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Crailsheim Eine Stadt als Waffenhändler

Nach dem Amoklauf von Winnenden geben viele Menschen symbolisch ihre Waffen ab. Das Ordnungsamt der Stadt Crailsheim hinderte das nicht daran, einige der Gewehre zu verkaufen. Von Gabriele Renz

20.07.2009 00:07
GABRIELE RENZ

Nach dem Amoklauf von Winnenden gaben viele Bürger ihre Waffen ab - geerbte, alte, ungenutzte Pistolen und Gewehre. Das Regierungspräsidium Stuttgart unter Johannes Schmalzl vermeldete stolz, viele hundert Waffen seien eingeschmolzen worden. Zehn Tonnen sollen es gewesen sein. Es war auch ein symbolischer Akt nach dem Amoklauf des 17-jährigen Tim K. Doch wie sich herausstellt, verschwanden nicht alle Waffen von der Bildfläche.

Die Stadt Crailsheim, etwa 100 Kilometer von Winnenden entfernt, schoss mit ihrem Vorgehen den Vogel ab: Sie verkaufte mindestens eine Waffe auf dem freien Markt, andere sollten in Waffenbörsen zu Geld gemacht werden. Rund 120 Waffen waren von Bürgern im Rathaus abgegeben worden. "Mindestens eine Waffe ist nach dem Amoklauf von der Stadt veräußert worden", bestätigte zunächst Baubürgermeister Herbert Holl. Dann zählte man nochmals durch: Definitiv waren fünf Luftgewehre verkauft, also wieder in Umlauf gebracht worden. Damit verstieß die Stadt gegen eine Absprache mit dem Innenministerium. - Und aus Sicht vieler Bürger gegen einen Moralkodex.

Nach dem Amoklauf vom 11. März hatte die Fachabteilung von Innenminister Heribert Rech (CDU) "gebeten", keine Waffen mehr zu veräußern oder abzugeben. Man habe mit den vier Regierungspräsidien "vereinbart, Waffen, die die Bevölkerung abgibt, zu vernichten", sagt Rechs Sprecherin. Zumindest das Stuttgarter Regierungspräsidium beteuert, sofort eine "dringende Empfehlung" an alle Kommunen herausgegeben zu haben. Zwar war dies keine Weisung, doch sei man davon ausgegangen, dass sich alle daran halten.

Die Stadt Crailsheim hatte schon früher Waffen verkauft, auch bei Versteigerungen in Schützenvereinen. Und machte dies auch nach Winnenden. Der Gemeinderat hat nun beschlossen: In Crailsheim wird keine Waffe mehr verkauft.

Für die Akteure aus Crailsheim hatte die Affäre schon ein Nachspiel: Der ehemalige Chef des Ordnungsamtes wurde in den städtischen Bauhof versetzt, der Oberbürgermeister trat nach zehnjähriger Amtszeit zurück - offiziell aus gesundheitlichen Gründen.

Der Verkauf der Waffen aber war nur ein Teil der Affäre: An Fronleichnam verschwanden elf Pistolen samt Munition aus dem offen stehenden Tresorraum des Ordnungsamtes. Über deren Verbleib ist nichts bekannt.

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