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DDR-Festival Steinbrücken Zur Sonne, zur Freiheit

Festivals waren für die Menschen in der DDR eine Möglichkeit, aus ihrem Alltag auszubrechen. Doch nach der Wende verschwanden die meisten dieser Veranstaltungen. Eine Spurensuche von Pia Volk.

17.07.2009 00:07
Was keines der Traditionsfestivals der DDR schaffte, gelang ab 1999 dem neuen "Melt!" in Sachsen-Anhalt. Es wurde zu einem der größten Open Airs der Republik. Foto: ddp

Es war eine andere Welt, die da, fern jeder Stadt, versteckt im Grünen lag. Nichts wies darauf hin, dass sich hier, in einem Waldstück kurz vor dem Dörfchen Steinbrücken, 100 Kilometer westlich von Halle gelegen, mitten im grauen Gängelstaat DDR, eine Insel der Freiheit befand: Das Steinbrücken-Open-Air.

Überall sonst mussten Open-Air-Festivals von der Staatsmacht erlaubt werden. In Steinbrücken dagegen spielten Bands, die sich ihre Auftrittserlaubnis nicht vor der staatlichen "Einstufungskommission" erspielt hatten, sondern einfach die Musik machten, auf die sie Lust hatten: Metal, Punk, vor allem Bluesrock, meist mit DDR-kritischen Texten. Es waren die letzten sechs, sieben Jahre der DDR, als die ersten Steinbrücken-Open-Airs stattfanden, der Staat ließ die Zügel etwas lockerer. Trotzdem beobachteten staatliche Stellen voller Argwohn, wie zuerst Hunderte, dann Tausende Langhaarige, Punks und Rocker zu den Veranstaltungen pilgerten, um Livemusik zu hören, zu grillen und zu zelten.

"Dass das überhaupt möglich war", erinnert sich Veranstalter und Festivalgründer Uwe Hager, "lag daran, dass es ein Geheimtipp war. Alles funktionierte über eine persönliche Einladung, Werbung machten wir nicht."

So entstand einerseits eine familiäre Atmosphäre, andererseits musste Hager alles selbst organisieren: Er kannte jemanden, der im Schlachthaus arbeitete und 1000 Grillhähnchen beschaffte, jemanden bei der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, der ihm ein Stromaggregat lieh, und dann trieb er irgendwie auch noch 7000 Liter Bier auf.

"Steinbrücken hätte auch in Amerika liegen können", sagt der Schriftsteller Jan Faktor, der das Festival im Frühjahr 1989 besuchte. "Da war diese gefühlte, vollkommene Freiheit, ohne Ordnung, alles funktionierte autonom." Faktor hatte wie alle anderen durch Mundpropaganda von dem Open Air gehört - und war erstaunt, wie unabhängig in Steinbrücken gefeiert wurde. "In Berlin waren selbst Punkkonzerte kommerziell, in Steinbrücken ging es um die Musik." Die Party war grandios. Faktor, der sonst nicht tanzt, tanzte wie besessen. "Es war faszinierend, dass das ohne staatliche Einmischung funktionierte."

Uwe Hager wollte schon mit Mitte 20 weder etwas mit dem DDR-Staat noch mit der DDR-Opposition zu tun haben. Er ließ sich einen Rauschebart wachsen, reiste seinen Lieblingsbands quer durch die DDR hinterher und feierte jedes Jahr zu Pfingsten ein rauschendes Fest im Wald bei Steinbrücken. Mitte der 80er fing er an, Bands dazu einzuladen. Zunächst kamen 500 Zuschauer, später dann bis zu 6000.

Soviel Glück hatten andere nicht. Viele alternative Festivals in der DDR gab es nur einmal. Zum Beispiel das "Intermedia I" in Coswig bei Dresden: "Wir hatten alles schon so organisiert, dass wir wegrennen konnten", erzählt Christoph Tannert, einer der damaligen Organisatoren. Das Festival, offiziell als Jazzkonzert angekündigt, war ein Kunsthappening. Maler pinselten ihre Bilder auf Rollos, die sich schnell einpacken ließen, Bands ohne Spielerlaubnis brachten die Menge zum Toben. Während des Festivals griff niemand ein, später schlug die Staatsmacht zu: Der Veranstalter wurde entlassen, andere wurden von der Stasi verhört oder zu Ausreiseanträgen gedrängt.

