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Cosplay Raus aus dem grauen Alltag

Manga, Anime, Cosplay als – gelegentliche – deutsche Jugendkultur.

Cosplay in Shanghai
Cosplay in Shanghai 2015. Foto: afp

Hans-Dietrich Genscher zeigte sich 2008 „interessiert“ an dem bunten Getümmel. Japans Außenministerium zeichnete 2016 das Organisationsteam der immer parallel zur Frankfurter Buchmesse stattfindenden Deutschen Cosplay-Meisterschaften aus für ihre da schon seit zehn Jahren unentwegte Vermittlung japanischer Kultur. Populärer Kultur, wohlgemerkt. Jugendlicher Kultur. „Costume Play“, Kostümspiel – kurz: Cosplay – ist längst angekommen.

Das hat nichts mit Karneval zu tun – da rümpfen Cosplayer empört die Nase. Ihre Inszenierungen folgen nicht der ritualisierten Vereinskultur von Garden und Funkenmariechen, der Fundus ihrer Kostümideen ist die Populärkultur der ganzen Welt, zuallererst der japanischen Comics, der Manga.

Hierzulande zählt man so 15 000 Cosplayer, Stand 2012. Oder, wenn man Internetforen folgt, „doch mindestens 100 000“.  Masse ist aber irrelevant (wenn auch für alle Beteiligten eine willkommene Abwechslung), denn es ist der individuelle Auftritt, der Cosplay ausmacht, wie exakt jemand eine Figur aus Manga, (Anime-) Trickfilm, Kino oder Computerspiel nachstellt. Manche gehen so weit, dass sie sich in ihren Kostümen – beispielsweise als multifunktionale „Transformer“-Kampfroboter – gar nicht bewegen können und Cosplay-Treffen wie bei den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt als Ausstellungsobjekte überdauern. Der Lohn sind die Komplimente anderer Cosplayer.

Begonnen hat das alles nicht in Japan, sondern in den USA, wo sich in den 80er Jahren Science-Fiction-Fans auf „Conventions“ (Messen oder Autorentreffen) als ihre Lieblingsfiguren kostümierten. Von „Star Wars“ zu Manga war es ein minimaler Schritt. Wie das? 

Bernd Dolle-Weinkauf, Kustos des Frankfurter Instituts für Jugendbuchforschung und Comic-Koryphäe, erklärte das 2006 auf comicforschung.de so: Wer Manga für „eine genuine japanische Kunstform“ halte, der irre. Denn „der japanische Comic hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (…) darstellungsästhetische Verfahren, grafische Konventionen, Motive, Stoffe und Themen aus vielerlei fremden Kulturen (…) aufgenommen und in die eigenen Produktionen eingearbeitet“. Inklusive der US- und europäischen Populärkultur. Cosplay ist somit auch die Aneignung visueller Konventionen und Traditionen, die so fremd gar nicht sind.

„Das Fremde“ – und wenn auch nur fremd in der Wahrnehmung anderer – ist allerdings ganz wichtiger Bestandteil von Cosplay. Dolle-Weinkauf hat jüngst zusammen mit Franzosen und Italienern eine Umfrage unter Fans angestrengt, die nun ausgewertet wird. So viel sei aber jetzt schon klar, sagt er: Bei der japanischen Populärkultur als einem „jugendkulturellen Phänomen – vergleichbar mit der Amerikanisierung in den 50ern“ – bestehe „ein enger Zusammenhang mit der Adoleszenz“.

Sprich: mit dem Jungsein und dem Nicht-erwachsen-Sein. „Da geht es um Abgrenzung: Das machen Erwachsene nicht.“ Heranwachsende machen sich vertraut mit dem (scheinbar) Fremden an Manga, Anime, Cosplay und lassen so andere außen vor. Auch andere Jugendliche. Dolle-Weinkauf: „Die Jugendkulturen differenzieren sich immer mehr.“ Cosplay bietet die vielleicht radikalste Differenzierung.

Eine in sich grenzenlos bunte Kreativität, die nichts gemein hat mit den Uniformen der Marktgesellschaft, ihren nüchtern gedeckten Farben, mit dem bedingungslos grauen Funktionieren in Erwerbs- und Konsumwelt. Im Gegensatz zu Subkulturen wie den Punks aber ist Cosplay nicht permanent – die Kostümierung ist viel zu aufwendig und soll ja auch Ausbruch aus dem Alltag sein und nicht dessen Ersatz. Die Jugendrebellion dauert nur ein Wochenende lang. Danach hält man die Erinnerung an den gelegentlichen Ausbruch via Smartphone oder PC wach. Und liest Manga original Japanisch, von rechts nach links. Ganz anders halt.

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