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AKW Fukushima Kampf gegen die Folgen der Katastrophe

Die Atomruine Fukushima ist auch vier Jahre nach der Katastrophe ein Ort der fürchterlichen Superlative. 7000 Arbeiter kämpfen weiterhin täglich damit, die Folgen der Katastrophe auf der Anlage zu bewältigen.

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Takayuku Ueno betet in seinem Haus, das nun ein Schrein für seine tote Familie ist. Er sucht weiter nach seinem damals dreijährigen Sohn. Foto: AFP

Olympia in Fukushima? Echt: Die 280 000-Einwohner-Stadt, rund 60 Kilometer nordwestlich der Atomruinen gelegen, würde 2020 gerne einige Wettbewerbe ausrichten, wenn die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden. Fukushima sei nach dem Tsunami und der Atomkatastrophe von 2011 zwar „immer noch in der Aufbauphase“, hieß es jetzt dort im Rathaus. Dennoch träume man davon, „hier Weltklasse-Athleten willkommen zu heißen“. Um die „schädlichen Gerüchte“ über die Stadt zu widerlegen. Und man werde sich freuen, wenn die Sportler und Zuschauer dann auch die lokal erzeugten Lebensmittel verzehren würden, sagte ein Sprecher. Die seien nämlich von den Strahlenwerten her „unbedenklich“.

Beruhigen, beschönigen, beschwichtigen. Das Vorgehen ist bekannt. Als Japans Ministerpräsident Shinzo Abe 2013 Tokios Bewerbung vor dem IOC begründete, sagte er den berühmten Satz „Die Lage in Fukushima ist unter Kontrolle“. Wirklich unter Kontrolle war sie damals nicht, und auch heute – vier Jahre nach dem Super-GAU – kämpfen rund 7000 Arbeiter weiterhin täglich damit, die Folgen der Katastrophe auf der Anlage zu bewältigen.

Und das wird noch mindestens bis Mitte dieses Jahrhunderts so weitergehen. Japanische Wirtschaftsforscher kalkulieren, dass das den Staat umgerechnet 75 Milliarden Euro kosten wird. Hinzu kommen 110 Milliarden für die Säuberung der kontaminierten Region rund um den AKW-Standort, aus der rund 150 000 Menschen dauerhaft evakuiert wurden.

Inspektoren der Internationalen Atombehörde (IAEA) haben Fukushima kürzlich inspiziert. Delegationsleiter Juan Carlos Lentijo attestierte Betreiber Tepco, er habe „erhebliche Fortschritte“ bei den Vorbereitungen für die eigentlichen Abwrackarbeiten gemacht. Tatsächlich hat der Stromkonzern die Strahlenbelastung in vielen Bereichen des Geländes senken können; große Teile des strahlenden Schutts wurden beseitigt. Und eine andere heikle Operation gelang: Ende 2014 konnten rund 1535 Brennelemente aus einem Abklingbecken und einem anderen Lager im Gebäude von Reaktor vier geholt werden, das seit dem Erdbeben einsturzgefährdet ist – ohne dass erneut Radioaktivität austrat. Das sei ein „Meilenstein“ gewesen, sagte Lentijo.

Doch das bedeutet keine Entwarnung. „Sehr komplex“ sei die Lage in Fukushima weiterhin, meinte der Experte. Eine ziemliche Untertreibung. Tatsächlich kämpft Tepco weiter mit den Unmengen verstrahlten Wassers, die auf der Anlage gelagert sind. Rund 590 000 Kubikmeter davon wurden bisher in Lagertanks überall auf dem Gelände gepumpt. Über 600 000 Liter kommen täglich hinzu – die eine Hälfte ist Wasser, mit dem Tepco die geschmolzenen Kerne der Reaktoren eins bis drei weiterhin kühlen muss, die andere Grundwasser, das durch Lecks und Risse in die Keller der AKW drückt und dort kontaminiert wird.

Inzwischen gibt es mehrere Anlagen, die Nuklide wie Cäsium und Strontium ausfiltern. Ursprünglich hieß es, das Wasser in den Tanks sollte dieses Frühjahr weitgehend gereinigt sein. Vorige Woche hieß es dann Mai 2016. Da der Platz für neue Tanks fehlt, dürfte es in der zweiten Jahreshälfte 2015 kritisch werden. Dann bliebe als Lösung nur, weitgehend gereinigtes Wasser, dass aber noch radioaktives Tritium enthält, ins Meer abzulassen. Dagegen opponieren vor allem die Fischereiverbände der Region.

Das Wasserproblem wird Tepco noch Jahre beschäftigen. Der Versuch, das Grundwasser mit einer gigantischen unterirdischen „Eismauer“ – 1500 Meter lang, 200 Meter tief – abzuhalten, hat sich als weit schwieriger herausgestellt als erhofft. Seit einem Dreivierteljahr verlegt Tepco Rohrleitungen, durch die später eine Kühlflüssigkeit mit minus 30 Grad Celsius fließen soll. Ob die Vereisung noch dieses Jahr starten kann, ist aber fraglich.

Doch selbst diese Probleme sind gering, verglichen mit der wohl schwierigste Aufgabe in Fukushima: der Beseitigung der geschmolzenen Reaktorkerne. Die Arbeiten dazu sollten ursprünglich 2020 beginnen. Jetzt peilt Tepco 2025 an. Die Brennstäbe in den Reaktoren eins bis drei schmolzen bei dem Super-GAU ganz oder teilweise und fraßen sich in den Boden der Reaktordruckbehälter, wo sie sich vermutlich mit dem Stahl und dem Beton der Schutzhülle zu einer hoch radioaktiven Masse vermischten. Wie es im Innern der Meiler aussieht, weiß keiner. Die Strahlung ist viel zu hoch. Tepco hofft, Arbeiten mit Robotern durchführen zu können, die wenigstens ein paar Stunden in der Strahlung durchhalten können. Wenn möglich, will man die Leckagen abdichten, durch die bisher das Kühlwasser unkontrolliert abfließt. Tepco hofft, die Reaktordruckbehälter dann mit Wasser zu fluten und die Kernschmelze, dadurch abgeschirmt, bergen zu können.

Viele Atomexperten sind skeptisch. Diplom-Physiker Christoph Pistner vom Öko-Institut in Darmstadt sagt: „Ob das so funktioniert, steht in den Sternen.“ Alle bisherigen Zeitpläne seine nicht mehr als Annahmen. Auf jeden Fall werde die Fukushima-Sanierung ein Jahrhundertprojekt.

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