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Absturz-Berichterstattung „Hinschauen ist ein Reflex“

Der Medienethiker Alexander Filipovic erklärt, wie und warum über den Germanwings-Absturz berichtet wurde. Hinschauen und Hinterfragen sind professionelle Reflexe des Journalisten, so Filipovic.

Echter Mehrwert oder endlose Wiederholung? Auflauf der Journalisten nahe der Absturzstelle in den französischen Alpen im März 2015. Foto: rtr

Professor Filipovic, nach dem Absturz von 4U 9525 wurde Kritik an der Art der Berichterstattung laut. Gibt die Trauerfeier den Medien Gelegenheit zur Wiedergutmachung?
Mit diesem Wort „Wiedergutmachung“ legen Sie nahe, dass es dazu enorm viel Anlass gäbe. Das sehe ich aber nicht so. Im Großen und Ganzen haben die Journalisten gut und anständig gearbeitet.

Dann können wir Medienleute ja ganz beruhigt sein – das ist auch eine Form der Medienethik!
Warum so süffisant? Ich bin als Medienethiker doch weder Journalistenpolizist noch Therapeut, der Journalistenseelen streicheln müsste. Zudem bestreite ich ja gar nicht, dass es Fehlleistungen gegeben hat wie zum Beispiel die Art, in der Journalisten den trauernden Mitschülern der Absturzopfer in Haltern auf die Pelle gerückt sind.

Oder die Belagerung des Hauses, in dem die Eltern von Copilot Andreas L. leben.
Ich verstehe, dass diese Bilder eine gewisse Abscheu auslösen. Andererseits verstehe ich, dass eine Redaktion sagt: „Da muss einer von uns hin. Vielleicht tut sich da etwas.“ Hinschauen und wissen wollen sind professionelle Reflexe des Journalisten.

Was ist mit der Identität des Copiloten, der den Absturz verursacht hat? Vielen Medien war sein voller Name zu entnehmen.
Ob Medien die Persönlichkeitsrechte des Copiloten und seiner Angehörigen schützen, entscheidet sich doch nicht allein daran, ob sie seinen Namen ausschreiben oder abkürzen. Es geht vielmehr darum, die vielen Unbekannten zu Krankheit und Motivlage zu benennen, statt zu spekulieren, und auf hysterisch-alarmistische Beiträge über angebliche Bedrohungen durch Suizidgefährdete zu verzichten. Das hat viel an Verständnis für diese Gruppe kaputtgemacht. Also, es ist vieles falsch gelaufen. Ich glaube nur, dass die kritische Reflexion im Moment eines solchen Geschehens von Nachrichten-Journalisten fast zu viel verlangt. Und die agieren auch nicht anders als früher.

Ist das womöglich das Problem? Ein Gefühl beim Publikum, die Medien machten immer weiter, was sie wollten, ohne Rücksicht auf Verluste?
Das mag sein. Aber Journalisten sollen eben auch manchmal gerade nicht zimperlich sein, etwa wenn es um das Aufdecken von Korruption und Ungerechtigkeit geht. Andererseits sollten sie keinesfalls rücksichtslos sein, wenn es um die Persönlichkeitsrechte von Menschen geht. Impertinenz und Achtsamkeit – beides muss in den Medien zum Zuge kommen. Einfach ist das nicht und Kritik am Verhalten der Medien muss immer möglich sein.

Was hat sich dann noch verändert, dass der Zorn heute ungleich größer ist?
Die Möglichkeit, Medienkritik über das Internet und die sozialen Netzwerke in Echtzeit einzuspeisen. Der Filter des zeitlichen Abstands ist komplett entfallen. Es gibt heute bei jedem größeren Geschehnis, über das Medien berichten, sozusagen den Live-Ticker des Medienkritikers parallel zum Live-Ticker selbst. Das alles im Modus der Empörung, was das Karussell der Emotionen am Ende eher noch beschleunigt als bremst. Diese Art der Medienkritik verschlimmert die Dinge, statt sie zu bessern.

Und über die digitalen Verbreitungswege wird transportiert, was es ohne sie gar nicht gäbe?
Genau. Noch einmal: Es gibt gewiss genug auszusetzen am Journalismus. Aber ich möchte ungerechtfertigter Kritik und maßloser Verdammung journalistischer Arbeit entgegentreten. Nicht zuletzt deshalb, weil es den Stichwortgebern für Haudrauf-Kritik à la „Schund- und Lügenpresse“ gar nicht um den Journalismus an sich geht. Sie wollen die Demokratie angreifen, für die das offene Wort und die freie Presse konstitutiv sind.

Die freie Presse hat sich mit dem Pressekodex Grenzen gesetzt und auf die Einhaltung ethischer Standards verpflichtet. Sind diese noch zeitgemäß?
Kodifizierte Regelwerke haben immer Nachbesserungsbedarf, um auf der Höhe zu bleiben. Es wäre sicher sinnvoll, die Bedingungen von Digitalisierung und Echtzeit-Kommunikation im Standeskodex der Medien zu berücksichtigen. Dabei könnte man am besten gleich umzubenennen: „Pressekodex“, das klingt doch nach Weimarer Republik, nicht nach 21. Jahrhundert. Nur ist mit einer Neuformulierung des Pressekodex allein natürlich noch nicht die Welt des Qualitätsjournalismus gerettet. Die Sache verhält sich eher anders herum: Gute journalistische Arbeit lässt sich im Ergebnis auch in Regeln fassen.

Formulieren Sie im Licht der jüngsten Erfahrungen doch mal eine!
Selbst in solch angespannten Situationen überlegen: „Bieten wir einen Mehrwert an Information, wenn wir solche Bilder auch bringen? Oder folgen wir damit nur dem Konkurrenzdenken oder einem ökonomischen Impetus?“ Es bekäme der öffentlichen Kommunikation gerade gut, wenn nicht immerzu auf allen Kanälen das Gleiche gesendet und geschrieben würde. Das hieße dann für Redaktionen: Einen Gang herunterschalten. Nichts bringen, nur weil es bei den Kollegen vom Sender X oder der Zeitung Y auch schon zu sehen war! Lieber warten, bis es wirklich etwas Neues gibt.

Sie fordern zur Passivität auf?
Nein, zu einer anderen Form der Aktivität. Ein ganz einfaches Beispiel: Was sollen unendliche Live-Strecken zu einem Ereignis, zu dem die Reporter nichts Neues zu zeigen und zu sagen haben? Dann doch lieber das vorgesehene Programm ausstrahlen mit einem Laufband am Bildrand, „Wir unterbrechen diese Sendung, sobald wir neue Informationen für Sie haben“. Das wäre ein so simples wie wirkungsvolles Mittel zur Entschleunigung und Enthysterisierung.

Das Gespräch führte Joachim Frank.

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