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„Den Horror des Krieges verstehen“

Der Fotograf Christoph Bangert hat in vielen Krisengebieten gearbeitet. Ein Gespräch über Extremsituationen, Selbstzensur und den Alltag.

12.06.2014 13:55
Thomas Geisen
Ein Unschuldiger ist bei einem Gefecht in Kabul, Afghanistan getötet worden. Foto: Christoph Bangert/ laif / Kehrer

Endlich nimmt sich Christoph Bangert die Zeit. Verabredungen hat der deutsche Fotograf immer wieder abgesagt: Termine, Termine! Als er dann eine Stunde abknapsen kann, ist man erstaunt über seine Ruhe, Gelassenheit. Welch ein Kontrast zu der Hetze, aber besonders zu seinem Metier, über das er nun ein Buch veröffentlicht hat: „War Porn“, übersetzt Kriegspornografie, hat er es genannt. Der Fotograf zeigt Bilder vom Krieg, von Toten, vom Leben und Leiden im Krieg. Ungeschönt, unzensiert. Sind die Fotografen – wir, die wir das betrachten – Voyeure eines unappetitlichen Treibens? Was bewegt die Fotografen? Abenteuerlust, die Suche nach Wahrheit? Bangerts Arbeitsthese: Wenn man den Horror aus der Kriegsberichterstattung herausnimmt, fehlt ein großer Teil dessen, was den Krieg ausmacht.

Herr Bangert, wenn ich Sie als Kriegsfotografen vorstellen würde, wäre das die richtige Bezeichnung?
Ich selbst nenne mich nie Kriegsfotograf. Mit diesem Begriff werden Klischees erzeugt, die mir etwas zu fantasievoll sind. Er ist auch nicht richtig, weil es diesen Beruf gar nicht gibt. Ich kenne niemanden, der ausschließlich in Kriegsgebieten fotografiert. Nehmen wir zum Beispiel Anja Niedringhaus, die vor einiger Zeit in Afghanistan erschossen wurde: Sie hat viel Sport fotografiert. Also Kriegsfotograf: ein Mythos, der immer wieder hochkommt, aber wenig hilfreich ist, da er sehr einseitig ist.

Ich frage trotzdem: Wie wird man „Kriegsfotograf“?
Das ergibt sich. Man wacht auf jeden Fall nicht eines Morgens auf und denkt: Ich ziehe jetzt in den Krieg und mache Fotos davon. Ich selbst habe als Student der Fachhochschule Dortmund an einem dreiwöchigen Austausch mit einer Fotoschule in Jerusalem teilgenommen. Ich war damals viel im Westjordanland und im Gazastreifen unterwegs. Das war spannend, interessant. Mein erster Einsatz, in dem Gewalt, Krieg stattfand. Später bin ich noch einmal für mehrere Monate dorthin gefahren. Dann kam Afghanistan. Tja, wie gesagt, das entwickelte sich halt so.

Aber es muss Sie doch jemand gefragt, beauftragt haben. Oder sind Sie immer auf eigene Faust los?
Nachdem ich die ersten Reisen und Reportagen tatsächlich auf eigene Faust gemacht hatte, bekam ich irgendwann die ersten Aufträge. Mein erster großer Auftraggeber war die „New York Times“, die mich in den Irak schickte. Noch heute fotografiere ich regelmäßig für diese Zeitung. Aber ich arbeite weiterhin auch frei, also ohne Auftrag.

Gibt es in Ihrem Kollegenkreis einen bestimmten Typus Mensch? Es ist ja etwas anderes, ob man ein Schützenfest oder einen Parteitag beschreibt oder sich auf Schlachtfeldern umtut.
Es erfordert schon einen besonderen persönlichen Einsatz, aber eben auch sehr verschiedene Menschen: Da ist derjenige, der das aus reiner Abenteuerlust macht, weil er auf Risiko steht, den Adrenalinausstoß braucht. Es gibt aber auch die Kollegen mit dem journalistischen Ansatz. Die arbeiten dort, weil sie es für wichtig erachten. Sie wollen über Ereignisse oder Zustände berichten. Und andere sind auf der Flucht, haben gerade eine Scheidung hinter sich. Bei den meisten Kollegen, die ich kennengelernt habe, ist das so eine Mischung aus Journalismus und Adrenalin.

