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Interview mit Concordia-Passagier "Es hätte keiner sterben müssen"

Michael Liessem gehörte zu den Passagieren, die an Bord der „Costa Concordia“ waren. Für den Elektronik-Händler aus Mechernich (Eifel) war es die 40. Kreuzfahrt seines Lebens. Bei Markus Lanz im ZDF erhob er schwere Vorwürfe gegen die Besatzung.

19.01.2012 18:07
Michael Liessem (49) war 40 Mal an Bord eines Kreuzfahrtschiffs und hat die nächste Reise schon gebucht. Foto: express

Wir dokumentieren Auszüge des Gesprächs.

Herr Liessem, wo waren Sie, als es um 21.30 Uhr zu dem Zusammenstoß kam?

Meine Frau und ich kamen vom Abendessen und standen gerade vor unserer Kabine. Auf einmal neigte sich das Schiff zur Seite, zur linken Seite.

Was haben Sie gedacht, was da passiert war?

Mein erster Gedanke war, da gibt es Probleme mit den Stabilisatoren oder das Schiff hat eine große Welle oder einen ordentlichen Windstoß abgekommen. Das Schiff ist ja recht hoch und schwankt schon mal. Ich habe auch an einen technischen Defekt gedacht.

Haben Sie den Eindruck, dass das, was bisher berichtet worden ist, dem entspricht, was tatsächlich vorgefallen ist?

Meiner Meinung nach ist das eine falsche Darstellung der Ereignisse. Als das Schiff sich neigte, hatten wir den ersten Stromausfall an Bord, das Licht ging dann wieder an, und es kam sofort der Alarm, sieben kurze Töne, ein langer Ton, das heißt: Schwimmweste an und zum Rettungsboot. Das ist auch in dem Moment direkt passiert.

In Grafiken sieht man, dass sich das Schiff nach rechts neigte.

Das ist falsch, das Schiff neigte sich zu der anderen Seiten und verharrte in dieser Position, in einer moderaten Schräglage.

Wie lange ungefähr?

Eine halbe bis dreiviertel Stunde blieb das Schiff so liegen. Die Passagiere waren in der Zwischenzeit alle zu den Rettungsbooten geeilt. Auf Deck 4 standen die Leute und warteten auf das Einsteigen in die Rettungsboote.

Wie ging es dann weiter?

Während wir dort standen und warteten, evakuiert zu werden, richtete sich das Schiff langsam wieder auf, kam also auf den normalen Stand. Da sagte ich noch zu meiner Frau: „Siehste, alles im Griff.“ Dann kam die Aufforderung, wir sollten wieder reingehen, es bestehe keine Gefahr mehr, das Problem sei unter Kontrolle.

Also zurück in den Innenraum?

Genau, und da saßen die Leute tatsächlich und warteten, obwohl sich das Schiff in die andere Richtung neigte. Meine Frau und ich sind nicht in die Innenräume gegangen, weil da schon alles durch die Gegend flog, in den Geschäften flogen die Regale um. Und die Leute warteten. Bis endlich jemand sagte, sie müssten wieder raus. Da hatte das Schiff schon eine bedenkliche Schräglage. An Deck vier hieß es dann, als wir in die Rettungsboote wollten, es gäbe noch keinen Befehl.

Hat sich dann allmählich Panik breitgemacht?

Genau, es hat anderthalb Stunden gedauert, bis wir einsteigen konnten. Wir haben das vorletzte Rettungsboot erwischt.

Sie hatten offensichtlich großes Glück.

Was mich wahnsinnig aufregt: Es wurden ja Opfer mit Schwimmwesten in ihren Kabinen gefunden. Hätte es den Befehl nicht gegeben, zurück in die Kabinen zu gehen, dann hätte keiner sterben müssen.

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