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Debatte Der anmaßende Papst

Benedikt XVI. hat ein gebrochenes Verhältnis zur Demokratie, stellt die Aufklärung in Frage und stärkt dem fundamentalistischen Islam den Rücken. Eine Generalkritik von Alan Posener.

05.10.2009 16:10
Alan Posener
Papst Benedikt XVI. gibt beängstigende Antworten, findet Alan Posener. Foto: afp

"Die Kirche gehört in die Welt wie das Schiff ins Wasser. Aber die Welt gehört ebenso wenig in die Kirche wie das Wasser ins Schiff", pflegte der Pfarrer zu sagen, bei dem ich evangelischen Religionsunterricht genoss. Der Spruch ist natürlich eine ungeheure Anmaßung. Und niemand verkörpert diese Anmaßung besser als Joseph Ratzinger, der über "Gott und die Welt" - so der Titel eines seiner Bestseller - nicht nur eine Meinung hat, sondern das letzte Wort sprechen zu dürfen glaubt: zu Demokratie und Kapitalismus, Vernunft und Aufklärung, Naturwissenschaft und Evolution, Nationalsozialismus und Holocaust; zum Islam, zur Rolle der Frau, zur Homosexualität und zum richtigen Gebrauch von Kondomen. Diese Dinge gehen nicht nur Theologen an, und auch nicht nur Katholiken.

Die Ansichten des Papstes ergeben ein Programm: die intellektuelle Blaupause einer geistig-moralischen Wende, die seine Anhänger als "benedettinische Wende" bejubeln. Sie bedeutet: Abkehr von der Moderne, Rollback der Aufklärung, Einschränkung der Demokratie, Abschied vom wissenschaftlichen Denken, Schluss mit der Emanzipation der Frau und der sexuellen Selbstbestimmung. Sie bedeutet eine Umdeutung der Geschichte und eine Umwertung aller Werte. Sie hat letzten Endes mit dem fundamentalistischen Islam mehr gemeinsam als mit der säkularen Gesellschaft Europas. Papst Benedikts Kreuzzug bedeutet die Verneinung von allem, was den Westen bei aller Unzulänglichkeit zur liebens- und lebenswertesten Gesellschaft macht, die unser Planet bislang gekannt hat.

Ist das nicht übertrieben? Betrachten wir etwa, wie Benedikt XVI. die Geschichte seiner Kirche umdeutet. In seiner berühmten "Regensburger Rede" vom 12. September 2006 kritisierte Benedikt mit den Worten des byzantinischen Kaisers Manuel II. Paleologos den Islam, weil er den Glauben mit Gewalt verbreite. Das sei unvernünftig und deshalb dem Wesen Gottes zuwider. Das Toleranzgebot in der zweiten Sure des Korans erklärte Benedikt dabei durchaus zynisch mit Mohammeds Machtlosigkeit zur Zeit der Abfassung. Doch auch das von ihm zitierte Plädoyer des christlichen Kaisers für Toleranz wird aus einer Position der Machtlosigkeit vorgetragen. Die zynische Lehre könnte lauten, dass Muslime und Christen gern für Toleranz plädieren, solange sie machtlos sind. Bekommen sie aber Macht, hat es die Toleranz erheblich schwerer. Die Ablehnung des Schwerts zur Verbreitung der Religion fällt weniger eindeutig aus, wenn das siegreiche Schwert von der eigenen Hand geschwungen wird.

"Interessante" Rechtfertigung

Von den Kreuzrittern wollen wir hier ausnahmsweise nicht reden. Reden wir lieber von den katholischen Conquistadoren. Dass die Eroberung Südamerikas nicht nur mit der physischen Liquidierung eines Großteils der einheimischen Bevölkerung durch eingeschleppte Krankheiten, Sklavenarbeit und Mord, sondern auch mit einem kulturellen Genozid einherging, war schon damals moralisch empfindlicheren Gemütern klar und dürfte heute unter zivilisierten Menschen unumstritten sein. Benedikt aber sind solche Erwägungen ganz und gar gleichgültig: "Welche Bedeutung hatte aber die Annahme des christlichen Glaubens für die Länder Lateinamerikas und der Karibik?", fragte der Papst bei der Eröffnung der Generalkonferenz der lateinamerikanischen Bischöfe am 13. Mai 2007. "Es bedeutete für sie, Christus kennenzulernen und anzunehmen, Christus, den unbekannten Gott, den ihre Vorfahren, ohne es zu wissen, in ihren reichen religiösen Traditionen suchten. Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehnten."