Also nicht der einsame Wolf, mit Drei-Tage-Bart und Suchtproblemen, sozial schwer integrierbar …
Ach je, es gibt ja für jeden Beruf solche Klischees. Ich habe sehr unterschiedliche Menschen getroffen – natürlich auch Kollegen mit Suchtproblemen, die am Ende eines heftigen Tages Alkohol zum Vergessen brauchen. Es gibt solche, die mit dem sogenannten bürgerlichen Leben wenig anfangen können. Aber als Typisierung taugt das wenig.

Wie ist das denn im Kriegsgebiet – treffen Sie sich mit anderen Fotografen, Journalisten „am Ende eines solch heftigen Tages“? Tauscht man sich aus?
Man arbeitet ständig in einem Team, zusammen mit schreibenden Journalisten und lokalen Übersetzern. Und da tauscht man sich natürlich aus. Und das ist auch gut so, denn das gemeinsam Erlebte schweißt zusammen.

Immer wieder sterben Kollegen von Ihnen bei der Arbeit: Vor kurzem in der Ukraine der italienische Fotograf Andrea Rocchelli, Camille Lepage wurde in der Zentralafrikanischen Republik erschossen, vor Monaten die von Ihnen erwähnte Anja Niedringhaus in Afghanistan. Wie viel ist ein Bild vom Krieg wert?
Man muss immer abwägen, das Risiko sehr nüchtern einschätzen. Auf der anderen Seite und eigentlich an erster Stelle muss klar werden: Wie bekommst du das Bild? Ich muss Bilder machen, sonst brauche ich da nicht hinzufahren. Ich muss die Balance finden. Aber das Foto steht im Vordergrund. Und es muss der Situation vor Ort gerecht werden.

Ist der Job für Frauen riskanter?
Nein. Es gibt eine Reihe von Frauen, die diese Arbeit machen. Warum auch nicht? Für sie bestehen die gleichen Risiken wie für ihre männlichen Kollegen. Die Bearbeitung einiger Themen ist für Fotografinnen leichter umzusetzen als für uns Männer, wie zum Beispiel das Leben der Frauen in Afghanistan. Andere Themen sind wiederum schwerer für Kolleginnen zu bearbeiten. Ich denke, das gleicht sich aus.

Sie riskieren Ihr Leben, wühlen im größten menschlichen Elend – und dann wird Ihr Bild häufig nicht veröffentlicht, weil es zu brutal ist. Für wen fotografieren Sie eigentlich?
Ich fotografiere für den Leser, den Betrachter. Ich fahre an Orte und in Gebiete, in die der Leser nicht gelangen kann oder will. Ich mache das nicht zur persönlichen Unterhaltung, ich habe einen journalistischen Auftrag, den ich zu erfüllen versuche.

Aber am Ende doch eine „mission impossible“: Sie schießen Fotos, die zu brutal sind für den Leser.
Dass so viele Bilder nicht gedruckt werden, versuche ich in meinem neuen Buch zu thematisieren. Der Titel ist „War Porn“, also übersetzt in etwa Kriegspornografie. Das ist der ultimative Vorwurf an uns Fotografen, die vom Krieg berichten: Es sei pornografisch, was wir machten. Wir würden das Menschliche herausnehmen, wir wären rein voyeuristisch. Ich halte jetzt, in meinem Buch, zugegebenermaßen recht brutal, dagegen: Ich habe alle Bilder, die von mir selbst, aber auch von Redaktionen zurückgehalten wurden, in „War Porn“ zusammengefasst.

Um was zu bezwecken?
Ich finde, es ist wichtig, dass wir uns auch Bilder von schrecklichen Ereignissen ansehen. Nur so bekommen wir ein komplettes Bild vom Krieg. Wir müssen sehen, was Krieg für Soldaten, aber und vor allem auch für die Zivilbevölkerung bedeutet. Es geht nicht nur um deutsche Bundeswehrsoldaten, es geht um Afghanen, Iraker, Amerikaner. Ich will wissen, ich will zeigen, was der Krieg mit den Menschen macht, wie das dann aussieht. Das ist nötig, damit man den Horror des Krieges versteht.

Wie erklären Sie sich diese öffentliche Zurückhaltung? Im Kino sehen wir Gewalt, die über die Leinwand spritzt wie Spaghettisoße. Aber die Realität ist tabu.
Das ist das Verrückte, diese Doppelmoral! Im Kino, bei Videospielen ist es völlig okay, dass da, wie Sie sagen, das Blut rumspritzt, da laufen Leute ohne Kopf rum. Aber sobald es sich um Bilder handelt, die aus der Realität stammen, die Realität zeigen und interpretieren, glauben wir, wir können das nicht aushalten. Das ist feige, wir machen uns das Leben zu einfach.

