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"Corelli" V-Mann mit Verbindung zum NSU

Zwei Jahrzehnte spionierte Thomas Richter als V-Mann in Sachsen-Anhalts rechter Szene, hatte Kontakte zum Mördertrio des NSU. Er strich Hunderttausende Euro dafür ein. Viel raus kam dabei nicht. Die Geschichte einer mysteriösen Enttarnung

23.06.2015 13:41
Hendrik Kranert-Rydzy
Zwei Jahrzehnte spionierte Thomas Richter als V-Mann in Sachsen-Anhalts rechter Szene, hatte Kontakte zum Mördertrio des NSU. Foto: iSTock, Montage: FR

Am 17. September 2012 steht die Spitze des sachsen-anhaltischen Innenministeriums Kopf: An diesem Montag klingelt im Büro von Minister Holger Stahlknecht (CDU) unablässig das Telefon; abwechselnd sind der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), der Präsident des Bundesverfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen sowie weitere hochrangige Beamte von Bundesbehörden in der Leitung. Der Grund für die Hektik: Einer der wichtigsten Spitzel des Bundesverfassungsschutzes, Deckname „Corelli“, droht aufzufliegen. Endgültig.

„Corelli“ heißt im wirklichen Leben Thomas Richter, ist zu diesem Zeitpunkt 38 Jahre alt, stammt aus Halle und war eine Schlüsselfigur der rechten Szene Sachsen-Anhalt. Und: „Corelli“ soll einer von nur drei V-Leuten gewesen sein, die Zugang zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) hatten. Viele Indizien sprechen dafür; das Bundesamt für Verfassungsschutz bestreitet jedoch, dass Richter innige Kontakte zum NSU hatte.

An diesem 17. September ist seit längerem bekannt, dass Richters Spitzeltätigkeit auffliegen könnte. Bereits Anfang des Jahres soll „Corellis“ V-Mann-Führer beim Bundesamt für Verfassungsschutz seinen Klienten darauf hingewiesen haben. Zu diesem Schluss kommt der Sachverständige Jerzy Montag in seinem Gutachten für das Parlamentarische Kontrollgremium (PKGr) des Bundestages. Das PKGr hatte Montag, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Grünen, damit beauftragt, die Rolle von Richter alias „Corelli“ im Zusammenhang mit dem NSU zu überprüfen.

Am 24. August wird beim Bundesamt für Verfassungsschutz darüber beraten, wie Schutzmaßnahmen für Richter verstärkt werden sollen. Denn dessen Identität sollen dem Bundesinnenministerium und dem Bundeskriminalamt übermittelt werden, ebenso den Vorsitzenden des PKG und des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages. Das geht aus Montags Gutachten hervor, das diese Zeitung jetzt einsehen konnte. Eine Enttarnung „Corellis“ wird damit nach Ansicht des Verfassungsschutzes immer wahrscheinlicher. Am 3. September wird entschieden, dass Thomas Richter eine neue Identität bekommen soll: Aus dem 1974 in Morl bei Halle geborenen Richter wird Thomas Dellig, geboren 1975 in Celle. Genau zwei Wochen später verfrachtet der Verfassungsschutz Richter in einer Blitzaktion ins nächstbeste Flugzeug nach Großbritannien. Bei einer Enttarnung soll sich die Neonazi-Szene nicht am Spitzel rächen können.

Richter ist also de facto in Sicherheit, als Sachsen-Anhalts Innenminister Journalisten zur Mittagszeit des 17. September in sein Büro einlädt. In dem vertraulichen Gespräch erklärt Stahlknecht, dass Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) und die Landtagsfraktion der Linken in Sachsen-Anhalt durch „Indiskretionen“ einen Zusammenhang zwischen „Corelli“ und Thomas Richter hergestellt und damit den V-Mann in Lebensgefahr gebracht hätten. Die Beweislage jedoch ist dünn: Pau hatte lediglich zuvor erklärt, dass sich ein „uns bekannter Nazi aus Sachsen-Anhalt“ bis zum Abtauchen des Zwickauer Mördertrios Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe im Freundeskreis von Mundlos aufgehalten habe. Die Pressemittelung der Linken ist zwar etwas deutlicher, weil in ihr spekuliert wird, dass das Landesamt für Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt „über diese Kontakte sehr wohl informiert war“.

