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DJ Ötzi Der Leise im Lauten

Sein Heimatdorf im Ötztal hat Gerry Friedle als Jugendlicher verlassen. Als DJ Ötzi lässt er seit mehr als 20 Jahren die Menschen in den Gaudi-Tempeln zu seinen Hits tanzen. Begegnung mit einem Widersprüchlichen.

Berge
Über allen Gipfeln ist Ruh‘ – und die findet Gerry Friedle auch beim Stanglwirt, am Fuße des Wilden Kaisers. Foto: Boris Halva

Vergelt’s Gott. Er sagt das leise, sanft, fast ehrfürchtig. Wie ein kleiner Junge, gefallen aus einer Zeit, in der die Kirche noch das Herz des Dorfes war, hier heroben, zwischen den Bergen, die das Ötztal so eng umstehen und den Menschen Halt geben, sie aber auch erdrücken können. Wie ein kleiner Junge hat er bis eben auf dem Stuhl gesessen und der Stubenmusik gelauscht, die Hände im Schoß, die Augen geschlossen, mal lächelnd, mal leise mitjodelnd. Jetzt steht Gerry Friedle auf und drückt dem älteren Herrn im Wildlederjankerl, der ihm gerade zu Harfen- und Gitarrenklängen ein Ständchen dargebracht hat, die Hand. Er hält sie lange, innig. Und sagt dann noch einmal: Vergelt’s Gott. Als würde er sich für etwas bedanken, was weit über diesen Moment hinausweist.

Am Morgen nach dieser kleinen Feier sitzt Gerry Friedle im wuchtigen Sessel in der Bibliothek. Die ist einer seiner liebsten Plätze beim Stanglwirt, seinem Wohnzimmer, wie er das Fünf-Sterne-Hotel nennt, in dem die internationale Prominenz aus Politik, Sport und Showgeschäft in edel-rustikalem Ambiente entspannt. Draußen vorm Panorama-Fenster: der Wilde Kaiser. Seine hellgrauen Zinnen ragen in den blauen Himmel. Nicht weit von hier, in St. Johann, kam Gerhard Friedle im Januar 1971 zur Welt. Seine Mutter, selbst fast noch ein Kind, gab ihn in eine Pflegefamilie; als Bub brachte ihn sein leiblicher Vater, der erst kurz zuvor erfahren hatte, dass er einen Sohn hat, zu seinen Eltern ins Ötztal. 

Ruhig, beinahe tonlos erzählt Gerry Friedle von seiner Kindheit in den Bergen, dem hartherzigen Großvater, der gutmütigen Großmutter, die so voller Sorge war um ihren Enkel mit der vom rauen Dorfleben wund gescheuerten Seele. Er erzählt das, während im Aschenbecher vor ihm Zigarette um Zigarette verglüht und es scheint, als gäbe ihm die schmale Rauchsäule, die vor ihm aufsteigt, inneren Halt. Er sei so voll Zorn gewesen, sagt Gerry Friedle, dass er nicht anders konnte, als das Tal zu verlassen. Einfach weg. 

Heute, knapp 30 Jahre später, weiß er, dass Zorn – ebenso wie Angst – ein schlechter Berater ist. „Aber ich weiß auch, dass ich gehen musste, um Leute zu finden, die mich verstehen. Ich war kein Visionär, aber ich war ein Freigeist und hatte Ideen. Ich dachte, ich kann die Welt erobern – aber bin dann schon nach ein paar Kilometern auf die Schnauze gefallen.“ 19 oder 20 Jahre alt war er da. „Ich hab alles hingeschmissen, alles, und bin auf der Straße gelandet.“ – Er hält inne. Schweigt.

Herr Friedle, Sie haben einmal gesagt, diese Erfahrungen waren besonders prägend und wichtig für Sie. Warum?
In dieser Zeit habe ich ein Mädchen kennengelernt, das ich gerne beeindrucken wollte – nur, ich hatte nichts zum Beeindrucken, gar nichts. Aber ich wusste, sie fährt auf Janis Joplin ab. Und dann bin ich auf die Bühne und hab Bobby McGee zu meinem Song gemacht. Und als ich den Applaus gehört habe, da habe ich gemerkt, ich kann wohl doch etwas, was anderen gefällt. Es ging mir in diesem Moment nicht darum, berühmt zu werden. Ich wollte einfach erst mal auf die Bühne.

Was ja eine schöne Art ist, die Liebe und Anerkennung zu bekommen, die Ihnen bis dahin verwehrt geblieben war.
Vielleicht, aber das war mir damals nicht bewusst. Es war wohl eher so, dass ich gemerkt habe: Hier oben zu stehen tut mir gut. Das war keine Berechnung, auch wenn die Sehnsucht nach Liebe damals sicher ein starker Antrieb war. Es war so, wie es war. Und es war schön zu bekommen, was ich mir gewünscht habe. Aber ich bin auch immer wieder kritisiert worden für das, was ich tue. Einer hat mal gesagt, ein Zwerg ist auf dem Berg immer noch ein Zwerg. So auf die Art.

Sie sind seit fast 20 Jahren einer der erfolgreichsten Musiker im deutschsprachigen Raum – kann so eine Kritik Sie überhaupt noch treffen? 
Sicher, ich hab ja keine schlechten Absichten gehabt. Ich wollte den Leuten nur ein gutes Gefühl geben, ein Gegenüber, mit dem sie Spaß haben. Heute schreibt keiner mehr so was, aber damals hat mir das schwere Zeiten bereitet.

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