Festivals des politischen Liedes

Es gab aber auch Musikfans, die einen Kompromiss suchten zwischen unangemeldeten Open Airs und von der FDJ veranstalteten Jugend-Events, wie dem jährlich in Ost-Berlin stattfindenden "Festival des politischen Liedes". Zu dem wollte der Berliner Lutz Kirchenwitz ein legales Gegenprogramm organisieren: eine Veranstaltung für die ganze Familie, zwei Wochen Musik und Kulturprogramm, weder oppositionell noch inoffiziell, aber doch von unten. 1983 gab es den ersten "Liedersommer der Freien Deutschen Jugend".

"Es brauchte viel Zeit, um die Sicherheitsbedenken der SED-Bezirksleitung auszuräumen", sagt Kirchenwitz. "Ich glaube, der Liedersommer wurde nur möglich, weil es in der FDJ einen Führungswechsel gab, und neue junge Menschen jetzt mitredeten." Die Künstler kamen aus der ganzen Welt, überwiegend aus der Liedermacher- und Folkszene. Wegen des Geldes kam keiner. "Mit der Ostmark konnte man ja nichts kaufen", erzählt Kirchenwitz. "Es gab Musiker, die wollten lieber mit Kaviar oder mit einem Pelzmantel bezahlt werden."

Der Liedersommer ist mit der DDR untergegangen, denn das ganze Festival wurde von der FDJ finanziert. Hinzu kam, dass die jungen Leute Neues wollten: zunächst all die Bands aus dem Westen, die nie in der DDR auftreten durften. Die nächste Generation Musikfans konnte dann mit den familiär-kuscheligen Open Airs à la Steinbrücken nichts mehr anfangen. Sie wollten Events, Animation. Keines der bekannten DDR-Festivals ist nach der Wende zu einem ostdeutschen Rock am Ring geworden. Das größte Open Air in in den neuen Bundesländern ist heute das Melt!-Festival in Sachsen-Anhalt, etwa 100 Kilometer nordöstlich von Magdeburg. Es hat zwar noch DDR-Atmosphäre, weil es an einem alten Tagebau-Restloch stattfindet, wo Braunkohle-Bagger 30 Meter in den Himmel ragen - die Gründer und Veranstalter kommen aber aus dem Westen.

"Als wir 1999 das erste Mal das Festival hier veranstalteten, sah es aus wie auf dem Mond", erinnert sich Jörg Friedrich, einer der Gründer. Lange hatten sie Ausschau gehalten nach dem geeigneten Ort für das Event, das sowohl Fans von elektronischer Musik als auch von Indie-Pop ansprechen soll. "Das Gelände war einfach perfekt.", sagt Friedrich. "Wir verschmelzen Musikstile und dort verschmilzt Industrie mit Natur." Heute kommen jedes Jahr 20.000 Menschen zum Melt!-Festival, dieses Jahr ist es zum ersten Mal ausverkauft. Mit dem Festival hat sich auch das Publikum geändert. Im vergangenen Jahr dominierten Teenager mit lila Leggins und riesigen, bunten Sonnenbrillen.

Jörg Friedrich sieht diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist ihm das Melt! zu kommerziell geworden. "Früher war es eine Veranstaltung für Insider, jetzt ist es ein Happening." Andererseits kann Friedrich den Wandel verstehen. Bands leben nicht mehr von CD-Verkäufen, sondern von der Gage, also schießen die Preise in den Himmel. Als er selbst noch Veranstalter war, musste das Festival mal ausfallen, weil nicht genügend Geld da war. Dann stieg eine große Musikzeitschrift ein und beförderte das Melt! in die Oberliga der Festivals.

Auf so etwas hat Uwe Hager keine Lust. Sein Festival in Steinbrücken kommt seit 26 Jahren ohne Sponsoren, Disco-Zelt und DJ-Events aus. "Bei uns ist es urig, und so soll es auch bleiben", sagt er. So wie er die Regeln für Live-Musik-Veranstaltungen in der DDR ignoriert hat, will er sich auch heute nicht reinreden lassen. "Eines Tages kamen irgendwelche Leute und haben mir was von Klos und Seifenspendern erzählt - brauchen wir hier alles nicht."

Die Welt um Steinbrücken herum mag sich vielleicht verändert haben - das Festival ist eine Insel geblieben.

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