Sind Sie irgendwie politisch, ideologisch verortet, haben Sie zu den Zuständen eine Meinung?
Natürlich bin ich nie neutral. Ich habe eine Meinung, eine Überzeugung. Vor allem: Jeder, der einmal Krieg erlebt hat, ist gegen den Krieg. Aber am Ende muss der Betrachter sich selber eine Meinung bilden. Ich bin kein Aktivist oder Missionar.

Was sagen die Soldaten, die sich über mangelnde Wertschätzung und mangelndes Interesse beklagen?
Ich denke, Soldaten sollten sich nicht beklagen. Es ist nun mal ein etwas undankbarer, missverstandener Beruf und damit muss man sich abfinden. Das haben wir Journalisten und Fotografen mit Soldaten gemein. Wir werden mit extremen Situationen konfrontiert, die die meisten Menschen in unserer Heimat noch nie erlebt haben und hoffentlich nie erleben werden. Es entsteht ein Graben zwischen den „Normalen“ und uns, denn unsere Erfahrung trennt uns von den meisten Menschen, die uns umgeben. Ich denke, es liegt aber gerade an uns, diesen Graben zu überwinden.

Wann sind Sie mit einem Bild zufrieden? Sie haben ja meist nicht die Muße und Ruhe.
Ich arbeite sehr intuitiv. Ich komponiere schon, das macht jeder automatisch. Aber ich arbeite schnell, reagiere auf die Situation. Das Bild ist gut, wenn es die Situation, die ich vorfinde, widerspiegelt. Realität und Bild müssen übereinstimmen.

Wie viele Tote haben Sie gesehen?
Die meisten Krankenwagenfahrer werden schon mehr Tote und Verletzte gesehen haben als ich. Leute in der Notaufnahme müssen wahrscheinlich tagtäglich schrecklichere Dinge aushalten. Meine Kollegen und ich erleben sehr punktuelle Momente, die fast unerträglich sind. Aber wir agieren da nicht wie in einem Kriegsfilm. 80, 90 Prozent unseres Jobs sind unaufgeregt, oft sogar regelrecht langweilig. Zehn Prozent sind Schrecken und Gefahr.

Haben Sie schon einmal nicht fotografieren wollen oder können?
Es gibt häufig Situationen, in denen man nicht fotografieren darf: wenn Polizisten oder Soldaten das ablehnen. Die sind dann auch nicht gerade diskussionsfreudig. Manchmal wollen Zivilisten nicht, dass ich sie fotografiere, aus Angst vor Veröffentlichung und möglichen Racheakten. Das war im Irak oft der Fall. Meistens aber wollen die Leute fotografiert werden, wollen zeigen, was mit ihnen passiert. Dafür bin ich dann eben da, das ist dann mein Auftrag – auch wenn es manchmal tatsächlich schwerfällt.

Was ist Ihnen denn schwergefallen?
Ich habe zum Beispiel einen Mann in Bagdad im Yamouk Hospital fotografiert. Er hatte schreckliche Verbrennungen, es war so schlimm zu sehen, wie hilflos er war, welche furchtbaren Schmerzen er hatte. Er war auch gar nicht ansprechbar. Ich musste mich überwinden, das Bild zu machen, war aber hinterher froh, dass ich es getan hatte. Es ist richtig, dass es solche Bilder auch gibt.

Sie haben einmal gesagt, dass ein Alltag mit Müllruntertragen oder Reparaturen im Haus eher kompliziert für Sie ist. Was meinen Sie damit?
Vor allem kurz nach der Rückkehr von einer Reise in ein Kriegsgebiet muss man sich sehr konzentrieren, dass man die Alltagsprobleme unserer Wohlstandsgesellschaft ernst nimmt. Die kleinen Probleme der Leute, die aber völlig legitim sind. Schließlich muss man diesen Alltag ja auch selber leben und führen. Ich finde es auch wichtig, dass man nicht zu viel in den Kriegsgebieten arbeitet. Denn sonst verrutscht die Einschätzung dessen, was normal ist.

Apropos Normalität: Wäre das Leben für Sie denkbar mit „Tatort“, Doppelkopf und als Höhepunkt mal einem Halbmarathon?
Also bestimmt kein Marathon. Das andere? Phasenweise habe ich ein durchschnittliches Leben. Während ich jetzt an dem Buch gearbeitet habe, war ich mehrere Monate brav zu Hause, bin jeden Tag zur Arbeit gegangen, abends zurück. Und dann kommen die Phasen, da bin ich im Krieg.

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