Keinen Hinweis auf einen V-Mann

Doch weder gibt es einen Hinweis auf einen V-Mann, noch tauchen die Namen „Corelli“ oder gar Thomas Richter auf. Dennoch titelt die „Magdeburger Volksstimme“ am folgenden Tag: „V-Mann fliegt nach Indiskretion der Linken auf“. In dem Beitrag wird erstmals Thomas R. als V-Mann benannt. Sonderermittler Montag findet keine Belege dafür, dass Pau oder die Linke in Sachsen-Anhalt den V-Mann enttarnten. Wohl aber dafür, dass Innenminister Stahlknecht die Bestätigung dafür lieferte, dass „Corelli“ und Thomas Richter ein und dieselbe Person sind: „Der Innenminister hat in einem Pressegespräch am Vormittag des 17. September 2012 die Pressevertreter darum gebeten, bei ihrer Berichterstattung darüber, ob oder dass der V-Mann Corelli identisch mit dem Neonazi Thomas Richter ist, behutsam vorzugehen, um den V-Mann nicht zu gefährden. Dies ist von den Journalisten mit hoher Wahrscheinlichkeit als eine Bestätigung ihrer Annahme gesehen worden“, schreibt Montag.

Die Frage ist, warum Stahlknecht eine offenkundig haltlose Fährte zu den Linken legte und sich in Angelegenheiten des Bundesamts für Verfassungsschutz einmischte: Richter wurde nur gut zwei Jahre vom Landesverfassungsschutz in Magdeburg geführt und bereits in den 1990er Jahren an das Bundesamt abgegeben. Verfassungsschutz-Chef Jochen Hollmann jedenfalls betonte mehrfach, dass seine Behörde für Richter in den den NSU betreffenden Jahren nicht mehr zuständig war. Was also trieb Stahlknecht? Das Bundesamt für Verfassungsschutz und dessen Präsident Maaßen? Ex-Innenminister Friedrich?

Die Wertung des Sonderermittlers könnte für Stahlknecht Folgen haben; in Betracht kommt Paragraf 353b des Strafgesetzbuches – Geheimnisverrat. Stahlknechts Kommentar dazu fällt knapp aus: „Der erwähnte Bericht ist meines Wissens geheim und liegt mir nicht vor. Daher kann ich mich auch nicht zu Annahmen äußern, die Herr Montag für mehr oder weniger wahrscheinlich halten soll.“

Für Thomas Richter, der jetzt Dellig heißt, beginnt nach seiner Rückkehr Ende September 2012 aus dem Ausland ein neues Leben. Das Bundesamt für Verfassungsschutz zeigt sich für einen seiner bisherigen Top-Spitzel weiter außerordentlich großzügig. Richters Wunsch nach 800 Euro monatlich plus Miete wird übererfüllt – 1000 Euro monatlich plus 600 Euro Miete zahlt der Steuerzahler über den Verfassungsschutz an einen der einst wichtigsten Neonazis in Sachsen-Anhalt. Hinzu kommen 18 000 Euro Abschaltprämie, 10 000 Euro Entschädigung für zwei getunte Autos sowie mehrere tausend Euro für seine Leipziger Wohnungseinrichtung. Zugleich erstattet der Verfassungsschutz sämtliche Kosten für mehrere Auslandsaufenthalte Richters inklusive Sachkosten für den betreuenden Partnerdienst und alle Spesen, die Richter mit Quittung belegen kann. Für den Neustart ins Berufsleben schlagen noch ein Schweißerpass und ein Staplerführerschein sowie 5 000 Euro für einen persönlichen Englisch-Sprachtrainer zu Buche.

