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Diätwahn Der Schlankmacher

Wolf Funfack begann als Landarzt, inzwischen befolgen Hollywoodstars seine Diät-Regeln

02.11.2011 17:04
Katia Meyer-Tien
Abnehmen um jeden Preis. Wolf Funfack hat die Metabolic Balance Diät erfunden, eine Trenddiät, über die auf Bürofluren und sogar bei Dreharbeiten von großen Filmen gesprochen wird. Foto: dpa-tmn

Wolf Funfack lässt sich ein Glas Wasser bringen. Es eigentlich die Zeit für eine Tasse Tee oder einen kräftigen Kaffee, aber der Mediziner hält nichts davon in den Stunden zwischen den Mahlzeiten. Nach dem Mittagessen mal einen Espresso, das rege die Verdauung an, sagt er. Aber Kaffee zwischendurch, womöglich noch mit Zucker, das treibe den Insulinspiegel hoch, mache hungrig und stoppe die Fettverbrennung.

Wolf Funfack ist gleich bei seinem Thema, bewusste Ernährung. Der Internist hat die Metabolic Balance Diät erfunden, eine Trenddiät, über die auf Bürofluren und sogar bei Dreharbeiten von großen Filmen gesprochen wird. Deutsche Schauspieler wie Armin Rohde und Hollywood-Stars wie Jennifer Aniston und Kate Winslet haben angeblich schon nach Regeln von Funfack gelebt. Vor einigen Wochen bezeichnete die Süddeutsche den Ernährungsexperten euphorisch als den „Messias für Mollige“.

Experten haben Zweifel

Funkfack will keine Namen von Prominenten nennen, aber es gäbe da noch mehr, sagt er nur. Schon erstaunlich, was dem bayerischen Landarzt gelungen ist. Begonnen hat alles vor mittlerweile 35 Jahren. Funfack schrieb seine Doktorarbeit über Adipositas, also Fettleibigkeit, im Kindesalter, wurde Internist im oberbayrischen Isen und behandelte unzählige Menschen mit Übergewicht. „Das war sehr frustrierend“, sagt er, „nach einem halben Jahr waren die Leute wieder bei mir: Jojo-Effekt“. Das muss sich doch ändern lassen, dachte Funfack und entwickelte seine Theorie: Um Nahrungsmittel abzubauen, braucht der Körper Hormone. Die kann er selber produzieren, wenn er die geeigneten Baustoffe bekommt. Der Schlüssel zum Abnehmen muss also in der Ernährung liegen, und darin, den Stoffwechsel optimal einzustellen, dachte er sich. Er untersuchte Blutproben, wälzte Bücher, und begann dann, individuelle Ernährungspläne zu erstellen. Die Idee: Führt man dem Körper für einen gewissen Zeitraum nur die Stoffe zu, die er wirklich braucht, regeneriert sich der Stoffwechsel und der Patient – heute sagt Funfack lieber „Klient“ – nimmt ab.

Viele Experten halten seine Theorie allerdings für Humbug. „Völliger Unsinn“ sei es, nur anhand von Blutwerten bestimmte Nahrungsmittel zu empfehlen oder auszuschließen, sagen Kritiker wie Georg Wechsler, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München und Adipositas-Spezialist. Natürlich könne man beispielsweise anhand der Blutfettwerte bestimmen, wie notwendig es ist, dass ein Patient abnimmt. Daraus aber einen Diätplan zu entwickeln, sei „Nonsens“.

Essen nach Regeln

Funfack aber glaubt an sein Programm, so sehr, dass er selbst seit mehr als zehn Jahren nach den Regeln lebt. 2001 habe er selber noch deutlich mehr als hundert Kilo gewogen, sagt er. „Das ging nicht, den Leuten beim Abnehmen helfen, aber gleichzeitig selbst dick sein.“ Also begann er: Zwei Tage Vorbereitung, dann die strenge Umstellungsphase, in der er nur die Lebensmittel seines Diätplans, streng abgewogen und limitiert, essen durfte – zwei Wochen lang. Dann folgte die Lockerungsphase. „Wir wollen die Menschen wieder in die Selbstständigkeit entlassen“, sagt Funfack.

Das bedeutet Essen nach Regeln. Mindestens fünf Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten, lange Nachtruhe, viel Obst und Gemüse. Empfehlungen, die auch jeder Diätberater aussprechen könne, sagt Kritiker Wechsler. Die übrigen Regeln – eine Portion Eiweiß pro Mahlzeit und wenig Kohlenhydrate – beurteilt er skeptisch: „So steigt automatisch der Fettanteil in der Ernährung, und damit ist schon Robert Atkins gescheitert“, sagt er und spielt auf den Erfinder der Low-Carb-Diät an, der vor sechs Jahren Insolvenz anmelden musste.

Haus mit Garten und Badeteich

Funfack sagt, er selbst habe mit seiner Diät in kurzer Zeit so viel abgenommen, dass ihn die Leute darauf ansprachen, wie gut er aussehe, er fühlte sich viel besser. Er erzählt von schwer adipösen Patienten, die mehr als 80, 90 Kilo verloren hätten. Und von der Studie des Hochrhein-Instituts für Rehabilitationsforschung, bei der mehr als 60 Prozent der 851 Studienteilnehmer mit dem Metabolic-Balance-Programm mindestens fünf Prozent ihres Ausgangsgewichtes verloren, 31 Prozent sogar zehn Prozent. Aber: „Es fehlt eine Studie, in der eine Kontrollgruppe sich nach den Ernährungsempfehlungen richtet, ohne sich einen konkreten Nahrungsmittelplan erstellen zu lassen“, sagt Susanne Klaus, Professorin für die Physiologie des Energiestoffwechsels am Deutschen Institut für Ernährungsforschung. „Zu aufwendig“, sagt Funfack.

Es ärgert ihn, dass seine Kritiker ihm vorwerfen, dass er nicht wissenschaftlich genug arbeite, dass er nur ein einfacher Landarzt und eben kein Ernährungswissenschaftler sei. Deshalb studiert er Fachzeitschriften, aus dem Stand zitiert er anerkannte Kollegen, die einen Bluttest vor Beginn einer Diät für sinnvoll halten, lässt sich Unterlagen bringen, in denen er wichtige Passagen mit grünem Textmarker kennzeichnet.

Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich mittlerweile an dem Programm versucht. Metabolic Balance hat Zweigstellen in mehreren Dutzend Ländern, ein Computer erstellt inzwischen die Lebensmittelpläne.

Das Wasserglas steht noch unbenutzt auf dem Tisch, aber Funfack hat keine Zeit mehr – zu viele Klienten. Vor zwei Jahren hat der Internist seine Praxis aufgegeben. Firmensitz ist nun eine beeindruckende Prachtvilla am Ortsrand, gebaut streng nach geomantischen Prinzipien. Funfack wohnt mit seiner Frau im ersten Stock, im Garten ist ein Badeteich. Dass sein Programm einmal so erfolgreich werden würde, sagt er zum Abschied, das habe er sich nie träumen lassen.

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