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Dänen-Rocker Volbeat Metallicas Musterschüler

Die dänische Band Volbeat rockt die Vereinigten Staaten – mit ur-amerikanischer Musik. Der enge Kontakt zum Publikum ist den „menschlichen“ Rockern besonders wichtig.

20.04.2011 22:00
Maurice Farrouh
Headbanger mit Elvis-Tolle: Volbeat-Frontmann Michael Poulsen verausgabt sich auf der Bühne bis zur Erschöpfung. Foto: afp

Die dänische Band Volbeat rockt die Vereinigten Staaten – mit ur-amerikanischer Musik. Der enge Kontakt zum Publikum ist den „menschlichen“ Rockern besonders wichtig.

Michael Poulsen ist angekommen. 6200 Kilometer, neun Flugstunden, von Kopenhagen nach New York mit einem Ziel: den Rock’n’Roll nach Amerika zu tragen.

Mit seinem völlig zutätowierten Unterarm schiebt sich der bullige Sänger die schweißnasse Haartolle aus dem Gesicht. Dann lächelt er über den Mikrofonständer hinweg in die Dunstschwaden, die von den Haarschöpfen vor der Bühne aufsteigen. „Thank you, New York!“, sagt Poulsen, und wer die Augen schließt, mag sich beim Klang seiner Stimme an Elvis Presley erinnert fühlen.

Im altehrwürdigen Konzertsaal des Irving Plaza im Süden Manhattans steht das Publikum dicht gedrängt. Ikonen des amerikanischen Rock haben hier auf der Bühne gestanden, die Ramones, B-52s und viele andere. Jetzt stehen da oben vier Männer aus Kopenhagen und heben ihre Bierbecher auf Johnny Cash. Die Bassdrum stampft die ersten Takte des Country-Klassikers „Sad Man’s Tongue“. Nach wenigen Sekunden explodiert die gesetzte Cash-Nummer in ein Gewitter aus dröhnenden Gitarrenriffs, im wogenden Pogo-Getümmel auf dem Tanzboden fliegen Plastikbecher und T-Shirts in die Luft.

Volbeat aus Dänemark sind angekommen im Land ihrer Wurzeln. Metallica, Elvis Presley, Social Distortion oder Hank Williams heißen die geistigen Väter des wüsten Stilgemischs aus Heavy Metal, Country, Punk und Blues, mit dem die Kopenhagener zuerst die heimische Rockszene durcheinandergewirbelt haben – und mit dem sie jetzt in den Staaten gerade zum ersten großen europäischen Metal-Import seit Rammstein aufsteigen. „Thronfolger des Metal“ und legitime Erben von Metallica nennt sie der weltweit zu den wichtigsten Fachmagazinen zählende Metal Hammer.


Volbeat - Sad Man's Tongue - MyVideo

Die Initialzündung für den Erfolg der Europäer im Heimatland des Rock’n’Roll verursachte ausgerechnet eines der berühmten Vorbilder selbst: Metallica-Sänger James Hetfield. Wie viele Vertreter des amerikanischen Heavy Metal hat Hetfield stets ein Auge auf die europäische Szene, wo sich einst Genre-Pioniere wie die Briten Black Sabbath und Iron Maiden formierten und in der heute besonders die skandinavischen Länder mit düsterem Satans-, Wikinger- und Naturkultmetal tonangebend sind.

Plaudern mit den Fans

Hetfield war so begeistert vom Sound der Dänen, dass er persönlich nach Kopenhagen flog, um sie als Vorband für die USA-Tour der Metal-Legenden zu verpflichten. Auch Megadeth und Social Distortion wollten die Dänen haben, aber Volbeat entschieden sich für Metallica.

„Ein Traum ist wahr geworden“, sagt der 36-jährige Poulsen, der in der dänischen Kleinstadt Slagelse aufgewachsen ist und vor dem musikalischen Durchbruch als Nachhilfelehrer jobbte. Und doch warnt gerade er, der Porträts von Elvis und Johnny Cash auf der Haut trägt, vor übertriebener Vergötterung von Rockstars. „Sie sind auch nur Menschen“, sagt er. Dass er inzwischen selbst von Fans wie ein Messias gefeiert wird, lässt ihn nach eigener Aussage kalt. „Ich fühle mich nicht wie ein Rockstar“, erklärt der Sänger ausdauernd. Noch immer stellen sich die Musiker nach jedem Auftritt an die Bar und plaudern mit ihren Fans. Immer häufiger stehen sie allerdings erstmal alleine da – weil sich niemand traut, sie anzusprechen. Denn in Europa gehören Volbeat inzwischen zu den ganz großen Nummern im Rockgeschäft. Ihre Konzerte auf dem Heimatkontinent sind Monate im Voraus ausverkauft, das jüngste Album brachte den Dänen mehrfach Gold und Platin. Noch vor drei Jahren spielte die 2001 gegründete Band in kleinen Clubs, heute kommen Tausende.

Es ist eine Anhängerschaft, die sich die Gruppe außer mit ihrem originellen Stilmix auch mit massivem Touren-Aufwand erarbeitet hat. Volbeat spielen rund 200 Auftritte im Jahr. Das hat auch damit zu tun, dass die Musiker lange um ihren Erfolg kämpfen mussten. Mit seiner alten Band „Dominus“ – einer typisch-dänischen Death-Metal-Combo – mühte sich Poulsen zuvor jahrelang erfolglos.

Jetzt reibt er sich für Volbeat auf. Bei einem Konzert in Holland brach er auf der Bühne vor Erschöpfung zusammen und musste ins Krankenhaus. „Es ist einfach meine Leidenschaft, auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen“, sagt der Sänger und Gitarrist, der sich schon als Fünfjähriger an den Elvis-Platten seiner Eltern vergriff.

Destillat der US-Rock-Geschichte

„Elvis-Metal“ nennt auch die Fachpresse, die immer Schubladen braucht, den Volbeat-Sound. Genauer betrachtet ist das Schaffen der Kopenhagener ein modernes Destillat der US-Rock-Geschichte, das scheinbar mühelos krasse Gegensätze in sich vereint. Dass ihr Werk jetzt auch im Land seiner geistigen Wurzeln Anklang findet, ist für die Männer um Poulsen wohl der größte Ritterschlag. Immerhin entstanden die Songs, die jetzt in New York, Denver oder San Francisco vom Publikum bejubelt werden, weit weg, auf einem anderen Kontinent.

Es ist indessen nicht so, dass die Musiker vor ihrer laufenden Tour noch nie einen Fuß in die Vereinigten Staaten gesetzt hätten. Bandleader Poulsen hat sogar dort geheiratet – auf Graceland, dem Anwesen Elvis Presleys in Memphis. Doch trotz der Verehrung für den US-Rock’n’Roll sind Volbeat selbstbewusste Europäer. Als in Memphis ein Polizist Poulsen verhaften wollte, weil er nach seiner Hochzeitsfeier betrunken an eine Hauswand gepinkelt hatte, klärte ihn der Däne erst mal unverdrossen über europäische Toleranz auf: „Bei uns in Europa“ sei so ein Verhalten kein Problem.

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