Dass die Azteken, Inka, Maya und die anderen Ureinwohner des Kontinents in ihren Religionen, "ohne es zu wissen", den Katholizismus gesucht und sich "im Stillen" nach ihm gesehnt hätten, ist eine - sagen wir - interessante Rechtfertigung für die Ausbreitung der Religion mit Gewalt. So hätten sich die europäischen Eroberer Amerikas durchaus im Einklang mit jener "Vernunft" befunden, die Benedikt in Regensburg dem islamischen Dschihad zu Recht absprach. Anders gesagt: Wenn Nichtchristen christliche Länder mit Gewalt erobern, ist das laut Benedikt wider die Vernunft; wenn aber Christen nichtchristliche Länder mit Gewalt erobern, ist das laut Benedikt vernunftgemäß, weil sich deren Völker ohnehin unbewusst nach der Wahrheit des Christentums sehnen. Mit solcher Dialektik lässt sich freilich bald jede Schurkerei im Namen des Glaubens rechtfertigen.

War also laut Benedikt - auch nachträglich betrachtet - der Dschihad zur Ausbreitung des Christentums in Südamerika mit Feuer und Schwert in Ordnung, was ja den von ihm postulierten Gegensatz zum Islam doch stark relativiert, so weiß er sich andererseits mit den heutigen Vertretern eines intoleranten Islam einig in der Abwehr des Rechts auf Religionskritik. Zwei Tage vor seiner Regensburger Rede meinte er bei einer Predigt in München, die "Verspottung des Heiligen" sei kein "Freiheitsrecht" und "nicht die Art von Toleranz, die wir alle wünschen". Wobei gegebenenfalls die Dunkelmänner entscheiden, wie eng die Grenzen der Toleranz, "die wir wünschen", gezogen werden, und der fanatisierte Pöbel beschließt, wo das Recht der freien Rede aufhört und die "Verspottung des Heiligen" beginnt, wie Benedikt an den Reaktionen auf seine Regensburger Rede bald selbst erschrocken merken wird.

Der Schrecken hält aber nicht lange vor. Im sogenannten Karikaturenstreit hat sich der Vatikan eindeutig auf die Seite der intoleranten Elemente des Islam gestellt. Bei einem zweitägigen Treffen in Kairo im Februar 2008 verurteilten Vertreter des Vatikans und der obersten Autorität des sunnitischen Islam, der Al-Azhar-Universität, den Abdruck der Karikaturen, beklagten eine "wachsende Zahl von Angriffen auf den Islam und seinen Propheten sowie andere Attacken gegen Religionen" und forderten mehr Respekt vor religiösen Symbolen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung dürfe kein Vorwand sein, "all das zu verletzen, was als heilig angesehen wird".

Seitdem hat der Vatikan immer wieder seine Position bekräftigt, dass die Freiheit der Rede eingeschränkt werden müsse, wenn es um die Religion geht, so in der Schlusserklärung beim ersten Seminar des offiziellen "Katholisch-Muslimischen Forums" in Rom Anfang November 2008. "Religiöse Minderheiten haben das Recht auf Respekt ihrer religiösen Überzeugungen und Praktiken. Sie haben das Recht auf eigene Kultstätten, und die Gründergestalten und Symbole, die sie für heilig erachten, dürfen nicht Gegenstand von irgendeiner Form von Hohn und Spott werden." Jedem werden auf Anhieb drei oder vier Filme, Romane, Dramen oder Sachbücher einfallen, die - sollte diese katholisch-muslimische Erklärung Grundlage der Gesetzgebung werden - wegen "Hohn und Spott" zu verbieten wären, von Voltaires Drama "Mahomet" über Günter Grass´ "Die Blechtrommel" und Monty Pythons "Leben des Brian" bis hin zu Salman Rushdies Roman "Die satanischen Verse".

Das Recht nicht nur der Kritik, sondern der Verächtlichmachung religiöser Vorstellungen bleibt aber die Grundlage jeder Demokratie, weil sich bis heute unbegründete politische und gesellschaftliche Autorität gern auf die Religion beruft und hinter der Religion versteckt. Das gilt in unseren Tagen vor allem für die islamische Welt. Wer das Christentum kritisiert, riskiert dank der Aufklärung in den westlichen Demokratien nicht viel mehr als böse Worte; wer aber den Islam kritisiert, riskiert sein Leben. Umso schlimmer ist es, wenn die katholische Kirche den islamischen Autoritäten den Rücken stärkt, statt vielmehr Meinungsfreiheit in den islamischen Ländern einzufordern - Meinungsfreiheit, die das Recht auf Religionskritik einschließt. Stattdessen sind sich Katholiken und Muslime nicht nur ganz offiziell darin einig, dass sie ihre Religion vor Kritik abschotten wollen, indem sie von vornherein "Respekt" vor den "Überzeugungen und Praktiken" ihrer Anhänger fordern, so absurd oder menschenfeindlich diese auch sein mögen.

