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Deutschland - England Vorsicht, blonder Bomber

Briten kommen bei Duellen gegen Deutsche selten ohne Anleihen aus dem Zweiten Weltkrieg aus. Die Wettbewerbe zwischen beiden Nationen gehen meist weit über das Sportliche hinaus. Anlässlich der Olympischen Spiele - ein Blick auf die aufgeladenen Paarungen.

27.07.2012 08:30
Christoph Albrecht-Heider
Jürgen Klinsmann jubelt 1996 beim EM-Sieg in England. Foto: dpa

Ein folgenloses Ereignis hat es in einer britischen Umfrage zu den 100 größten Momenten der Sportgeschichte auf Platz 2 gebracht: der 5:1-Sieg der englischen Fußballnationalmannschaft über die deutsche in der WM-Qualifikation in München vom September 2001. Folgenlos war das Spiel insofern, weil sich beide Teams für die WM 2002 qualifizierten. Deutschland kam schließlich bis ins Finale, die Engländer schieden im Viertelfinale gegen den späteren Weltmeister Brasilien aus.

Das 5:1 in der WM-Qualifikation stuften die Teilnehmer der Umfrage des britischen Fernsehsender Channel 4 sogar noch höher ein als den englischen WM-Erfolg von 1966. Vielleicht liegt es an der Art des Sieges. Beim 5:1 spielten David Beckham, Michael Owen und Kollegen die Gastgeber an die Wand. Endlich mal kein Kick and Rush, endlich mal Überlegenheit, die sich Spielwitz verdankte und technischer Brillanz, und das gegen Deutschland, das Land des Blitzkriegs und der Panzer.

Deutschland gegen Großbritannien – im Fußball: England – gehört zu den sportlichen Vergleichen, die übers Sportliche weit hinausgehen. Sie sind politisch aufgeladen. Die Freude über einen Sieg, der Ärger über eine Niederlage übersteigt das übliche Maß. Die Begleitumstände des Aufeinandertreffens können unschön werden.

Manchmal geht es beim Kampf zweier Nationen auch um Kultur und Lebensart, bei Wettbewerben zwischen Briten und Deutschen jedoch nicht. Die Politisierung des Sports hatte seine Hochzeit im Kalten Krieg. Jedes sportliche Duell zwischen den USA und der UdSSR war immer ein Systemvergleich. Aus amerikanischer Sicht kulminierte er im sensationellen Sieg der US-Eishockey-Auswahl im Finale der Olympischen Winterspiele 1980 gegen die Sowjetunion. Bei den deutsch-deutschen Olympiaausscheidungen, aus denen bis 1964 eine gesamtdeutsche Mannschaft hervorging, kämpfte aus Westsicht immer auch die Freiheit gegen den Sozialismus und aus Ostsicht der Kommunist gegen den Kapitalisten.

Yellow Press als Brandstifter

Nachdem die Tschechoslowaken 1968 gegen die Sowjetunion aufbegehrt und russische Panzer dem Prager Frühling ein Ende gemacht hatten, drückten Sportfans aus dem Westen wie aus Osteuropa der CSSR in ihren Eishockey-Duellen mit der UdSSR beide Daumen. Ein Sonderfall: Denn für gewöhnlich nimmt man besondere Rivalitäten nur wahr, wenn man in einem der beiden Länder zu Hause ist. Rein sportlich gesehen ist durch den Mauerfall eine Gegnerschaft verschwunden, die für manche Erregung gut war.

Was aber schwingt im deutsch-britischen Sportverhältnis mit, wo doch beide Staaten nicht mal eine gemeinsame Landgrenze haben? Grundsätzlich braucht es für die besondere Rivalität Ebenbürtigkeit in einer Kernsportart; das ist in beiden Ländern nur der Fußball. Und es braucht einen Zwischenfall. Aus deutscher Sicht ist das klar: das Wembley-Tor von 1966, das keines war. Daran trugen die Engländer zwar keine Schuld, sondern der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst, der den Treffer gab. Aber solche Feinheiten spielen keine Rolle, wenn sich Hass entwickelt.

