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Deutscher Kurzfilm "Spielzeugland" gewinnt Oscar

Deutsche Festivals lehnten den Film dankend ab. In Hollywood erhält der Berliner Regisseur Freydank einen Oscar. Früher träumte er, höchstens einmal zur Defa zu kommen. Von Jörg Schindler

23.02.2009 00:02
JÖRG SCHINDLER
81. Oscar-Verleihung - Oscar für deutschen Kurzfilm
Marianne Meissner (Julia Jäger) und Heinrich Meissner (Cedric Eich) ineiner Szene aus dem Film "Spielzeugland" (Filmszene). Foto: dpa

Schon in den Stunden zuvor muss er sich gefühlt haben wie im Film. Der absurd lange rote Teppich im Kodak Theatre von Los Angeles, die Stars mit ihren Kleidern, die kein Normalsterblicher bezahlen könnte, die Stretch-Limousine, die er sich für 700 Dollar mieten musste, um überhaupt vorgelassen zu werden: ein bisschen viel vielleicht für einen Regisseur, der sich über Jahre hinweg Kameras, Scheinwerfer, Filmrollen zusammen schnorrte.

Als sich dann Sonntagnacht, um 3.46 Uhr unserer Zeit, James Franco, Seth Rogen und Janusz Kaminski gemeinsam über einen Zettel beugten, um ein ziemlich kompliziertes deutsches Wort halbwegs fehlerfrei auszusprechen, überwältigte es Jochen Alexander Freydank endgültig. Einigermaßen fassungslos reckte der Glatzkopf die Trophäe für seinen Kurzfilm "Spielzeugland" in die Höhe, dann murmelte er in diverse Mikrophone, sein Lebenstraum sei früher höchstens gewesen, "dass ich mal zur Defa komme". Jetzt ist er eben zum Oscar gekommen.

Besonders wahrscheinlich war das nicht. Dass Freydank überhaupt ins große Filmgeschäft gelangen würde, schien noch vor zehn Jahren eher fraglich. Zweimal wurde der aus Ost-Berlin stammende Mann von Filmhochschulen in seiner Heimatstadt abgelehnt, dreimal gar in Potsdam. Am Ende, im Jahr 1999, gründete er seine eigene Produktionsfirma Mephisto Film, mit der er mehrere Kurzfilme verwirklichte. Finanziell hielt er sich derweil vor allem als Drehbuchautor ( "Dr. Sommerfeld", "Klinikum Berlin Mitte") über Wasser.

Auch Freydanks jetzt ausgezeichneter Kurzfilm war kein Selbstläufer. Es geht darin um einen Jungen, dem die Mutter im Jahr 1942 erzählt, die gerade deportierten jüdischen Nachbarn seien ins "Spielzeugland" verreist. Für den Jungen klingt das derart verheißungsvoll, dass er sich auf den Weg dorthin begibt. Aus Ärger sei dieser Film entstanden, sagt Regisseur Freydank: "So lange es bei uns noch Nazi-Parteien gibt, müssen wir versuchen, etwas dagegen zu tun."

Deutsche Festivals winken dankend ab

Große Begeisterung löste der 41-jährige Autodidakt mit seinem Projekt freilich nicht aus. Drei Jahre, so Freydank, habe er betteln müssen, dann hatte er 30.000 Euro beisammen, um fünf Tage in Berlin und Brandenburg drehen zu können. Deutsche Festivals winkten anschließend ab, im Ausland war das Interesse dafür umso größer: Nahezu 20 Preise heimste Freydank auf internationalen Festivals ein.

Grund genug für Hollywood, neugierig zu werden. Zumal dort Filme über den Holocaust traditionell hohe Aufmerksamkeit genießen. Als Favorit galt der eher konventionelle 14-Minüter "Spielzeugland" am Sonntag allerdings nicht, gerechnet hatten viele eher mit der Schweizer Produktion "Auf der Strecke". Um so größer Freydanks Verblüffung, als er schließlich einen der 43 Oscars in der Hand halten durfte.

An die Welt, die er damit betreten hat, wird er sich nun wohl gewöhnen müssen. Sein Telefon stand bereits tags darauf nicht mehr still. Schon ist ein erster Langfilm im Gespräch, Arbeitstitel "Der Bau", nach einer Erzählung von Franz Kafka. Vielleicht macht Freydank, der Einzelgänger, aber auch etwas anderes, wer weiß. Sicher aber ist: Er wird fürs erste nicht mehr betteln müssen.

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