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Die pubertierende Republik 40 Jahre Schulmädchenreport

Vor 40 Jahren kam der erste Schulmädchenreport in die deutschen Kinos. Wir erklären, wie ein Sexfilm zum erfolgreichsten deutschen Kinoprodukt aller Zeiten werden konnte und analysieren die ersten Auftritte späterer Schauspielstars.

26.10.2010 12:02
Rudolf Novotny
Heiner Lauterbach war in gleich drei Schulmädchenreports dabei und abonniert auf die Rolle des Frauenverstehers. Foto: Kinowelt

Zuerst die Zahlen: übersetzt in 38 Sprachen, 100 Millionen Zuschauer. Alle 13 Teile zusammen: das erfolgreichste deutsche Kinoprodukt aller Zeiten. Der erste Teil: mit sechs Millionen Zuschauern einer der fünf erfolgreichsten deutschen Filme. Und dabei fehlen in dieser Rechnung noch all jene Sexfilmchen, die nach Erscheinen des ersten Schulmädchenreports im Oktober 1970 (Titel: „Was Eltern nicht für möglich halten“) hastig abgedreht wurden.

Auf einer wissenschaftlich umstrittenen Interviewsammlung über die Sexualität von Schülerinnen im Alter von 14 bis 20 basierte der erste Film. Im Stile einer Dokumentation gedreht, wurde er zusammengehalten durch eine Rahmenhandlung, innerhalb derer sich Sexszenen („Renate, 18“, verführt den Busfahrer) und scheinbar spontane Straßenumfragen („Können Sie sich vorstellen, mit Prostitution Ihr Geld zu verdienen?“) abwechselten.

„Terra Incognita“, sei Sexualiät damals gewesen, erklärte Wolf C. Hartwig, Produzent der Reihe, neulich in einem Interview, „total verklemmt“ die Gesellschaft. Die Lücke zwischen zur Schau gestellten kleinbürgerlichen Moralvorstellungen und unterdrückter Lust, glaubt der heute 91-Jährige, die habe sein Report gefüllt. Und: „Die Sexfilmwelle hat die Einstellung zur Sexualität verändert.“

Tatsache ist, dass der Erfolg des Schulmädchenreports eine gesellschaftliche Dimension hatte. Es war der richtige Film für ein Land in der Pubertät, für eine Gesellschaft, die sich gerade erst von Überkanzler Konrad Adenauer gelöst hatte und begann, die Möglichkeiten einer demokratischen Verfassung auszutesten. Die Jugend schritt dabei voran, begleitet von einer Handvoll älterer linker Vordenker, und zunehmend entfremdet von den eigenen Eltern. Die waren nicht nur anders aufgewachsen, sondern durch Krieg und Holocaust auch sprachlos und diskreditiert. Das Gespräch zwischen den Generationen bestand aus Vorwürfen, das Erklären einer Jugend, die sich für Kommunismus und Kommune begeisterte, übernahmen die Massenmedien. Dabei kümmerte sich die Bild-Zeitung um den politischen Aspekt, der Schulmädchenreport um die Sexualität.

Dass der Adressat der Filmchen die Elterngeneration war, zeigt nicht nur der pseudo-wissenschaftliche Aufklärungston, mit dem die Fummeleien aus dem Off kommentiert wurden, und der sich direkt an Mütter und Väter wendete; sondern auch das Gesellschaftsbild, das die Filme transportierten. Da verführt die Schülerin Marlene, die ihre „Beine nicht zusammenhalten“ kann, den Turnlehrer, eine andere den Bademeister. Und wenn gerade kein älterer Herr zur Hand ist, dann muss der Rüssel des Stoffelefanten herhalten. Auch von Prostitution sind die Mädchen begeistert – es macht schließlich Spaß. „Kleinbürgerlich-patriarchale Männer- und Altherrenfantasie“, nannte die Wissenschaftlerin Annette Miersch, die den Report auswertete, die Filme.

Die schwitzige Spießigkeit des Schulmädchenreports veränderte also nicht die öffentliche Moral – dass er erschien, zeigte eine veränderte öffentliche Realität. Eine fortschrittlichere Realität, die jedoch auch eine Kehrseite hatte.

Zwischen 16 und 19 Jahre alt waren die Protagonistinnen, meist Verkäuferinnen, geködert mit einer Tagesgage von 500 Mark. 16-jährige Darstellerinnen in einem Softporno? Damals allgemein akzeptiert. Die rigide Moral der 50er schlug um in das Anything goes der 70er, einem Jahrzehnt, in dem sexuelle Grenzen überschritten wurden, die heute als Tabu gelten. Vorfälle, wie der jüngst publik gewordene Missbrauch Minderjähriger an der Odenwaldschule zeugen von der Gesellschaft, die ihre Grenzen erst finden musste.

Und sie nach einem Jahrzehnt der Suche schließlich fand. 1980 wurde der letzte Schulmädchenreport in den Kinos gezeigt. Der Titel: „Vergiss beim Sex die Liebe nicht.“

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