Doch liest man noch mal deutsche Bücher über jene WM, so findet sich weder ein nationalistischer Unterton gegen England noch ein Verweis auf beleidigende Artikel britischer Blätter. Das ganze „Hunnen“-Gekrampfe der englischen Boulevard-Presse hat sich erst später entwickelt. Aus englischer Sicht wird die tiefe Enttäuschung über das Ausscheiden bei der nachfolgenden WM 1970 im Viertelfinale gegen Deutschland ausschlaggebend gewesen sein. Damals hat England, als Titelverteidiger in die Partie gegangen, nach einer 2:0-Führung in der Verlängerung verloren.

Die zahlreichen britischen Boulevard-Blätter agieren gleichermaßen als Brandstifter und Brandbeschleuniger. Jeder größere Sport-Vergleich mit Deutschland wird mit irgendwas aus dem Panzer-Stahlhelm-Krauts-Blitzkrieg-Hitlerbart-Fundus versehen. Der Rückgriff auf Militaria erklärt sich nicht nur mit dem Zweiten Weltkrieg und der Bombardierung des englischen Südens, insbesondere Londons, durch die deutsche Luftwaffe.

Das Soldatische ist im Vereinigten Königreich nach wie vor präsent. Es war mal eine Weltmacht, wurde es und blieb es unter Einsatz militärischer Mittel. Eine Nation von Pazifisten – man sah und sieht es am Falkland-Konflikt, im Irak, in Libyen – sind die Briten nicht. Und so schreckte nicht mal die konservative Times davor zurück, eine eher belanglose Europacup-Vorschau im Oktober 1982 mit „Beware of the London Blitzkrieg man“ zu betiteln. Es ging um die Paarung Tottenham Hotspur gegen Bayern München und zum Blitzkrieger erkor die Times Karl-Heinz Rummenigge, den – genau – „blonden Bomber“.

Entehrung des Erzfeindes

1996, England richtete die Fußball-EM aus, erreichte der „Fußball-Krieg“ der britischen Boulevard-Presse seinen Höhepunkt. „ACHTUNG! SURRENDER! For you Fritz, ze Euro?96?Championship is over“ lautetet die Schlagzeile des Daily Mirror, dessen Chefredakteur Piers Morgan allen Ernstes geplant hatte, mit einem Panzer vor die deutsche Botschaft in London zu fahren. Sportlich war das Turnier letztlich doch für die Engländer „over“, sie verloren im Halbfinale gegen Deutschland – im Elfmeterschießen, wie auch sonst.

Und was ist der deutsche Beitrag an diesem aufgeladenem Wettstreit? Ginge es um die symbolische Begleichung letzter politischer und militärischer Rechnungen, müssten wir uns mit Nachbar Frankreich kabbeln. Tun wir aber im Sport überhaupt nicht. Der besondere Reiz, es den Engländern zu zeigen, ist ein Reflex auf den Boulevard-Schund, hat aber auch damit zu tun, dass England das Mutterland des modernen Sports ist, und englische Sportler Vorbilder. Engländer geben sich nie geschlagen und stemmen sich erhobenen Hauptes gegen eine drohende Niederlage. Diesen Sportsgeist bewundern wir, davon hätten wir selber gern mehr. Deswegen macht ein Sieg über Großbritannien/England immer stolzer als einer über Dänemark oder Ungarn. Oder über Frankreich.

Größte Genugtuung verschafft es aber im Duell lauf- und kampfstarker Konkurrenten wie Deutschland und Großbritannien, wenn mal die Leichtigkeit triumphiert. Daher stünde bei einer Abstimmung in Deutschland über die größten Sportmomente womöglich der Auswärtssieg über England in der Qualifikation zur EM 1972 weit vorn. Was den Briten ihr 5:1 in der WM-Qualifikation 2001 in München, ist uns das 3:1 im April 1972 in London: der erste Sieg einer deutschen Fußball-Nationalelf auf englischem Boden, die Entehrung des Erzfeindes auf dessen heiligstem Territorium, dem Wembley-Stadion, und das in bezaubernder Manier.

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