Bündnis des Vatikans mit dem radikalen Islam

Katholiken und Muslime kommen im Dialog der Religionen überdies kaum umhin, Gemeinsamkeiten im Kampf gegen die Kultur des Westens zu erkennen. Gegen einen Dialog - das sei hier betont - ist an sich nichts einzuwenden, vorausgesetzt, er wird unter Gleichen geführt. Sehr wohl aber ist etwas dagegen einzuwenden, dass ein solcher Dialog vor allem zu dem Zweck geführt wird, "gemeinsam einen Kontrapunkt" gegen die säkulare Kultur des Westens zu setzen, wie das der Augsburger Bischof Walter Mixa am 20. August 2005 vor Muslimen in Köln forderte.

Das Bündnis des Vatikans mit dem radikalen Islam setzt allerdings voraus, dass die offenkundigen Verbindungen zwischen den Lehren des Korans und dem islamistischen Terror ebenso heruntergespielt werden wie die Verbindungen zwischen dem katholischen Antijudaismus und dem nationalsozialistischem Terror. In beiden Fällen muss die Verantwortung auf die gemeinsam zu bekämpfende westliche Gesellschaft abgeschoben werden. Und genau das tut Joseph Ratzinger seit dreißig Jahren mit einer Konsequenz, die man im Dienst einer besseren Sache für bewundernswert erklären könnte.

So konnte es kaum verwundern, dass es am 1. Mai 2008 zu einer gemeinsamen Erklärung des Vatikans mit "führenden iranischen Gelehrten" zum Thema "Glaube und Vernunft" kam. In Rom wurde die Erklärung als "religionspolitisch sensationell" und "theologisch revolutionär" gewertet. Bei allem schuldigen Respekt: Eine theologische Revolution sieht anders aus. Unter anderem wird in dem Papier behauptet, Glaube und Vernunft seien "in sich" nicht gewalttätig. Da dies offenkundig unwahr ist, wie die Geschichte des Christentums und des Islam zur Genüge beweist, "können diese Ereignisse weder Vernunft noch Glauben in Frage stellen". Man darf also aus der Tatsache, dass Muslime und Christen fortwährend von Frieden geredet und fortwährend Krieg geführt haben, keine gegen Muslime und Christen gerichteten Schlüsse ziehen. Messt uns nicht an unseren Taten, so die Erklärung von Schiiten und Katholiken, sondern glaubt unbesehen, dass wir Männer des Friedens sind, was wir uns hiermit gegenseitig bescheinigen.

Hat man vor Benedikt so viel Angst?

Wichtiger als der belanglose bis ärgerliche Inhalt, der zum Beispiel weder etwas über das Verhältnis zum Judentum noch über das Recht zum Wechsel der Religion noch erst recht zur Anerkennung der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte sagt, ist die Frage, mit wem der Vatikan hier verhandelt hat. Leiter der iranischen Delegation war nämlich kein "Gelehrter", kein Imam oder Ajatollah, sondern Mahdi Mostafavi, zum Zeitpunkt seiner Unterhaltungen im Vatikan erstens Berater des Holocaust-Leugners und Präsidenten der Islamischen Republik, Mahmud Ahmadinedschad, und zweitens stellvertretender Außenminister. Dass der Vatikan genau wusste, mit wem er es zu tun hatte - davon darf man ausgehen.

Damit ist das gemeinsame Papier ein Dokument der Übereinstimmung mit einem Regime, das vermeintliche Ehebrecherinnen steinigt, Schwule an Baukränen erhängt, den Massenselbstmord als politische Waffe erfunden hat, hinter Tausenden von Terrorakten weltweit steckt, mit rücksichtsloser Grausamkeit gegen die Anhänger der Bahai-Religion vorgeht, Wahlergebnisse fälscht, Protest niederknüppelt und mit der Fatwa gegen Salman Rushdie klargemacht hat, dass es die Meinungsfreiheit auch im Westen nicht dulden wird. Dieses Dokument ist politisch um keinen Deut besser als das Konkordat mit Adolf Hitler.

Dennoch hat sich in der gesamten katholischen Öffentlichkeit keine einzige Stimme erhoben, um gegen diese Schande zu protestieren. Warum nicht? Hat man vor Benedikt so viel Angst? War die "benedittinische Wende" in der Kirche bereits so erfolgreich?

Anhänger eines pluralistischen Staatswesens wollen wissen, wo die katholische Kirche in der Auseinandersetzung mit dem Islamismus steht: auf Seiten der westlichen Gesellschaften oder auf Seiten der Theokraten? Benedikt gibt Antworten, die jeden Demokraten beunruhigen müssen.

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