacelli die „sehr edlen christlichen Gefühle“ Francos feierte, eines Rebellen, der sich selbst „Kämpfer Christi“ und „Werkzeug der Vorsehung“ nannte und noch nach dem Krieg, laut Schätzungen des italienischen Außenministers Graf Ciano, täglich in Sevilla 80, in Barcelona 150, in Madrid 200 bis 250 Gefangene hinrichten, der allein in den ersten Jahren nach Ende des Bürgerkrieges bis zum Frühjahr 1942, da er auf Wunsch Pius XII. begann, „die alten christlichen Traditionen“ wieder aufzunehmen, mehr als 200?000 Menschen erschießen ließ.

Als Pacelli im März 1939 zum Papst aufstieg, war der deutsche Botschafter der erste, den er empfing, dem er seinen „tiefgefühlten Dank an den Führer und Reichskanzler“ zu übermitteln auftrug. Auch teilte er, wie er selbst hervorhebt, seine Wahl als erstem Staatsoberhaupt dem „Führer“ mit, übrigens, zusätzliches Zeichen besonderen Entgegenkommens, in deutscher Sprache, und legte auch „gleich zu Beginn Unseres Pontifikats Wert darauf, Ihnen zu versichern, dass Wir dem Ihrer Obsorge anvertrauten Deutschen Volke in innigem Wohlwollen zugetan bleiben“. Die Kontakte mit Hitlerdeutschland zu verbessern war „das ganze dringende Verlangen“ dieses Papstes, „Unser heißer Wunsch“. Und so tendierte Deutschlandexperte Pacelli, der von vornherein mit einem Sieg der deutschen Waffen und mit einer langen Dauer des Dritten Reiches rechnete, auch im Kirchenkampf stets zu Ausgleich und Vermittlung, forderte er die braunen Diktatoren zu einem hilfsbereiten „Zusammenwirken zum Nutzen beider Teile“, der Kirche und des Nazistaates, auf.

Kein Wort des Protestes

Ja, er war einverstanden, „auf Wunsch zu Verhandlungen nach Berlin zu kommen“, war „jederzeit zu einer Aussprache mit leitenden Persönlichkeiten, wie z.B. Reichausaußenminister und Ministerpräsident Göring, gern bereit“. Natürlich hatte er keine Sympathien für Hitlers Antiklerikalismus, natürlich hatte er diesen stets verdammt, aber er schätzte seine Vernichtung der Liberalen, Sozialisten, Kommunisten, nichts konnte ihm willkommener sein. Und so strebte er seit langem ein „Freundschaftsverhältnis“ zu Deutschland an, betonte er immer wieder, dass er es liebe, dass er sich „der Größe, des Aufschwungs und des Wohlstandes Deutschlands“ erfreue, dass er „ein blühendes, großes und starkes Deutschland“ wolle.

Wahrlich nicht nur einmal hatte er beteuert, wie sehr er Deutschland schätze und dass er gewillt sei, „für Deutschland viel zu tun“. Nicht nur einmal hatte er, wie bei seiner Thronbesteigung – nach immerhin siebenjähriger Terrorherrschaft, nach den Schrecken der Reichspogromnacht – „mit den besten Wünschen den Schutz des Himmels und den Segen des allmächtigen Gottes“ auf Hitler herabgefleht. Ließ er ja auch jahrelang gnädigst die Glückwünsche, Dankgottesdienste, die Freudenbekundungen und Jubelrufe seiner Bischöfe auf Hitler herabregnen, bei dessen Geburtstagen, Errettungen vor Attentaten, militärischen Siegen.

„Wir haben Deutschland, wo Wir Jahre Unseres Lebens verbringen durften, immer geliebt, und Wir lieben es jetzt noch viel mehr.“ Jetzt – das war zwischen der Zerschlagung der Tschechoslowakei und dem bevorstehenden Angriff auf Polen (1938/39). Jetzt – das war wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, als er auch betonte, dass der „Führer“ das legale Oberhaupt der Deutschen sei und jeder sündige, der ihm den Gehorsam verweigere. Aber protestierte er wenigstens jetzt? Mit keinem Wort. Nicht einmal – vor allem wohl infolge oft deklarierter kirchenpolitischer Interessen und Rücksichten – gegen die Verfolgung der Juden, ihre, bald schon europaweite, Massenvernichtung. Selbst als England und Frankreich darauf bestanden, er möge Deutschland als Angreifer erklären, lehnte er ab. Hatte er doch schon Mitte August Hitlers Botschafter Diego von Bergen versichert, er werde sich jeder Verurteilung Deutschlands enthalten, wenn es Polen bekriege.

Mehr belastet als jeder andere Papst

Dafür fehlte es ihm nach Hitlers Überfall auf Russland nicht an „Lichtblicken“, erhob sich sein Herz „zu großen, heiligen Erwartungen...“, mitten im Krieg – 25.000 Tote täglich, Tagesumsatz zwei Milliarden Mark; er selbst, beiläufig, hinterließ ein Privatvermögen von achtzig Millionen in Gold und Valuten – ja, mitten im großen Krieg verlockte ihn jetzt die Vernichtung des Kommunismus, verlockte die Katholisierung des Balkans, wo die Paveli?-Ustascha bereits kaum ausdenkbar blutrünstig missioniert hatte, verlockte die Unterwerfung der Russisch-Orthodoxen Kirche. So war der Papst voller „Bewunderung großer Eigenschaften des Führers“ und wünschte, wie er gleich durch zwei Nuntien (in Vichy und in Madrid) zum Ausdruck brachte, „dem Führer nichts sehnlicher als einen Sieg“.

Schon vor fast einem halben Jahrhundert beendete ich mein Buch „Mit Gott und den Faschisten“ mit einer Prognose, der ich angesichts der von Benedikt XVI. geplanten Seligsprechung Pius XII. nichts hinzuzufügen habe:

„Erwägt man das Verhalten Eugenio Pacellis zur Politik von Mussolini, Franco, Hitler und Paveli?, so scheint es kaum eine Übertreibung zu sagen: Pius XII. ist wahrscheinlich mehr belastet als jeder andere Papst seit Jahrhunderten. Mittelbar und unmittelbar ist er so offensichtlich in die ungeheuersten Gräuel der faschistischen Ära und damit der Geschichte überhaupt verstrickt, dass es bei der Taktik der römischen Kirche nicht verwunderlich wäre, spräche man ihn heilig.“

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