Das finden dann selbst im Verfassungsschutz nicht mehr alle lustig: Auf einem Sprechzettel für Behördenchef Maaßen ist von einem „enormen Kosten- und Betreuungsaufwand“ die Rede, während Maaßen im Parlamentarischen Kontrollgremium nur von einer „angemessenen finanziellen Unterstützung“ spricht.

Kaum Hinweise auf NSU

Dank für 18 Jahre, in denen Richter vor allem Foto- und Videoaufnahmen seiner Kameraden lieferte – aber offenbar kaum Hinweise auf gewalttätige Aktionen der Szene, geschweige denn auf den NSU. Und das, obwohl sich Richter und Uwe Böhnhardt seit 1995 kennen und der Verdacht nahe liegt, dass Beate Zschäpe bei ihren Zahnarzt-Besuchen in Halle Kontakt zu Richter hatte. In seiner aktiven Zeit hat Richter rund 300 000 Euro von der Kölner Behörde erhalten – in 18 Jahren sind das durchschnittlich 1300 Euro im Monat. Steuerfrei. Hinzu kommt Richters Verdienst als CD- und Lederwarenhändler. Es steht zu vermuten, dass Richter mit einem Großteil des Geldes in Aktivitäten der Neonazi-Szene steckte. Richter war Betreiber zahlreicher Internetseiten – darunter der Nationaldemokratische Beobachter nd-b.com – und stellte seinen Kameraden Serverkapazitäten für deren Internetauftritte zur Verfügung. Den Speicherplatz dafür kaufte er offenbar in den USA ein. Richter war damit die zentrale Figur für die rechte Szene bei ihrer Vernetzung und Kommunikation via Internet.

Am 27. November 2012 wird Thomas Richter alias Thomas Dellig als V-Mann „Corelli“ abgeschaltet. Obwohl nicht mehr für ihn zuständig, lässt sein V-Mann-Führer den Kontakt zu seinem Schützling nicht abreißen. Es fehlt in dieser Beziehung seit langem das, was in Geheimdienstkreisen als nötige kritische Distanz bezeichnet wird. Als der V-Mann-Führer Richter sogar vorschlägt, mit ihm in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, droht das Betreuungsteam des Verfassungsschutzes mit seinem Rückzug. Eineinhalb Jahre lebt Richter unter neuer Identität in verschiedenen Wohnung und wird immer wieder aus Sicherheitsgründen ins Ausland gebracht. Richter selber hält sich nicht an die verordnete totale Kontaktsperre und hat regelmäßig Kontakt mit seinem Leipziger Freund aus der Tuning-Szene mit Namen „Tommy“.

Ende März 2014 bricht dann überraschend der Kontakt zwischen Richter und seinen Betreuern ab. Am 7. April finden zwei Männer des Verfassungsschutzes Richter in dessen Wohnung nahe Paderborn. Der einstige Spitzel ist tot, verschieden an einer bislang unerkannten Diabetes. Das sorgt für Spekulationen in der Öffentlichkeit über ein „Fremdverschulden“ – Beweise dafür gibt es nicht. Verfassungsschutz, Staatsanwaltschaft und Polizei verständigen sich laut Montag-Gutachten darauf, dass Richter unter seinem neuen Namen Dellig eingeäschert werden soll – damit mögliche Erbschaftsansprüche seiner Familie ins Leere laufen. Doch dazu kommt es nicht.

Der „Spiegel“ berichtet über den Tod des V-Mannes, Richters Bruder meldet sich daraufhin bei den Behörden. Im Lauf des Monats April werden daraufhin der vom Notarzt ausgestellte Totenschein von der Polizei umgeschrieben; der zuständige Staatsanwalt stellt einen neuen, rückdatierten Beerdigungsschein aus. Der ursprünglich auf den Namen Dellig ausgestellte Schein und weitere Dokumente werden von einem hochrangigen Paderborner Kriminalist vernichtet. Thomas Dellig hat aufgehört zu existieren. Thomas Richter war schon lange vorher gestorben.

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